Wenn Opa Hilfe braucht: Tropft der Wasserhahn in Stuttgart, springt Dirk gratis für die Familie ein

Benjamin Ehmann (rechts) vom DirK-Reparaturservice hat beim Rentner Gerd Johannßen einiges erledigt.
Caroline HolowieckiDrei Minuten benötigt Dirk, und das Problem, das anderthalb Jahre bestand, existiert nicht mehr. Ein paar Griffe mit der Rohrzange, und der neue Auslaufhahn ist montiert. Gerd Johannßen ist im Glück. Der 66-Jährige Stuttgarter hat MS, seine Verwandtschaft lebt in Schleswig-Holstein und hätte nicht eben mal in Stuttgart aushelfen können. Jetzt hat Dirk den Job erledigt. Schnell, unkompliziert – und vor allem kostenfrei.
„Das ist ein Geschenk für uns“, sagt Gerd Johannßen und schaut zum Mann im blauen T-Shirt, der soeben das barrierefreie Bad wieder flottgemacht hat. Johannßen bewegt sich in seiner behindertengerechten Wohnung in Stuttgart-Plieningen mit dem Rollstuhl fort. Die Türen sind extra breit, das Waschbecken extra niedrig, und auch zum Duschen braucht er spezielle Vorrichtungen. Der auszieh- und schwenkbare Auslaufhahn jedoch war undicht. Deswegen einen Handwerker anrufen? „Dafür lohnt sich das Kommen nicht“, sagt Gerd Johannßen, teuer wär’s obendrein geworden.
„Diakonie repariert Kleinigkleiten“ – kurz DirK
Dirk heißt gar nicht Dirk, sondern Benjamin Ehmann. Und Dirk wird eigentlich auch DirK geschrieben, kurz für „Diakonie repariert Kleinigkeiten“. So nennt die Diakoniestation Stuttgart ihren neuen Reparatur- und Hausmeisterservice, den sie exklusiv für die eigene Kundschaft anbietet.
Das Prinzip ist so simpel wie effektiv: Die Mitarbeitenden aus der ambulanten Kranken- und Altenpflege betreuen täglich um die 2500 Kunden in Stuttgart, und dort fällt ihnen allerhand auf. Mal ist eine Glühbirne kaputt, mal eine Schranktür locker, mal haben sich im Fernseher sämtliche Programme verschoben, mal ist das Rollladenband gerissen. Kleinigkeiten eigentlich, die alte Menschen allerdings vor unlösbare Probleme stellen können. „Die Leute sind hilflos“, sagt Sybille Glatki, die stellvertretende Pflegedienstleiterin im Pflegebereich Plieningen-Birkach, die Angehörigen aber lebten oftmals weit entfernt.

Das Dirk-Mobil ist eine rollende Werkstatt.
Foto: IMAGO/Westend61Die Pflegekräfte dürften in solchen Fällen auch meist nicht eingreifen. „Es ist von der Berufsgenossenschaft untersagt, irgendwo hochzusteigen“, sagt sie. Und so wurde die Idee vom Hausmeisterservice geboren. Die Pflegekräfte melden, wo’s klemmt, Dirk vereinbart einen Termin.
Seit April fährt der 44-jährige Benjamin Ehmann täglich durch Stuttgart, um gehandicapten Personen zur Hand zur gehen. Die Diakoniestation hat ihn in Vollzeit eingestellt. Etwa drei bis vier Haushalte kann er pro Tag besuchen. Was der Allrounder brauchen könnte, hat er in der Regel dabei. Das Dirk-Mobil mit dem gelben Dirk-Schild auf dem Dach ist eine kleine rollende Werkstatt. Akkuschrauber, Klebstoff, Schrauben und Dübel, eine Leiter und Silikon hat Benjamin Ehmann stets an Bord, was fehlt, holt er schnell im Baumarkt. Ersatzbeschaffungen zahlt die Kundschaft, der Einsatz selbst ist kostenfrei exklusiv für die Diakoniestation-Klientel.
„Für die ersten drei Jahre ist die Stelle komplett refinanziert“, sagt Sybille Glatki, danach, so glaubt sie, werde sich eine Lösung finden. Der Bedarf ist jedenfalls groß. Bei Gerd Johannßen hat Benjamin Ehmann bereits einiges erledigt. Einen wackeligen Haltegriff an der Toilette hat er ebenso im Nu befestigt wie eine lose Sockelleiste in der Küche. Gerd Johannßen lebt allein, die Verwandtschaft wohnt am anderen Ende Deutschlands. Wer hätte ihm helfen sollen? „Das ist der kurze Dienstweg, keine Bürokratie“, sagt er.
Die Enkelkinder kommen regelmäßig, doch bei der Balkontür muss Dirk ran
Tätowierte Arme, gepiercte Ohrlöcher, Jeans und Sneakers: Benjamin Ehmann ist ein lässiger Typ mit einer offenen Art. Das gefällt den Seniorinnen und Senioren. „Er kommt sehr gut an“, sagt Sybille Glatki. Und Benjamin Ehmann, der wirkt ehrlich zufrieden als Hausmeister. „Die Leute sind unheimlich dankbar“, sagt der Weinstädter. „Es ist sehr schön, dass man denen so eine Freude machen kann.“ Flaschner ist er. Bevor er zu Dirk wurde, war er in einem Sanitärbetrieb angestellt gewesen. „Ich wollte noch mal eine neue Herausforderung, aber ich wollte schon Handwerker sein und meine praktischen Fähigkeiten einbringen“, erzählt er. Jetzt treffe er jeden Tag neue Leute, blicke hinter verschlossene Türen. Ja, manchmal sei das auch traurig. Er begegne Armut, Schicksalen, Krankheit. Das Positive aber überwiege. „Die Leute freuen sich, dass einer kommt.“
Auch die Bühlers haben sich auf den Besuch eingestellt. Erwartungsvoll sitzen Ursula (87), Karin (84) und Joachim Bühler (73) um den ovalen Esstisch. Die drei Geschwister bewohnen zusammen ein Haus in Schönberg. Rollatoren stehen im Raum, im Flur ist ein Sessellift. Zweimal täglich kommt der Pflegedienst, auch Ursula Bühlers Sohn und die drei Enkelkinder sind regelmäßig da und greifen dem betagten Trio unter die Arme. Bei der verklemmten Balkontür von 1977 muss allerdings Benjamin Ehmann ran.
Das Holz hat gearbeitet, die Verriegelung ist verkantet. Für den Profi ist das eine Sache von wenigen Handgriffen. Er bringt etwas Schmiermittel auf, fertig. „Jetzt geht es ganz leicht“, sagt Karin Bühler erfreut. Und der nächste Auftrag steht auch schon fest. Die Vorhänge im Flur sollen in Wäsche. Abhängen? Für Dirk ein Klacks.