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Weintest mit Sommelier: So gut schmeckt der Wein auf dem Stuttgarter Weindorf


Der Stuttgarter Sommelier Philipp Berg hat den richtigen Riecher für Wein – für uns hat er die Weine auf dem Weindorf getestet.
Lichtgut/Zophia Ewska
Kulturbar by Sitt Wein, Laube 17: Erstmals beim Weindorf vertreten ist die etwas andere Weinbar aus Stuttgart-Süd, Sitt. Vom Schlossplatz her kommend ist die Nummer 17 die erste Laube, die man als Weindorf-Besucher in Richtung Schillerplatz passiert. Ihr für Stuttgart einzigartiges Prinzip – jeder Gast füllt sich den gewünschten Wein in gewünschter Menge aus einem Dispenser selbst ins Glas – haben die Sitt-Macher zum Teil auch mit aufs Weindorf gebracht. Jeder Winzer hat jeweils einen Wein für den offenen Ausschank und einen für den Dispenser zur Laube beigesteuert, dazu gibt es jeden Abend ein „Speedtasting“ mit unterschiedlichen Weingütern, etwa am 6. September mit dem Weingut Dautel oder am 7. mit dem Weingut Aldinger. Ins Glas für Sommelier Philipp Berg gibt es hier beim Weintest die eigene in Zusammenarbeit mit dem Weingut Beurer entstandene Weinline „Vierteles Schlotzer by Sitt“: „Der Name ist Programm. Der ist wirklich als schöner Weißwein gemacht: gefällig und das, was man sich in der heutigen Zeit unter einem Viertelesschlotzer vorstellt. Früher hat man damit ja einen Trollinger oder TL gemeint. Der Wein hier hebt das Ganze auf eine schöne Ebene. Man hat eine tolle Frucht aufgrund der Rebsorten (Riesling, Sauvignon Blanc, Müller-Thurgau, Muskateller), die Säure ist immer noch anregend da, aber nicht zu brachial, das finde ich einfach easy und schön gemacht. Da hat man einfach Bock auf eine zweite Flasche.“
Lichtgut/Zophia Ewska
Spelunkerei – Wein und Küche, Laube 7: Michael Schokatz, der mit seinem Geschäftspartner Antonio Baratta auch die Spelunkerei in Stuttgart-Wangen betreibt, ist erstmals mit der Spelunkerei-Laube auf dem Weindorf vertreten. Die junge Weinlaube hat eine kleine, aber feine Weinkarte und auf Nachfrage auch die eine oder andere Besonderheit dabei. Aushängeschild der Laube sind die Weine von Aaron Schwegler vom Weingut Albrecht Schwegler: „Das ist einer unserer engsten Partner. Er hat sich spezialisiert auf Cuvées“, erklärt Michael Schokatz. Getestet wird von Sommelier Philipp Berg die im Ausschank offene Cuvée „Weiß von den Parzellen“: „Man hat eine leichte Süße, aber nicht zu viel, schön mit der Säure gepuffert. Man hat einen schönen Trinkfluss, was Spaß macht. Und das ist, denke ich, auch der Gedanke bei diesem Cuvée-Wein: dass er die breite Masse anspricht, nicht zu kompliziert ist, das finde ich sehr schön gemacht.“ Für Rotweinfans hat der Sommelier außerdem einen Tipp: „Kleine Ergänzung am Rande: Ich finde auch die Rotweine, die wir zwar jetzt nicht probiert haben, sehr schön. Die sind auch ein bisschen was Kräftigeres, als Cuvée gemacht, mit einer Power dahinter und internationalen Rebsorten – sehr spannend!“
Lichtgut/Zophia Ewska
Weinfactum, Laube 4: Bei Laube Nummer vier angekommen, gibt Philipp Berg zunächst ein paar Infos zu Weinfactum allgemein: „Weinfactum ist eine Genossenschaft, die ihre Weintrauben von all ihren Mitgliedern bekommt. Ich finde es sehr schön, wie das heute gemacht wird: dass sie danach schauen, dass die Trauben eine hohe Qualität haben, und dass da aussortiert wird. Früher war das leider nicht der Fall, da hat einfach jeder das abgeliefert, was er gehabt hat, und es wurde einfach nur auf Gewicht und nicht auf Qualität gezahlt. Das hat sich zum Glück geändert, und ich finde die Auswahl an Weinen auch ganz schön“, lobt der Sommelier. „Hier haben wir auch andere Rebsorten auf der Karte, Gewürztraminer oder Muskateller zum Beispiel, die man bei den anderen vielleicht nicht unbedingt bekommt.“ Und nun zum Weintest. Der Weißburgunder, Jahrgang 2023, soll laut Wirten der Verkaufsschlager sein und wird von Philipp Berg auch getestet: „Das ist für mich jetzt ein ganz typischer Weißburgunder: Man hat eine schöne Mineralität mit drin, eine schöne Frucht, die Säure ist zurückhaltend. Ich kann verstehen, dass das der Bestseller ist, weil er einfach Spaß macht.“
