Dunkles Kapitel der Archäologie: König Heinrich I. und der bizarre „Schädelkult“ der Nationalsozialisten

Schlossberg mit der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt.
Imago/Imagebroker- Neue Studie klärt NS-Grabung in Quedlinburg – Fokus lag auf Heinrich I. als Propagandafigur.
- 1936 plante die SS, St. Servatii zur Weihestätte umzugestalten, Gebeine sollten im Zentrum stehen.
- 1937 meldeten Ausgräber einen Fund: Ein fragmentierter Schädel wurde Heinrich I. zugeschrieben.
- Untersuchung durch August Hirt diente Rassenideologie, Geschlecht blieb dabei unklar.
- Dokumente zeigen: Grab gehört wohl einer Stiftpröpstin; Belege sind Totenhaube, Nadel und Holzbrett.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Im Jahr 1936 entwickelten Heinrich Himmler und die SS Pläne, die St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg in eine nationale Weihestätte umzugestalten. Im Zentrum sollten die Gebeine des Königs Heinrich I. stehen, den man als ideologischen Vorläufer des NS-Regimes präsentieren wollte. In der Folge angestellte Ausgrabungen in St.-Servatii führten zur angeblichen Entdeckung der sterblichen Überreste des Königs.
Der Grabungsbericht galt allerdings lange Zeit als verschollen, so dass sogar Zweifel bestanden, ob die Grabung überhaupt stattgefunden hatte. Eine neue Studie, die jüngst in der „Jahresschrift für Mitteldeutsche Vorgeschichte“ erschienen ist, gibt nun Antworten auf die offenen Fragen.
Wer war König Heinrich I.?
Heinrich I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger, geboren um 876 und verstorben am 2. Juli 936 in der Pfalz Memleben, war ab 912 Herzog von Sachsen und von 919 bis 936 König des ostfränkischen Reiches. Heinrich nutzte die Schwäche des karolingischen Königtums, um sich nicht zuletzt durch geschickte Heiratspolitik in Sachsen eine eigene Machtbasis aufzubauen.
Nach Außen konnte er seine Macht durch einen Sieg gegen die Ungarn, die seit dem späten 9. Jahrhundert nach Mitteleuropa vorstießen, in der Schlacht bei Riade (933) sichern. Nach seinem Tod wurde das Reich nicht mehr in karolingischer Sitte geteilt, sondern ging an seinen ältesten Sohn aus zweiter Ehe, Otto, über.

Heinrich I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger, geboren um 876 und verstorben am 2. Juli 936 in der Pfalz Memleben, war ab 912 Herzog von Sachsen und von 919 bis 936 König des ostfränkischen Reiches.
Imago/H. Tschanz-HofmannVereinnahmung durch die Nationalsozialisten
Im Jahr 1936 planten Heinrich Himmler und die SS, die St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg in eine nationalsozialistische Weihestätte umzugestalten. König Heinrich I. sollte als ideologischer Vorläufer des NS-Regimes präsentiert werden.
Heinrich I. bot sich aus Sicht der Nationalsozialisten hierfür besonders an. Er galt ihnen als Begründer des Deutschen Reichs, seine Kriegszüge gegen die Slawen im Osten wurden für die eigene „Blut und Boden“-Ideologie ebenso vereinnahmt wie eine angebliche germanische und kirchenfeindlichen Haltung.
Inszenierung zum 1000. Todestag Heinrichs
In der neueren Forschung wird die Entstehung des Römisch-Deutschen Reichs als langwieriger und komplexer Prozess gesehen, Heinrichs Agieren galt, ganz ideologiefrei, in erster Linie der Sicherung seiner Herrschaft.
Zur Ausgestaltung der Propagandaaktion wurden die sterblichen Überreste des Herrschers benötigt. Erste Nachforschungen an seinem Bestattungsort verliefen jedoch ergebnislos, so dass die aufwendig inszenierte Feier zum 1000. Todestag Heinrichs im Juli 1936 ohne diese Erfolgsmeldung auskommen musste.
Erst ein Jahr später wurde nach Ausgrabungen in St.-Servatii verkündet, dass die sterblichen Überreste des Königs gefunden worden seienn. Der Grabungsbericht galt allerdings lange Zeit als verschollen, so dass sogar Zweifel bestanden, ob die Grabung überhaupt stattgefunden hatte.

Krypta der Stiftskirche St. Servatii: Die Krypta in der UNESCO-Welterbestadt Quedlinburg ist die Grablege für König Heinrich I. (um 875-936) und seine Gemahlin Mathilde (um 895-968).
Imago/epdBizarrer Schädelkult der SS
Im Bundesarchiv werden ein Manuskript und Rohdruckfassungen zu den Ausgrabungen aufbewahrt, die der von Himmler beauftragte Ausgräber Rolf Höhne unter Beteiligung seines engsten Mitarbeiters Karl Schirwitz verfasst hat. Sie wurden allerdings in der Forschung bislang faktisch nicht berücksichtigt.
Die neue Studie ergibt nun folgendes Bild: Das Grab, das von der SS mit dem König in Verbindung gebracht wurde, liegt im nördlichen Teil der Krypta der St.-Servatii-Kirche zu Quedlinburg.
Das Hauptaugenmerk galt dem fragmentierten Schädel aus dem Grab. Er wurde von August Hirt, einem Professor für Anatomie aus Greifswald und späteren Medizin-Verbrecher eingehend untersucht. Hirt unternahm Abformungen und Schädelbemaßungen, die als wissenschaftliche Methode ausgegeben wurden, um den Rassenwahn zu rechtfertigen.
Hirt stellte dann auch einen Schädel von angeblich „überwiegend nordischem Gepräge“ fest. Weiterhin konstatierte er ein greises Alter, war sich bei der Einschätzung des biologischen Geschlechts aber nicht sicher. Im Zusammenspiel mit der Nadel und der Kopfbedeckung reichte Höhne der Befund aus, um den Schädel, als den von König Heinrich I. zu verkaufen.

Der SS-Sarkophag für den vermeintlichen Schädel König Heinrichs I. bei der Öffnung im Jahr 1948. Zu erkennen ist die ausgearbeitete Kopfnische nach mittelalterlichem Vorbild.
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (Ortsaktenarchiv)Grab gehörte wahrscheinlich einer Stiftpröpstin
Die nunmehr vorliegende Dokumentation erlaubt eine Neubewertung des Grabes. So gehören das Textil, das Leder und die Ösenringe, die sich an der Stirn einfanden, zu einer Totenhaube. Bei der Nadel handelt es sich um eine Stecknadel.
Das Holzbrett zeugt von einem Totenbrett oder Holzsarg. Alle diese Elemente sind Bestandteile der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sepulkralkultur. Totenhauben finden sich bei Erwachsenen insbesondere in Gräbern von Frauen.
Schließlich weisen die auf den Fotos erkennbaren und über die angegebenen Maße erschließbaren anthropologischen Merkmale auf ein weibliches Individuum hin. Da bis in das Jahr 1878 die Grabplatte der Stiftspröpstin Anna von Tautenburg († 1533) über dem Grab lag, ist es naheliegend, sie mit dem Schädel in Verbindung zu bringen. Absolute Sicherheit darüber lässt sich allerdings nur durch eine Nachgrabung und eine aDNA-Analyse erzielen.
Insgesamt sprechen aber alle Indizien dafür, dass Himmler die sterblichen Überreste einer Stiftsdame zum Mittelpunkt seines „Schädelkultes“ bei den König-Heinrich-Feiern inszenieren ließ.
