Dunkles Erbe des Mittelalters
: Werden Carcassonne und die Katharer-Burgen Weltkulturerbe?

Im Mittelalter folgten die Katharer in Südfrankreich einer radikalen Büßerethik, die dem Papst  unheimlich schien. Durch den Albigenser- oder Katharer-Kreuzzug und das unerbittliche Vorgehen der Inquisition vernichtete die römische Kirche zwischen 1209 und 1310 die als ketzerisch betrachtete Glaubensbewegung vollständig. Eine Reise in die Vergangenheit - in Text und Bild.
Von
Markus Brauer
Pamiers/Carcassone
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Die Cité von Carcassonne ist eine mittelalterliche, auf einem Hügel der Altstadt von Carcassonne in der Region Okzitanien im Süden Frankreichs gelegene Festungsstadt (Foto aus dem Jahr 1937).

Die Cité von Carcassonne ist eine mittelalterliche, auf einem Hügel der Altstadt von Carcassonne in der Region Okzitanien im Süden Frankreichs gelegene Festungsstadt (Foto aus dem Jahr 1937).

Imago/Heritage Images
  • Unesco prüft in Busan die Aufnahme von Carcassonne und sieben Katharer-Burgen.
  • Die Stätten stehen für die Eroberung des Languedoc im 13. Jahrhundert.
  • Albigenserkreuzzug und Inquisition vernichteten die Katharer zwischen 1209 und 1310.
  • Montségur fiel 1244 – 225 Anhänger wurden mit ihrem Bischof verbrannt.
  • Carcassonne wurde im 19. Jahrhundert von Viollet-le-Duc restauriert und zieht viele Besucher an.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Sonne wärmt die Mauern der kleinen Städtchen in Frankreichs Süden und sorgt für jenes typische Wohlgefühl des „Midi“. Man döst, geht müßig - und mag sich gar nicht vorstellen, dass genau hier vor 800 Jahren ein Religionskrieg wütete.

Es gibt keine Hölle - die Hölle ist auf Erden

Seit Mitte des 12. Jahrhunderts grassierte hier die fromme Sektenbewegung der Katharer, eine religiöse Lehre, die wohl durch die Kreuzzüge aus dem Orient importiert worden war. Ihre Anhänger wurden - nach ihrer Hochburg Albi - auch „Albigenser“ genannt.

Die Burg Aguilar aus dem 11. Jahrhundert gehörte ebenfalls den Seigneurs de Termes, die schließlich auf die Seite des Königs wechselten. Ab 1241/62 wurde sie zur Grenzburg.

Die Burg Aguilar aus dem 11. Jahrhundert gehörte ebenfalls den Seigneurs de Termes, die schließlich auf die Seite des Königs wechselten. Ab 1241/62 wurde sie zur Grenzburg.

Imago/Andia

Die dualistische Theologie der Katharer (von altgriechisch katharoi, die Reinen) lautet kurz  zusammengefasst: Weil Gott gut ist und die Menschen schlecht, müssen sie vom Teufel geschaffen sein. Es gibt keine Hölle; die Hölle ist auf Erden. Christus sei weder gestorben noch auferstanden; nicht als Erlöser gekommen, sondern als Bote.

Die Besitzer der Burg Quéribus, die Herren von Cucugnan, sympathisierten mit den Katharern und boten ihnen Zuflucht. Der König von Aragon verkaufte das Gebiet 1239 an den französischen König, doch die örtlichen Befehlshaber hielten zu den Katharern, bis sie nach längerer Belagerung 1255 gleichzeitig mit Puilaurens aufgaben. Die beiden Burgen hatten elf Jahre länger standgehalten als die Burg Montségur. Nur Usson hielt sich noch zwei Jahre länger.

Die Burg Quéribus gehörte zum spanischen Königreich Aragon, ihre Besitzer, die Herren von Cucugnan sympathisierten mit den Katharern und boten ihnen Zuflucht.