Lichtgut/Zophia Ewska
Bei der Laube von Weinfactum findet sich aber auch etwas Besonderes für die heißen Tage: „‚Granita‘, unser Weißwein-Slushy aus hauptsächlich süßen Weinen – Riesling und Traminer genauer gesagt – mit ein bisschen Glukose, damit die Flüssigkeit kristallisiert. Das ist an heißen Tagen hier der Renner“, verrät Melanie Egerle von Weinfactum. Das Urteil des Sommeliers und Fachmanns im Test dazu: „Es ist natürlich ein Eis, deswegen ist der Slushy auch süß, und das ist auch vollkommen okay. Der Wein kommt im Geschmack definitiv raus – als Bouquet Rebsorte noch mehr. Ich glaube, es ist ein lustiger Spaß und auch ein bisschen an der Zeit, solche Sachen zu machen“, urteilt Philipp Berg und plädiert für einen furchtlosen und zugangsfreundlichen Umgang mit dem Thema Wein und Weinprodukte.

Zur Zaißerei und Vis-à-vis, Laube 15/1 & 15/2: „Der Cannstatter Zuckerle Riesling ist unser Klassiker hier auf dem Schillerplatz“, weiß Stuttgarter Winzer Andreas Zaiß. „Hier auf der Karte haben wir zum Beispiel einen 2023er schönen, kräftigen Riesling mit noch ein bisschen verschlossener Mineralität.“ Und der angepriesene Klassiker kommt Philipp Berg auch direkt ins Testglas. „Die Hauptrebsorte im weißen Bereich, die wir hier haben, ist natürlich der Riesling“, bemerkt der Stuttgarter Weinkenner vom Fach beim Weintest. „Der hier ist kräftig für einen Riesling und hat trotzdem eine anregende Säure. Wenn man mit etwas startet auf dem Weindorf und Lust hat, statt einem Sekt auch mal etwas anderes zu trinken, was anregend ist, ist der super, macht Spaß und geht rein.“
Lichtgut/Zophia Ewska
Weingut der Stadt Stuttgart, Laube 23: „Durch die Laube haben wir hier die Möglichkeit, das auszuschenken, worauf wir Bock haben“, freut sich Timo Saier vom Weingut der Stadt Stuttgart. Die Laube des Weinguts der Stadt Stuttgart mit Nummer 23, die unter seinen Fittichen ist, liegt in der Hirschstraße. Das Angebot ist breit gefächert und reicht von klassisch bis speziell. Getestet aus der klassischen Richtung wird der Riesling von der Mönchhalde, Jahrgang 2023: „Ich finde sehr schön, dass die Säure straff ist und etwas Spritziges hat und nicht nervig ist – was oftmals der Fall ist, und das kann schon für viele sehr anstrengend sein“, bemerkt Philipp Berg. „Wir haben hingegen einen frischen, anregenden Riesling hier. Das ist aber auch kein Wein, den man sich zehn Jahre in den Keller legt: Den muss man aufmachen, trinken, Spaß haben – super!“ Aus der Kategorie „speziell“ kommt beim Weintest im Anschluss noch ein weiterer Riesling ins Glas des Sommeliers, und zwar vom Obertürkheimer Kirchberg, Jahrgang 2019, spontanvergoren: „Ich persönlich finde es schön, dass wir jetzt einen Wein im Glas haben, der einfach schon eine Reife mitbringt. Die ist aber nicht so ausgeprägt, dass einen jetzt die Ananasnoten oder irgendetwas ‚zu Kräftiges‘ erwarten, er ist wirklich noch schön frisch: Man hat die Säure noch, die zum Riesling einfach gehört, man hat aber auch besagte Reife, die einen Wein einfach besser macht. Gerade, wenn man sich auch durchprobieren möchte auf dem Weindorf, ist es auch schön, ein paar ältere Jahrgänge testen zu können“, lobt der Stuttgarter Sommelier.
