Wiedersehen in Stuttgart
: Der kreative Mutmacher aus Detroit

Vor 34 Jahren bemalte der Detroiter Künstler Lowell Boileau in Stuttgart einen SSB-Bus. Jetzt kehrte er für einen privaten Besuch zurück. Im Gepäck hatte er auch Ideen, wie Städte mit Krisen umgehen können.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Der 1992 geschaffene Kunstbus des amerikanischen Künstlers Lowell Boileau

Der 1992 geschaffene Kunst-Bus des amerikanischen Künstlers Lowell Boileau, der für einen besonderen Anlass jetzt wieder aus dem Depot der Straßenbahnfreunde rollte.

Lowell Boileau
  • Wiedersehen in Stuttgart: Lowell Boileau kehrte nach mehr als 34 Jahren zurück.
  • 1992 bemalte er einen SSB-Gelenkbus mit „Gentle Chaos“ und enthüllte ihn per „Splashdown“.
  • Der Kunst-Bus fuhr vier Jahre auf Linie 42 – heute im Besitz der Historischen Straßenbahnen.
  • Boileau dokumentiert Detroits Wandel online, gründete „The Fabulous Ruins“ und „DetroitYes“.
  • 2027 ist eine Erinnerung an die Einweihung geplant, Farben des Murals sind laut Besuch unverblasst.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Das letzte Mal, dass sich Thomas Koch, langjähriger Kommunikationsdirektor der Stuttgarter Staatstheater, und Lowell Boileau, Maler aus Detroit, gesehen haben, war im Juni 1992 bei einem öffentlichen Happening auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Damals zielte Boilleau mit einem Wasserschlauch auf einen Gelenkbus der SSB, dem er zuvor in vierwöchiger Arbeit in einer SSB-Halle in Vaihingen eine Bemalung im Stil eines chinesischen Wandgemäldes verpasst hatte. Auf einer Länge von 25 Metern erzählte das Murial die Geschichte des „Gentle Chaos“, des sanften Verkehrschaos, das Boileau aus der einstigen Autostadt Detroit vertraut war. Inmitten der aufgesprühten Blechlawine tummelten sich  „gentle Cows“, Kühe, die auf humoristische Weise den Stadt/Land-Gegensatz andeuteten.

„Enthüllt“ wurde das Kunstwerk – das erste und bis heute einzige auf einem SSB-Bus – am 4. Juni 1992 mit einem sogenannten Splashdown. Die Aktion bestand darin, dass Boileau zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Klaus Lang und SSB-Vorstand Peter Höflinger unter großem Hallo der Umstehenden mit dem Wasserschlauch eine Abdeckschicht über dem Gemälde entfernten. Darunter kam sein mit einer besonderen Spritztechnik („Mikropointilismus“) aufgetragenes, bunt leuchtendes Verkehrschaos zum Vorschein. Vier Jahre rollte der Kunstbus auf der Linie 42 durch die Stadt.

Kunst, die durch Stuttgarts Straßen rollt

Jetzt, mehr als 34 Jahre später, trafen sich Thomas Koch, der damals Sprecher des Amerika-Hauses war, und Boileau in Stuttgart zum ersten Mal wieder. Man kann nicht sagen, dass sie sich nicht verändert haben. Koch ist gerade 70 geworden, Boilleau ist 81. Doch der Geist ist hell, die Augen blitzen, und Humor erfüllt den Raum, als sie sich in der Dürnitz im Alten Schloss in alter Freundschaft herzlich begegnen.

Lowell Boileau: Der aus Detroit USA stammende Künstler Lowell Boileau hat im Jahre 1992 einen Gelenkbus der SSB zum fahrenden Kunstwerk umgewandelt. Gespräch mit ihm fast 35 Jahre später.

Lowell Boileau mit einem Archivbild des „Splashown“ vor 34 Jahren. Damals wurde der von ihm bemalte SSB-Bus auf dem Stuttgarter Schloss „enthüllt“.

Lichtgut/Leif Piechowski

Boileau ist einer Einladung Kochs gefolgt, gemeinsam mit ihm und Freunden, in dem alten Kunst-Bus, der sich heute im Besitz des Vereins Stuttgarter Historische Straßenbahnen befindet, eine Geburtstagstour durch Stuttgart zu unternehmen. Inklusive gemeinsamen Schwelgens in Erinnerungen an eine Kunstaktion, die heute so nicht mehr möglich wäre, wie eine SSB-Sprecherin bestätigt. Diverse Auflagen stünden dem entgegen. Umso schöner, was damals gelang. 2027 soll an die Einweihung des Kunst-Busses erinnert werden, die sich dann zum 35. Mal jährt.