Imago/Andia

Armut, Keuschheit, Reinheit

Ihr Mittel zur Befreiung des Menschen: die Geisttaufe durch Handauflegen (lateinisch consolamentum), dazu Armut, Keuschheit und Reinheit. Diese eigentümliche und radikale Büßerethik, ja Weltflucht der Katharer traf offenbar einen Nerv bei den so lebensfrohen wie frommen Südfranzosen. Jedenfalls breitete sich die Lehre in einer Weise aus, die auch den Papst in Rom beunruhigte.

Die Châteaux de Lastours bestehen aus vier nahe beieinander liegenden Burgen des 11., 12. und 13. Jahrhunderts, die den Herren von Cabaret gehörten; im Verlauf des Albigenserkreuzzugs (1209–1229) wurden sie kampflos an Simon de Montfort übergeben.

Die Châteaux de Lastours bestehen aus vier nahe beieinander liegenden Burgen des 11., 12. und 13. Jahrhunderts, die den Herren von Cabaret gehörten; im Verlauf des Albigenserkreuzzugs (1209–1229) wurden sie kampflos an Simon de Montfort übergeben.

Imago/Pond5 Images

Geschickt verknüpfte Frankreichs Krone die Ängste vor den Häretikern mit ihren eigenen Interessen. Und sie schaffte es, ihren Kreuzzug gegen die Albigenser (1209-1229) zur politischen Unterwerfung der mächtigen Grafschaft Toulouse zu nutzen. Graf Raymond VI. verlor so seinen Besitz und seine Rechte an den Führer des Kreuzzugs, Simon de Montfort.

Die Burg Puilaurens lag im Königreich Aragon und diente während des Albigenserkreuzzugs wichtigen Führern der Katharer als Rückzugsort. Bis zum Ende der Kreuzzüge widerstand sie allen Angriffen der Kreuzritter, bis sie schließlich 1255 kapitulierte. Sie kam dann an Frankreich.

Die Burg Puilaurens lag im Königreich Aragon und diente während des Albigenserkreuzzugs wichtigen Führern der Katharer als Rückzugsort. Bis zum Ende der Kreuzzüge widerstand sie allen Angriffen der Kreuzritter, bis sie schließlich 1255 kapitulierte. Sie kam dann an Frankreich.

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Dass es dabei äußerst brutal zuging, belegt ein angebliches Zitat des päpstlichen Gesandten (Legaten) Arnaud Amaury, Zisterzienserabt und später Erzbischof von Narbonne, der bei der Einnahme der Katharerstadt Béziers 1209 durch nordfranzösische Ritter auf die Frage, was mit den Ketzern und was mit rechtgläubigen Katholiken geschehen solle, geantwortet haben soll: „Tötet sie alle! Gott wird die Seinen schon erkennen.“

Der Katharerbischof und 225 Katharer wurden 1244 in Montségurt verbrannt. Ende des 13. Jahrhunderts wurde anstelle der geschleiften Katharerburg eine königliche Grenzfestung gegen Aragon errichtet.

Der Katharerbischof und 225 Katharer wurden 1244 in Montségurt verbrannt. Ende des 13. Jahrhunderts wurde anstelle der geschleiften Katharerburg eine königliche Grenzfestung gegen Aragon errichtet.

Imago/alimdi

„Gott wird die Seinen schon erkennen“

Waren die Katharer im Midi lange Zeit eher ein historisches Relikt unter vielen anderen, so erleben sie in den vergangenen Jahren eine Art Renaissance - ja sie werden als Kulturerbe Okzitaniens regelrecht adoptiert. Die „Châteaux cathares“ - Katharer-Burgen - sind inzwischen ein touristisches Label. Regionale Lebensmittel wie „Katharer-Brot“, „Katharer-Oliven“ und „Katharer-Wein“ gehören zum Selbstbild einer Region, die heute fast ausschließlich vom Weinbau und vom Tourismus lebt.

Die Burg Quéribus gehörte zu Aragon, ihre Besitzer, die Herren von Cucugnan sympathisierten mit den Katharern und boten ihnen Zuflucht. Der König von Aragon verkaufte das Gebiet 1239 an den französischen König, doch die örtlichen Befehlshaber hielten zu den Katharern, bis sie nach längerer Belagerung 1255 gleichzeitig mit Puilaurens aufgaben. Die beiden Burgen hatten elf Jahre länger standgehalten als die Burg Montségur. Nur Usson hielt sich noch zwei Jahre länger.

