Zwei Polizisten im Ruhestand sprechen über ungeklärte Morde: Aktenzeichen ungelöst

1987: Spurensuche im Fall Anja Aichele. Die zerschnittenen Kleider des Opfers sind im Umfeld des Tatorts verstreut worden (Fotos oben). 1985: Mit großem Aufgebot und einer Mordkommission sucht die Polizei nach Sabine Hammerich. Die Neunjährige bleibt aber verschwunden (Fotos unten).
Thomas Hörner, Uli Kraufmann (2), Archiv (3)Stuttgart - Die Statistik sagt, dass 90 Prozent aller Morde aufgeklärt werden. Doch was, wenn nicht? In Stuttgart ist der Mord an Anja Aichele, der sich am 27. März zum 30. Mal jährt, noch immer ungeklärt. Für die Angehörigen ist das eine Katastrophe. Und für die beteiligten Polizisten? Josef Kögel, 82, hat die Ermittlungen damals geleitet, Werner Knubben, 67, war Polizeiseelsorger. Ein Gespräch über Schuldgefühle und die Hoffnung auf ein Geständnis am Lebensende.
Herr Kögel, Herr Knubben, Sie kennen Ihre alten Fälle noch immer aus dem Effeff.
Josef Kögel Sicher nicht alle. Ich habe in meinen 33 Jahren bei der Mordkommission in etwa 350 Fällen von Tötung ermittelt – Totschlag und Mord.
Welche bleiben besonders in Erinnerung?
Kögel Natürlich nicht alle 350. Es sind die großen Fälle – und am eindringlichsten jene, die man jahrelang bearbeitet hat. Ein Kindermörder hat erst zweieinhalb Jahre nach seiner ersten Tat am 10. Januar 1967 gestanden – an meinem Geburtstag. Davor hat er allerdings an Heiligabend noch ein vierjähriges Mädchen am Dachswald zerstückelt. Der Fall war dann zwar aufgeklärt, aber man hat so lange drangehängt. Weihnachten 1966 war für mich das unmöglichste Weihnachten, das es gab. Das prägt sich ein. Ebenso wie die großen Fälle. Der Mord an Sabine Hammerich oder Anja Aichele. Oder der erste Giftmord von 1952. Aufgeklärt haben wir ihn 1964.
Im Gedächtnis bleiben also die langwierigen und spektakulären Fälle haften?
Kögel Oder wenn es einen aus menschlichen Gründen tief bewegt. Rein kriminalistisch sind manche Fälle ja völlig uninteressant. Ich erinnere mich aber an den Tod eines Siebenjährigen, der vom Zug überfahren wurde. Sechs Wochen vorher war seine Mutter tödlich verunglückt. Den Vater habe ich davon abgehalten, aus dem achten Stock zu springen. Mit ihm habe ich bei Cognac die Nacht durch geredet, bis die Angehörigen aus Norddeutschland da waren. Das sehe ich alles noch deutlich vor mir. Das vergisst man nicht und muss es irgendwie verarbeiten.
Wie?
Kögel Ich weiß es nicht. Ich bilde mir ein, eine relativ stabile Psyche zu haben. Ich bin vermutlich ein Meister im Verdrängen.
Hilft das, Herr Knubben?
Werner Knubben Im Vergleich zu Sepp Kögel bin ich ein Waisenknabe. Ich war nach 15 Jahren bei der Polizei noch 35 Jahre Seelsorger. Aber auch bei mir sind die Erinnerungen sofort da. Ich habe ja viele Polizeibeamte betreut, die schwer traumatisiert waren. In Seminaren hat dann jeder seine Geschichte mit den Worten „Es war am . . .“ angefangen.
Kögel Aber wie kommst du denn als Seelsorger damit klar? Allein mit dem Glauben ist das ja alles nicht mehr zu fassen.
Knubben Die Frage wird mir oft gestellt. Aber dafür gibt es oft keine Erklärung. Ich träume selbst noch von schweren Geschichten. Es gibt ja verschiedene Traumatypen. Den Feuerwehrmann etwa, der schon Hunderte Leichen rausgesägt hat. Aber irgendwann ist die Kapazität der Seele erschöpft. Dann braucht er dringend Erholung: Sport, Supervision, Meditation und auch Gebet.