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Die Idee zu der „Rollenden Galerie“ stammte von Thomas Koch. Boileau, der damals im Amerika-Haus ausstellte, fand Gefallen daran, auf diese Weise Kunst in den Stadtraum zu bringen. Ebenso die SSB, die Akademie Schloss Solitude, die Galerie Walter Bischoff und Daimler-Benz, die das Projekt unterstützten. Kunst, die durch die Straßen fährt – das sprach viele Menschen an.

„Das Thema Verkehr hat nichts von seiner Aktualität verloren“, findet Thomas Koch. Und auch die Farben des „Gentle Chaos“-Gemäldes sind nicht verblichen, wie Boileau bei seinem Besuch in Stuttgart erfreut feststellte. Einer Stadt, die ihm trotz aller Veränderungen der vergangenen 34 Jahre durch die Berichterstattung vertraut ist. Er lobt die Stadtentwicklung, witzelt über Stuttgart 21, das er ein „neverending project“ nennt, ist aber auch über die strukturellen Probleme der Region im Bilde und weiß, wohin das im schlimmsten Fall führen kann.

Ein Zeitzeuge des Niedergangs und Wiederaufstiegs Detroits

Boileau hat den in den 1980er Jahren einsetzenden Niedergang Detroits und seiner Automobilindustrie hautnah miterlebt. Er war Zeitzeuge, wie die von Ford, General Motors und Chrysler geprägte und lange boomende Motor City von mehr als 1,8 Millionen auf 600.000 Menschen schrumpfte. Wie die Stadt verödete, die Kriminalität sprunghaft anstieg und sich Perspektivlosigkeit breitmachte: „Die Stadt war pleite, ihr Ruf katastrophal. Wir waren das Gespött in jeder Late Night Show“, sagt Boileau.

Er selbst ist geblieben und mehr denn je davon überzeugt, richtig entschieden zu haben. Denn inzwischen ist die Hoffnung zurückgekehrt. Seit einigen Jahren erlebt Detroit einen starken Aufschwung. Vermögende Bürger investieren in die Stadt. Medien sprechen vom „Comeback einer Geisterstadt“. „Es ist bemerkenswert“, sagt Boileau. Er vergleicht den Wiederaufstieg seiner Heimatstadt mit dem Fall der Berliner Mauer: „Ich habe niemals gedacht, dass die Mauer fällt.“

Der Kunst-Bus unterwegs in Stuttgart

Der Kunst-Bus unterwegs in Stuttgart

Thomas Koch

Menschen wie Boileau haben an diesem Stimmungsumschwung einen Anteil. Der 81-Jährige, der sich selbst als Maler und Internetkünstler bezeichnet, trug zu einem Klima des Wiederaufbaus bei. Früh erkannte er die Möglichkeiten, die sich durch das Internet boten. 1997 eröffnete er die digitale Plattform „The Fabulous Ruins of Detroit“, um die postindustrielle Transformation seiner Stadt zu dokumentieren. Daraus ging zwei Jahre später ein Online-Forum mit dem programmatischen Titel „DetroitYes“ hervor, eine Plattform, auf der sich seitdem Tausende Menschen über die Entwicklung und Transformation der Stadt austauschen. Die Zahl der Posts beläuft sich bisher auf eine Million. Seit wenigen Tagen ist zudem seine Online-Galerie „Detroit Mon Amour“ freigeschaltet. Nicht ohne Grund nennt Thomas Koch ihn einen „Chronisten und Kommentator der Stadtentwicklung Detroits“. Man könne von ihm lernen, nicht nur zu klagen, sondern die Dinge in die Hand zu nehmen.

Könnte das auch eine Blaupause für die Autostadt Stuttgart sein, wo der Name „Detroit“ häufig wie ein Menetekel gehandelt wird? Beide finden: Ja! Es brauche einen breiten Austausch in der Bevölkerung über Stadtentwicklung und Zukunftsfragen. Und es brauche Zuversicht. Lowell Boileau, der Mutmacher aus Detroit verkörpert diese Haltung.

Wiedersehen nach 34 Jahren: Thomas Koch (mit einem Foto des verstorbenen Dokumentarfilmers Dieter Marcello), Lowell Boileau, Doris Reimer und Tochter Philine (von links nach rechts)

Wiedersehen nach 34 Jahren: Thomas Koch (mit einem Foto des verstorbenen Dokumentarfilmers Dieter Marcello), Lowell Boileau, Doris Reimer und Tochter Philine (von links nach rechts)

Lowell Boileau

Mit seinem Kunst-Bus hat er in Stuttgart ein Stück Stadtgeschichte geschrieben. Und indirekt auch eine Liebesgeschichte, denn bei der Einweihung des Busses 1992 lernte der inzwischen verstorbene Stuttgarter Dokumentarfilmer Dieter Marcello seine Frau Doris Reimer kennen. Mit ihrer schwangeren Tochter Philine reiste sie jetzt zum Wiedersehen aus Rom an. Für Lowell Boileau der schönste Effekt des „Gentle-Chaos“-Projekts.