Ex-Landesschau-Moderatorin Martina Meisenberg
: Wachgeküsst vom Leben

Martina Meisenberg war eine Frontfrau im SWR-Fernsehen. Dann starb das Kind in ihrem Bauch – und sie änderte ihr Leben. Wie geht es der ehemaligen „Landesschau“- Moderatorin heute?
Von
Frank Buchmeier
Stuttgart
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„Psychologische Beraterin und Coach für innere Freiheit“: Martina Meisenberg in ihrer Konstanzer Praxis

Frank Buchmeier

Stuttgart/Konstanz - Ein kleines Geburtstagsgeschenk kann Großes bewirken. Mit einem Gutschein für eine Ayurveda-Massage fährt die „Landesschau“-Moderatorin Martina Meisenberg von ihrer Wohnung im Stuttgarter Westen in eine Gerlinger Naturheilpraxis. Dort erwartet sie ein stilles Abenteuer: Aus einem Messingkännchen gießt der Therapeut warmes Kräuteröl auf ihren Rücken und reibt es in die Haut. Martina Meisenberg spürt, wie sich ihre Muskeln entspannen, ein wohliges Gefühl, das sich wie von Zauberhand auf Geist und Seele überträgt. Es ist, als würde sie in eine andere Sphäre gebeamt. Das Fernsehstudio, die Einschaltquote, der Erfolgsdruck – alles weit weg. Wie ist das möglich?

Fünfzehn Jahre später ist Martina Meisenberg längst keine „Landesschau“-Moderatorin mehr, und sie lebt mit ihrem Mann auch nicht mehr im Stuttgarter Westen, sondern in der Konstanzer Altstadt. Die extravagante Maisonette-Wohnung übernahm das Ehepaar von der Schauspielerin Ursula Cantieni. Fachwerk neben einer Stahltreppe, offene Räume, nicht einmal vor der Toilette ist eine Tür. Der Badewannenboden durchbricht die Wohnzimmerdecke, von der Terrasse aus geht der Blick über Häuserdächer hinweg zum Münster Unserer Lieben Frau. Martina Meisenberg nennt sich nun „Coach für den ganzen Menschen“. Sie ist gerade von einem Seminar auf Lesbos zurückgekehrt. Wie erging es ihr in den vergangenen Jahren? „Ich wurde vom Leben wachgeküsst“, antwortet sie.

Martina Meisenberg, geboren am 31. Januar 1967 im ostfriesischen Emden, wächst in Friedrichshafen und Ravensburg auf. Nach dem Abitur will sie Lehrerin werden, doch man sagt ihr, Lehrerinnen gebe es bereits zu viele. Dann halt etwas mit Medien. In Tübingen studiert sie Romanistik und Sportpädagogik, dazu noch anderthalb Jahre in San Francisco „Screenplay-Writing“. Anschließend schreibt die Jungautorin zwar keine Drehbücher für Hollywood-Spielfilme, aber immerhin ein paar Berichte für Tageszeitungen. Mit diesen Arbeitsproben ergattert sie ein Praktikum beim Südwestfunk in Baden-Baden und darf bald eigenständig Filmbeiträge für „Baden-Württemberg aktuell“ über die Weinlese am Oberrhein oder die Windkraft auf der Schwäbischen Alb produzieren.

Kurz vor der Rundfunkfusion bekommt sie beim SDR-Fernsehen in Stuttgart ein Volontariat. Bei einem Filmdreh im Café Stella lernt sie ihren Traummann kennen: Eckhard Staiger, im Hauptberuf Schreinermeister, steht als Posaunist der Band Cleanin’ Women auf der Bühne. Eine Liebe-auf-den-ersten-Blick-Begegnung. Das Paar bezieht eine Dachgeschosswohnung in der Bismarckstraße, die Hochzeit wird in einem Bergdorf auf Mallorca gefeiert. Familie und Freunde sind angereist, um bei der Trauung in einer kleinen Steinkapelle dabei zu sein. Romantik wie im Roman.

Sie hat alles erreicht, zufrieden ist sie nicht

Martina Meisenberg mit ihrem Kollegen Markus Brock im Jahr 2002

Foto: SWR-Pressestelle

Zu diesem Zeitpunkt ist Martina Meisenberg bereits Frontfrau der „Landesschau“ mit stattlichem Gehalt und dem Bekanntheitsgrad einer Person, die regelmäßig baden-württemberg-weit im Fernsehen zu sehen ist. „Der SWR hat ein neues Sternchen, das nach Kräften zum Strahlen gebracht werden soll: Martina Meisenberg“, schreibt die Stuttgarter Zeitung im August 2001. „Sie ist jung, nett, hübsch und blond.“ Selbst bärbeißige Gesprächspartner wie Götz George erliegen im Live-Interview ihrem gefühligen Charme, bei Zuschauerbefragungen erreicht sie die höchsten Emo-Werte. Beruflich hat Martina Meisenberg alles erreicht, was sie sich erträumt hatte. Zufrieden ist sie nicht.