Der König von Aragon verkaufte das Gebiet um die Burg Quéribus 1239 an den französischen König, doch die örtlichen Befehlshaber hielten zu den Katharern, bis sie nach längerer Belagerung 1255 gleichzeitig mit Puilaurens aufgaben. Die beiden Burgen hatten elf Jahre länger standgehalten als die Burg Montségur. Nur Usson hielt sich noch zwei Jahre länger.

Imago/Andia

Bei ihrer am Sonntag (19. Juli) begonnenen Tagung beraten die Mitglieder des Unesco-Welterbekomitees bis 29. Juli im südkoreanischen Busan über die Neuaufnahme von insgesamt rund 30 Welterbestätten. Darunter auch die mittelalterliche Festungsstadt Carcassonne und sieben der Katharer-Burgen im Pyrenäenvorland. Sie stehen laut dem Aufnahmeantrag stellvertretend für die Eroberung des Languedoc durch den König von Frankreich und seinen Vasallen im 13. Jahrhundert.

Die Burg Aguilar aus dem 11. Jahrhundert gehörte ebenfalls den Seigneurs de Termes, die schließlich auf die Seite des Königs wechselten. Ab 1241/62 wurde sie zur Grenzburg.Die Châteaux de Lastours bestehen aus vier nahe beieinander lieg

Die Burg Aguilar aus dem 11. Jahrhundert gehörte ebenfalls den Seigneurs de Termes, die schließlich auf die Seite des Königs wechselten. Ab 1241/62 wurde sie zur Grenzburg.Die Châteaux de Lastours bestehen aus vier nahe beieinander lieg

Imago/Andia

Da ist etwa das Château de Peyrepertuse, die größte Festungsanlage der Katharer, 800 Meter hoch über dem Tal des Verdouble im Süden der Corbières gelegen. Oder der Montségur im Département Ariège, ihre letzte Schutzburg. Im Morgengrauen des 16. März 1244 wurde der Montségur an die Belagerer übergeben. Die Kreuzritter verbrannten die verbliebenen 225 Katharer mit ihrem Bischof Bertrand als Ketzer, weil sie sich weigerten, ihren Lehren abzuschwören.

Im Mittelalter lebten rund 4000 Menschen in Carcassonne, das Anfang des 13. Jahrhunderts zu den Hauptstützpunkten der Katharer gehörte. 1209 war es Ziel des Albigenserkreuzzugs. Die Stadt war bereits mit Flüchtlingen überfüllt und bot nach zweiwöchiger Belagerung die Kapitulation an. Die zwei Wochen hatten die Einwohner genutzt, um durch unterirdische Gänge in die nahe liegenden Wälder zu fliehen. Es blieben etwa 500 Einwohner, vor allem Greise, Kranke und Kinder, zurück. Von diesen durften 100 die Stadt verlassen, die anderen 400 wurden verbrannt oder gehängt.

Im Mittelalter lebten rund 4000 Menschen in Carcassonne, das Anfang des 13. Jahrhunderts zu den Hauptstützpunkten der Katharer gehörte. 1209 war es Ziel des Albigenserkreuzzugs. Die Stadt war bereits mit Flüchtlingen überfüllt und bot nach zweiwöchiger Belagerung die Kapitulation an. Die zwei Wochen hatten die Einwohner genutzt, um durch unterirdische Gänge in die nahe liegenden Wälder zu fliehen. Es blieben etwa 500 Einwohner, vor allem Greise, Kranke und Kinder, zurück. Von diesen durften 100 die Stadt verlassen, die anderen 400 wurden verbrannt oder gehängt.

Imago/Avalon.red

Entschuldigung der Kirche nach 800 Jahren

Die Einnahme des Montségur: das letzte große Kapitel jenes Kreuzzugs, der das heutige Südfrankreich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts prägte. In den nachfolgenden Jahrhunderten von Inquisition und Glaubenskriegen blieb das Kapitel des  Albigenser-Kreuzzugs ohne Aufarbeitung.

Burg Roquefixade; während des Albigenserkreuzzugs wurde die Burg belagert und zerstört, 1278 wieder aufgebaut.