Lichtgut/Zophia Ewska
Zum Dreimädelhaus, Laube 24: Eine der ältesten Lauben des Weindorfs ist die heutige „Zum Dreimädelhaus“-Laube des Weinguts Currle. Der erst vor Kurzem verstorbene Fritz Currle war einer der Mitbegründer des Stuttgarter Weindorfs, die Töchter haben das Familiengeschäft aber schon länger übernommen gehabt. Ins Stielglas des Sommeliers und Testers Philipp Berg schenkt Annette Currle einen Weißburgunder ein. „Da steht die Mineralität im Vordergrund“, stellt Berg fest. „Und es ist wirklich ein sehr frischer Weißburgunder, der Spaß macht, am Anfang getrunken zu werden. Die Säurestruktur ist nicht zu anstrengend. Sehr frisch, sehr angenehm. Und wenn man sich am Anfang eine Käseplatte teilt (mit nicht zu kräftigem Käse), dann macht der Wein einfach total Sinn.“ Im Oktober eröffnet Annette Currle am Uhlbacher Platz im Übrigen ein neues Café: die Perle.
Lichtgut/Zophia Ewska
Die Stäffelesrutscher, Laube 37: „Die Wein- und Speisenauswahl hier auf dem Weindorf heute hat nichts mehr mit dem Weindorf von vor 40, 45 Jahren zu tun“, erklärt Michael Wilhelmer, ebenfalls einer der Wirte, die seit Langem beim Weindorf mitmischen und nicht mehr wegzudenken sind. „Alles ist viel hochwertiger geworden.“ Dabei lobt der Gastronom die Innovationen, die von den neuen, jüngeren Lauben mitgebracht werden, und zeigt sich selbst ausprobierfreudig mit ein paar ausgefallenen Weinen auf seiner Karte. Für Sommelier Philipp Berg darf’s die Cuvée „Grapes of Glory“ vom Weingut Christian Hirsch sein. Sein Urteil: „Souvignier Gris, Cabernet Blanc und Sauvitage, wie wir sie hier in der Flasche haben, sind Züchtungen, die gegen Pilzkrankheiten widerstandsfähiger sind, sodass man als Winzer nicht so viel oder gar nicht mehr spritzen muss. Diese Piwi-Rebsorten, also pilzwiderstandsfähige Rebsorten, sind sehr im Kommen. Oftmals hat man bei ihnen einen Eigengeschmack, der für mich störend ist – den hat man hier überhaupt nicht, das finde ich sehr spannend an diesem Wein. Es war ein unglaublich gefälliger Wein, der Kraft dahinter hatte und super ausgewogen war. Wenn jemand Lust hat, mal was anderes zu probieren, das aus Württemberg kommt: Das ist genau der richtige Wein.“
Lichtgut/Leif Piechowski
Winzerlaube am Weinbrunnen, Laube 35: Bei dieser Weinlaube haben sich zwei zusammengetan, die wie Topf auf Deckel passen: Adrian Beurer vom Weingut Beurer und Johannes Bauerle vom Fellbacher Weingut Johannes B, die beide für biologischen Weinbau stehen. Von Beurer probiert Philipp Berg zum Schluss des großen Weindorf-Tests ein Großes Gewächs: Riesling, 2021, Stettener Pulvermächer soll’s sein. Und wie schmeckt’s? „Ich finde es sehr schön, dass man hier auf dem Weindorf auch Große Gewächse zeigt. Das hier ist – nennen wir ihn mal so – der ‚Endgegner‘, den man auf dem Weindorf haben kann. Mit einer leichten Reife und einer Frucht, bei der nicht mehr die Säure im Vordergrund steht. Hier geht’s um den Körper, um die Power dahinter. Da hat man etwas Fleischiges, etwas Kräftiges im Mund: Das finde ich ganz toll.“ Grundsätzlich sei es ein Lob wert, wenn Winzer ihre Großen Gewächse mit aufs Weindorf brächten: „Es wird nicht viel davon gemacht, es ist schnell ausverkauft – und wenn man davon etwas mit aufs Weindorf bringt, sodass es auch jeder mal probieren kann, dann finde ich das sehr schön.“ Und nicht nur die eigenen, auch Raritäten von Fremdweingütern finden sich auf der Weinkarte des Winzer-Duos. „Wir haben auch viele sommerlich-frische Weine, die Spaß machen, da: Blanc de Noir, viele Weißwein-Cuvées. Aber uns war wichtig, gleichzeitig zu zeigen, dass man bei uns auch Weine trinken kann, die eine Tiefe drin haben und herausstechen“, bestätigt Jungwinzer Adrian Beurer.
Lichtgut/Zophia Ewska