Was fehlt ihr zu einem erfüllten Leben? Ein Kind! Martina Meisenberg ist Mitte 30 als ihr klar ist, dass sie nun Mutter werden will. Monate vergehen, nichts passiert. Das Paar will nicht künstlich nachhelfen. Lieber weiter warten, die Hoffnung nicht aufgeben, das Schicksal entscheiden lassen. Martina Meisenberg hat den 40. Geburtstag bereits hinter sich, als sie doch noch schwanger wird. Das Wunschkind soll Josefine heißen.

Die werdende Mutter spricht Tag und Nacht mit Josefine, der Vater singt für sie Kinderlieder. Der Fötus sei kerngesund, sagen die Ärzte. Martina Meisenberg verabschiedet sich in den Mutterschutz. „Das war’s von mir für eine längere Zeit“, erzählt sie den „Landesschau“-Zuschauern. „Sie kennen den Grund: Ich werde jetzt erst einmal in aller Ruhe meine Tochter zur Welt bringen, freue mich schon wie eine Schneekönigin, dass ich sie endlich in meinen Armen halten kann.“ Vor ihr liegen Babyklamotten, die ihre Fans ins Studio geschickt haben. „Die Kleine in meinem Bauch wird sich sicher darüber freuen. Vielen Dank!“

Der Schmerz und die Folgen

Noch zehn Tage bis zum Geburtstermin. Plötzlich regt sich nichts mehr im Bauch. Schnell zur Frauenärztin. Bei der Kardiotokografie werden keine Herztöne mehr registriert, der Ultraschall bringt Gewissheit: Josefine ist im Mutterleib gestorben.

Martina Meisenberg wird ins Marienhospital geschickt. Drei Tage liegt sie dort und erhält Wehen auslösende Medikamente. Am 15. Dezember 2007 kommt Josefine zur Welt. Sie sieht aus wie ein schlafendes Baby, doch sie atmet nicht. Ihre Mutter flüstert: „Na, meine zuckersüße Maus, hast wohl andere Pläne gehabt? Mama und Papa lieben dich trotzdem.“ Josefine wird auf dem Waldfriedhof bestattet. Bei der Trauerfeier zitiert ihr Großvater ein Gedicht von Ludwig Uhland: „Du kamst, Du gingst mit leiser Spur, ein flücht’ger Gast im Erdenland; Woher? Wohin? Wir wissen nur: aus Gottes Hand in Gottes Hand.“

Viele Menschen, die Ähnliches erleiden mussten, ertrinken im Schmerz. Martina Meisenberg macht acht Monate lang als „Landesschau“-Moderatorin weiter, fast so, als wäre ihr nichts passiert. Dann erträgt sie die Oberflächlichkeit der Medienwelt nicht mehr. Sie will tiefer gehen, auf eine Reise in die innere Welt. Als Orientierung soll ihr das Wissen dienen, das sie über Jahre neben ihrer Fernseharbeit in Seminaren über die traditionelle indische Heilkunst Ayurveda gelernt hat: Im Menschen sind Doshas angelegt – Energien, die Körper, Geist und Seele bestimmen. Sie heißen Vata, Pitta und Kapha. Jeder trägt die drei Doshas in einem individuellen Gleichgewicht in sich. Das, was in der westlichen Medizin als Krankheit bezeichnet wird, ist in der ayurvedischen Lehre Ausdruck eines Ungleichgewichts.

Neuanfang in Konstanz

Um die richtige Balance zu finden, ziehen Martina Meisenberg und ihr Mann zunächst einmal aus dem Stuttgarter Talkessel an den Bodensee. Er wird in Konstanz Teilhaber einer Schreinerei und stürzt sich in sein Handwerk. Sie spaziert von der Altstadt hinaus zum Strand am Hörnle und schaut stundenlang aufs Wasser. Sie trauert um Josefine, auch das ist Arbeit, vielleicht die härteste, die ein Mensch leisten muss.

Mehr als ein Jahr vergeht, dann beschließt Martina Meisenberg, eine frei gewordene Praxis unter ihrer Wohnung zu mieten und ihren Erfahrungsschatz zu teilen. Mit vielversprechenden Botschaften wie „Wenn Sie erfolgreich und glücklich sein wollen, müssen Sie die volle Verantwortung für alles übernehmen, was Ihnen widerfährt“ wirbt sie auf ihrer Website für ihr „Programm für Transformation, Gesundheit & Lebensfreude“.