Nagt der Mord an Anja Aichele weiter an Ihnen?
Kögel Solche Fälle wie Sabine Hammerich, Anja Aichele oder Sabine Binder belasten einen natürlich. Es gibt Mädchen, die steigen jeden Abend nach der Disco in ein Auto, und ihnen passiert nichts. Und dann geht ein Mädchen wie Anja Aichele einmal allein fort, weil sie an diesem Abend vermutlich noch jemanden sehen will, und wird umgebracht. Oder Sabine Binder, die im Behindertenheim arbeitet, wird auf dem Heimweg umgebracht. Oder ein Kind wie Sabine Hammerich geht mitten in der Großstadt im Berufsverkehr ein paar Meter für den Vater Zigaretten holen, verschwindet spurlos und wird anderthalb Jahre später als Skelett im Raum Bamberg gefunden. Da hat man unendlich viel Energie rein investiert. Bei Anja Aichele habe ich drei Jahre Sonderkommissionen geführt. Immer wieder haben wir mit neuen Leuten neu angefangen. Profiler aus ganz Deutschland haben sich mit dem Fall beschäftigt.
Sind das Morde, die für Sie anders sind?
Kögel Ein Mord im Milieu belastet einen weniger, auch wenn man den natürlich genauso aufklärt und keine Opferhierarchie aufmacht. Bei einem Kindermord sind die Menschen bei der Aufklärung entgegenkommender. Obwohl man ja kein Recht hat, in fremde Wohnungen zu gehen, haben wir im Fall Sabine Hammerich im Umkreis von 250 Metern alle Wohnungen nach dem Kind abgesucht. Jeder hat uns reingelassen. Nicht jeder ungeklärte Mord belastet. Aber wenn man so viel Zeit damit verbracht hat, trägt es sich unauslöschbar ins Gedächtnis ein. Denn gleichzeitig hat man ja auch ständig mit den Angehörigen zu tun.
Knubben Ich habe einen unaufgeklärten Mord. Das war ein jugoslawischer Gastarbeiter. Ich kannte die Angehörigen nicht, nicht das Kind und nicht die Witwe. Das verändert etwas. Da bleiben weniger Erinnerungen.
Ist eine Verurteilung wichtig, um abschließen zu können?
Knubben Mir kam es wenig auf die Strafe an. Mich hat immer interessiert, was passiert ist. Wo ist die Wahrheit? Das war meine Frage.
Kögel Das ist bei mir ähnlich, wenngleich mich ein adäquates Urteil gefreut hat.
Sind Sie auf Beerdigungen gegangen?
Kögel Bei ungeklärten Tötungsdelikten sehr häufig.
Um zu sehen, ob auch der mögliche Täter dort auftaucht?
Kögel Bei einem ungeklärten Fällen hat das auch eine Rolle gespielt. Aber bei Fällen wie Anja Aichele auch aus Anteilnahme.
Wie stark darf man sich emotional auch auf die Angehörigen einlassen?
Kögel Das darf man nicht, wenn es auch manchmal schwerfällt.
Gibt man ein unausgesprochenes Versprechen ab, den Fall zu lösen, wenn man die Todesnachricht selbst überbringt?
Knubben Ich glaube schon, dass da eine tiefere Beziehung entsteht. Man hat eine gewisse Kämpfernatur. Wenn ein Mensch getötet wird, ist das die größte Verletzung göttlicher, universeller Ordnung. Dann ist etwas sehr in Unordnung geraten.
Kögel Ja. Der Bezug entsteht natürlich. Zu einem Vater habe ich mal gesagt, ich habe fast ein Schuldgefühl, dass wir den Fall nicht gelöst haben. Obwohl ich keine Schuld habe. Aber ich weiß, dass alle Eltern erwarten, dass man den Täter findet. Aber wenn man nach drei Jahren alles getan hat und nicht weiterkommt, dann irgendwann in Pension geht und der Fall noch ungelöst ist, dann ist das nicht nur sportlicher Ehrgeiz, dass man den Täter finden will.
Objektiv haben Sie alles getan, und trotzdem bleibt dieses Gefühl?
