Als die Fluten Mitteleuropa überschwemmten
: Vergessene Hochwasser: Die Katastrophen von 1342 und 1343

Forscher haben jetzt herausgefunden, dass  die berühmte Magdalenenflut von 1342 nur eines von 16 überregionalen Hochwassern binnen zweier Jahre war. Die neuen Erkenntnisse verändern den Blick auf mittelalterliche Katastrophen – und auf das heutige Hochwasser-Risikomanagement.
Von
Markus Brauer
Leipzig
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Hochwassermarke an der Pfarrkirche St. Blasius in Hann.-Münden mit einer Gedenkinschrift an dieser Kirche mit Angabe der Wasserhöhe

Hochwassermarke an der Pfarrkirche St. Blasius in Hann.-Münden mit einer Gedenkinschrift an dieser Kirche mit Angabe der Wasserhöhe

Martin Bauch
  • Studie: Die Magdalenenflut 1342 war Teil von 16 überregionalen Hochwassern bis 1343.
  • Vier Ereignisse erreichten 500–1000 Jahre Wiederkehr – echte „Jahrtausendfluten“.
  • Besonders betroffen waren Mitteldeutschland und östliches Mitteleuropa mit Brückeneinstürzen.
  • Chroniken berichten von vielen Toten entlang der Donau – genannt werden rund 6000.
  • Forscher sehen vulkanische Aktivität und weniger arktisches Meereis als wahrscheinliche Faktoren.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Magdalenenflut vom Juli 1342 gilt seit Langem als das schwerste Hochwasser Mitteleuropas im vergangenen Jahrtausend und als größtes Bodenerosionsereignis seit dem Ende der letzten Eiszeit. Eine neue, in der Fachzeitschrift „Nature“ erschienene Studie zeigt nun: Diese Jahrhundertflut war kein Einzelereignis, sondern nur der Höhepunkt einer beispiellosen Serie von Katastrophen.

Kaskade echter „Jahrtausendfluten“

Zwischen dem Winter 1341/42 und dem Ende des Jahres 1343 suchten 16 große Hochwasser weite Teile Europas heim. Vier dieser Ereignisse erreichten statistische Wiederkehrperioden von 500 bis 1.000 Jahren, waren also echte „Jahrtausendfluten“ – neben der Magdalenenflut auch die von den Forschenden benannte Lichtmess-, die Jakobs- und die Bartholomäusflut.

Das Jahr 1342 war damit das hochwasserreichste der vergangenen 700 Jahre; auch 1343 zählt zu den zehn extremsten Jahren dieses Zeitraums. Das belegen mehr als 1000 Einträge aus historischen Originalquellen: Chroniken, Rechnungsbücher, Urkunden und Briefe.

Maßgeblich an deren Rekonstruktion beteiligt war der Mittelalter-Spezialist Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig. Die Studie entstand unter Leitung von Andrea Kiss und Günter Blöschl (Technische Universität Wien) gemeinsam mit einem interdisziplinären Team von mehr als 30  Wissenschaftlern aus ganz Europa.

Darstellung von extremen Niederschlägen und Hochwassern des 13. Jahrhunderts im „Ehrenspiegel“ des Jakob Fugger.

Darstellung von extremen Niederschlägen und Hochwassern des 13. Jahrhunderts im „Ehrenspiegel“ des Jakob Fugger.

BSB München, CGM 895Copyright: Public Domain Mark 1.0 Universal

Wo waren die Überschwemmungen besonders verheerend?

„Wir können Monat für Monat rekonstruieren, welche Regionen Europas wann betroffen waren. Das zeigt deutlich, dass sich die Hochwasser wie eine Perlenkette durch die Jahre 1341 bis 1343 ziehen – nicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber alle klar miteinander verbunden“, sagt Andrea Kiss, Erstautorin der Studie sowie Historikerin und Geographin an der Technischen Universität Wien.

Besonders schwer traf die Serie Mitteldeutschland und das östliche Mitteleuropa:

  • In Prag riss die Moldau die berühmte steinerne Judithbrücke fort, die Vorgängerin der heutigen Karlsbrücke.
  • An der Elbe stürzten die Brücken in Dresden und Meißen ein.
  • In Thüringen brachen die Übergänge über die Gera in Erfurt und über die Werra bei Vacha, Meiningen und Eisenach
  • In der Lausitz fiel die Spreebrücke in Bautzen.
  • Über Böhmen reichten die Fluten bis in den Karpatenraum und nach Ungarn. Entlang der Donau berichtete der Chronist Johann von Winterthur von rund 6000 Toten. Europaweit forderten die Fluten viele Tausend Opfer.

Was waren die Ursachen der Mega-Fluten?

Als Ursache der ungewöhnlichen Häufung machen die Forscher ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren wahrscheinlich: eine Serie großer Vulkanausbrüche um 1340 – darunter mindestens fünf tropische Vulkane sowie ein Ausbruch der isländischen Hekla – und ein über mehrere Jahre anhaltender Rückgang des arktischen Meereises. Beides veränderte die Luftströmungen über Europa und begünstigte extreme, langanhaltende Niederschläge.

„Die Magdalenenflut ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent, weil sie mit Hochwassermarken und Gedenktafeln festgehalten wurde, aber auch durch jährlich wiederholte Bittprozessionen“, erklärt Martin Bauch. Dass sie nur ein Ereignis in einer ganzen Kette von Katastrophen war, sei über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten. „Diese Jahre gehören zur großen Krise des 14. Jahrhunderts, die wenige Jahre später im Schwarzen Tod gipfelte. Unsere Ergebnisse zeigen, wie eng Umwelt-, Klima- und Gesellschaftsgeschichte in dieser Zeit verflochten waren.“

Was sind die historischen Lehren für heute?

Für die Forscher liegt die Aktualität der Studie auf der Hand. „Hochwasser sind statistisch nicht unabhängig voneinander: Sie treten nicht einfach zufällig ein wie Lottogewinne, sondern können statistisch und ursächlich zusammenhängen“, betont der Wiener Hydrologe Günter Blöschl.

Sequenzen mehrerer Extremhochwasser binnen weniger Monate würden im heutigen Risikomanagement dennoch kaum berücksichtigt, obwohl der Klimawandel solche Häufungen künftig wahrscheinlicher macht. Die Autoren plädieren deshalb für vorausschauende, anpassungsfähige Schutzstrategien, die nicht nur einzelne Jahrhundertfluten, sondern ganze Katastrophenketten einkalkulieren.