Ist sie selbst glücklich, sprüht sie vor Lebensfreude, obwohl sich ihr Wunsch, Mutter zu werden, nicht erfüllte? „Josefine hat ein Füllhorn der Liebe über mich ausgeschüttet, sie hat mir ein Geschenk gemacht, trotz des unbeschreiblichen Schmerzes bin ich sehr dankbar für die Begegnung mit ihr“, sagt sie. „Ich habe eine spirituelle Erfahrung gemacht, die mich innerlich weiter und weicher gemacht hat, weil ich nun weiß, dass wir alles überleben können.“

Als sich Martina Meisenberg im März 2010 selbstständig macht – zunächst als Yoga-Lehrerin – verteilt sie in Konstanz eigenhändig Flyer: „Frühlingserwachen! Mit Ayurveda zu neuer Kraft!“ Es melden sich fast 50 Interessentinnen, drei Kurse kommen zusammen, aber die Praxis brummt noch nicht. Mehr Umsatz bringen die Moderationsjobs, die sie nebenher erledigt: hier ein Empfang der Wirtschaftskammer, dort ein Energietag der EnBW.

Im Sommer 2011 lädt sie Wieland Backes als Gast ins „Nachtcafé“ ein. Mit rührender Offenheit erzählt Martina Meisenberg vor einer halben Million Fernsehzuschauern, wie sie ihre Tochter verlor und wie sie es danach schaffte, eine „ruhevolle Gelassenheit“ zu finden. Im Anschluss an die Sendung melden sich 150 neue Klienten für ihre „ganzheitliche Beratung“.

Mittlerweile lebt Martina Meisenberg fast vollkommen in und von ihren Lebensweisheiten. Auf einfache Fragestellungen reagiert sie mit philosophischen Betrachtungen oder zitiert Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder Margot Käßmann. Beim Abschied dankt sie dem Besucher dafür, dass er sie auf „eine Reise in meine Vergangenheit“ mitgenommen habe.

Die alten Ängste

In den folgenden Tagen schickt Martina Meisenberg mehrere E-Mails mit Notizen und Tagebucheinträgen sowie das Manuskript eines Vortrags, den sie für eine Krankenkasse gehalten hat. Auf zig Seiten berichtet sie, was sie bei der persönlichen Begegnung bloß andeutete. Sie schreibt von der Trennung ihrer Eltern, vom Gefühl des Verlassenwerdens durch den Vater und von den (Fehl-) Interpretationen eines heranwachsenden Mädchens, das sich selbst noch sucht: „Ich bin nicht gut genug! Ich bin nicht liebenswert, so wie ich bin!”

Diese Ängste lassen auch nicht nach, als es Martina Meisenberg 20 Jahre später zu einer Vorzeigefrau beim SWR gebracht hat. Sätze wie „Was denken die anderen von mir?“ oder „Ich darf nichts Falsches sagen“ spuken in ihrem Kopf herum. „Dieser Stress war echt anstrengend und manchmal an der Grenze, mich krank zu machen.“

Vor der Kamera fällt es ihr schwer, in einem Moment mit einem zwölfjährigen Buben über seine schwere Behinderung zu sprechen und im nächsten Moment einen Beitrag über die Rottweiler Fasnet anzukündigen. Hinzu kommt die Kritik von Kollegen, die alles besser wissen: wie ein Interview oder eine Anmoderation funktioniert, ja sogar, wie sich eine Frau im Fernsehstudio kleiden sollte: „Der beige Anzug macht dich blass.“ Martina Meisenberg tut der Bauch weh, manchmal fließen bei ihr Tränen.

Innerer Frieden

Nun, sieben Jahre nach ihrem selbst gewählten Abschied vom SWR, sieht sie das damals Erlittene als wichtigen Impuls, sich zu verändern. „Ich wollte nicht länger fremdbestimmt arbeiten und mich nicht mehr in einer Rolle verstecken müssen, mich nicht mehr den Anforderungen, Erwartungen und Bedingungen fügen müssen“, sagt Martina Meisenberg. „Ich wollte ein starkes Fundament für einen Neuanfang schaffen – zu Ehren Josefines.“

Mit ihrer Tochter werde sie in alle Ewigkeit tief verbunden sein: „Sie hat mich neun Monate lang verzaubert und mir vieles offenbart. Josefine ist immer bei mir, ich kann sie fühlen und jederzeit mit ihr Kontakt aufnehmen und mit ihr sprechen. Sie hat oft ganz wunderbare Botschaften für mich.“ Martina Meisenberg hat den inneren Frieden gefunden, sie hat sich selbst zum Strahlen gebracht.

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