Kögel Das bilde ich mir ein. Es sind ja auch noch andere über den Fall gegangen.
Trotzdem bleibt eine Wunde?
Kögel Ja.
Knubben Wenn man so viel Energie reingesetzt hat, so viele Spuren verfolgt hat, dann ist es einfach menschlich, dass man glaubt, der Erfolg müsste auch folgen. Deshalb behaupte ich, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die nicht klärbar sind. Es bleibt aber immer eine Restchance. Man weiß nie. Da halte ich mich dran fest.
Herr Kögel, halten Sie sich auch daran?
Kögel Das stimmt schon. Ein Täter kann einen Mord noch so toll planen, er kann nie garantieren, dass nicht nachts jemand am Fenster steht und doch etwas sieht, das aber gar nicht einordnen kann. Wir müssen den Zeugen bloß finden. Darum haben wird in der Stadt die Hausbefragungen gemacht. Im Fall Aichele haben wir im Sommerrain, in Steinhaldenfeld und Teilen Cannstatts alle Männer zwischen 15 und 30 Jahren überprüft.
Sie glauben, ziemlich genau zu wissen, was passiert ist: Zwei junge Männer haben Anja Aichele getötet, und ein Erwachsener hat beim Vergraben ihrer Leiche in der Nacht geholfen. Trotzdem . . .
Kögel . . . kommt man nicht weiter, hängt man.
Macht einen das dann nicht wahnsinnig?
Kögel Natürlich. Ich war von Anfang an der Überzeugung, dass wir einen der beiden Täter überprüft haben. Wir haben alle Alibis im Muggensturm, einem sozial gehobenen Viertel in Stuttgart-Bad Cannstatt, überprüft. Ich bin überzeugt, einer der Täter wohnt da oben und Vater oder Mutter haben ihm ein falsches Alibi gegeben aus Angst, dass sonst ihre gesamte Existenz den Bach runtergeht. Auch als wir später die DNA auswerten konnten, sind wir nicht weitergekommen. Wir wissen, um 21.40 Uhr war die Tatzeit, weil man die Stimmen von zwei jungen Kerlen gehört hat. Dann kommt die Beseitigung der Leiche – wahrscheinlich durch den Vater. Wir sind überzeugt, dass Anja mindestens einen der Täter gekannt hat, sonst wäre sie nicht über den Weinberg mitgegangen. Trotzdem kommt man nicht weiter, obwohl man 160 Leitz-Ordner voll mit Spuren hat. Und jetzt sitzt hier ein alter Mann, der jede Sekunde in diesem Fall kennt, und ärgert sich immer noch.
Knubben Das kann noch rauskommen.
Haben Sie die Hoffnung?
Kögel Ich glaub’s nicht mehr. Getötet hat ja nur einer der beiden. Meine einzige Hoffnung ist, dass der andere auf seinem Sterbebett sein Gewissen erleichtern möchte. Ein Giftmord wurde nur gelöst, weil die damals 15-jährige Tochter beim Tod der Großmutter beim Erbe zu kurz gekommen ist und dann kam und sagte: „Meine Mutter, meine Schwester und mein Schwager haben meinen Vater vergiftet.“
Knubben Das kann auch im Fall Aichele passieren.
Kögel Ich glaub nicht dran.
Also müssen eher Sie Ihren Frieden mit dem Fall machen?
Kögel Den hab ich. Ich weiß, ich habe alles gemacht. Aber es ist trotz allem unbefriedigend. Immer wenn ich an der Ecke vorbeifahre, werde ich daran denken.
Die Belastung durch ungeklärte Fälle taucht in keiner Untersuchung auf.
Knubben Das ist nicht nur Belastung, das ist auch eine erhöhte Motivation. Dahin kann man es ummünzen. Wahrscheinlich müssen wir mit der Erkenntnis leben, dass ein Täter so ein Verbrechen nicht nur verdrängen, sondern auch abspalten kann. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Aber es müssen im Fall Aichele gleich mehrere Menschen schon sehr lange schweigen.
Knubben Das funktioniert.
Kögel Es gibt viele Menschen nicht nur in den Gefängnissen, die können exzellent über Straftaten schweigen. Es gibt Menschen, die sind gewissenlos und können offensichtlich gut damit leben.