Burg Roquefixade; während des Albigenserkreuzzugs wurde die Burg belagert und zerstört, 1278 wieder aufgebaut.

Imago/Andia

Erst 2016, knapp 800 Jahre nach den Ereignissen und im Zeitalter der Religionsfreiheit, entschuldigte sich der damalige katholische Bischof der Region, Jean-Marc Eychenne, Bischof von Pamiers, im Rahmen eines Versöhnungsgottesdienstes.

Die Burg Montségur ist die bekannteste Burg der Katharer. Bereits eine Ruine, wurde sie ab 1204 wieder befestigt, Montségur war Sitz und Hauptstadt der katharischen Kirche und blieb auch nach dem Albigenserkreuzzug (1209–1229) wichtigstes Refugium der katharischen Gemeinde, bis zum Fall 1244. Der Katharerbischof und 225 Katharer wurden hier verbrannt. Ende des 13. Jahrhunderts wurde anstelle der geschleiften Katharerburg eine königliche Grenzfestung gegen Aragon errichtet.

Die Burg Montségur ist die bekannteste Burg der Katharer. Bereits eine Ruine, wurde sie ab 1204 wieder befestigt, Montségur war Sitz und Hauptstadt der katharischen Kirche und blieb auch nach dem Albigenserkreuzzug (1209–1229) wichtigstes Refugium der katharischen Gemeinde, bis zum Fall 1244.

Imago/alimdi

Carcassone: Derselbe Restaurator wie Notre-Dame

Das touristische Highlight auf der Kandidatenliste ist zweifellos Carcassonne mit seinem mittelalterlichen Festungsring wie aus dem Märchen und rund vier Millionen Besuchern pro Jahr. Zu Beginn des Kreuzzugs war die Stadt ein Hauptstützpunkt der Katharer. Die Festungsstadt ist von einer doppelten Mauer von je rund drei Kilometer Länge und insgesamt 52 Türmen umgeben.

Die Burg Puilaurens lag im Königreich Aragon und diente während des Albigenserkreuzzugs wichtigen Führern der Katharer als Rückzugsort. Bis zum Ende der Kreuzzüge widerstand sie allen Angriffen der Kreuzritter, bis sie schließlich 1255 kapitulierte. Sie kam dann an Frankreich.

Die Burg Puilaurens lag im Königreich Aragon und diente während des Albigenserkreuzzugs wichtigen Führern der Katharer als Rückzugsort. Bis zum Ende der Kreuzzüge widerstand sie allen Angriffen der Kreuzritter, bis sie schließlich 1255 kapitulierte. Sie kam dann an Frankreich.

Imago/Andia

Im 19. Jahrhundert weitgehend verfallen, wurde sie von Eugène Viollet-le-Duc (1814-1879) restauriert, einem der zentralen Persönlichkeiten der frühen Denkmalpflege in Europa. Seit 1853 war er Oberaufseher aller Sakralbauten Frankreichs. Die Befestigungsmauern von Carcassonne gehörten zu den wichtigsten seiner vielen restauratorischen Arbeiten, neben Notre-Dame in Paris oder der Basilika Saint-Sernin in Toulouse.

Die Burg Puivert befand sich im Besitz der Familie de Congost, die mit den Katharern sympathisierte. 1210 kapitulierte sie nach kurzer Belagerung.

Die Burg Puivert befand sich im Besitz der Familie de Congost, die mit den Katharern sympathisierte. 1210 kapitulierte sie nach kurzer Belagerung.

Imago/Kena Images

À propos Toulouse: Auch eine der bedeutendsten Ordensgemeinschaften der katholischen Kirche geht auf die Bekämpfung der Katharer zurück: In Toulouse steht die Wiege des Dominikanerordens. Der heilige Dominikus (1170-1221) gründete dort 1215 den „Ordo predicatorum“, den Predigerorden, der sich der rechten theologischen Verkündigung verschrieb. Toulouse freilich, die kulturgeschichtlich erstrangige „Rote Stadt“ an der Garonne, ist diesmal nicht Gegenstand der Welterbe-Debatte. Ihre Stätten sind schon seit 1998 gelistet. (Text: Alexander Brüggemann/KNA)