George R.R. Martin: Wird es jemals ein 6. Game-of-Thrones-Buch geben?

George R.R. Martin
Christoph Soeder/dpaVor 30 Jahren erschien mit „A Game of Thrones“ (dt.: „Die Herren von Winterfell“) der erste Roman aus George R.R. Martins Fantasy-Saga. Fünf Bände und eine der erfolgreichsten Fernsehserien aller Zeiten später ist die Geschichte noch immer nicht beendet. Auf „The Winds of Winter“ warten Leser inzwischen länger, als Martin für alle bisherigen Bücher zusammen benötigte.
Am 1. August 1996 erschien in den USA ein Fantasyroman, dessen Titel damals noch kaum jemandem etwas sagte: A Game of Thrones. Der heute 77-jährige Autor plante seine Geschichte ursprünglich deutlich kürzer. Aus der Idee entwickelte sich jedoch das monumentale Epos A Song of Ice and Fire – auf Deutsch Das Lied von Eis und Feuer – und später die HBO-Serie Game of Thrones.
Zum 30. Geburtstag des ersten Bandes ist das Buchuniversum größer denn je. Es gibt mehrere Fernsehserien, Computerspiele, Bildbände, Vorgeschichten und inzwischen sogar ein Bühnenstück. Nur die eigentliche Romanhandlung ist seit 15 Jahren keinen Schritt weitergekommen. Der fünfte Band, A Dance with Dragons, erschien 2011. Der sechste, The Winds of Winter, hat bis heute weder einen Veröffentlichungstermin noch ein fertiggestelltes Manuskript.
Das Buch existiert – aber es ist nicht annähernd druckfertig
Dass Martin nur einen Titel angekündigt und ansonsten nichts geschrieben habe, stimmt nicht. Zahlreiche Kapitel wurden bereits öffentlich vorgelesen oder als Leseproben veröffentlicht. Ende 2022 sprach Martin von rund 1100 bis 1200 geschriebenen Manuskriptseiten. Damals schätzte er, dass noch etwa 400 bis 500 Seiten fehlten. Ein Jahr später nannte er allerdings wieder ungefähr 1100 Seiten und erklärte, er kämpfe mit dem Manuskript.
Auch ein großes Interview, das im Januar 2026 veröffentlicht wurde, brachte keinen erkennbaren Sprung. Weiterhin war von ungefähr 1100 Seiten die Rede. Martin beschrieb, wie er alte Kapitel öffne, mit ihnen unzufrieden sei und sie erneut überarbeite. Das eigentliche Schreiben falle ihm zunehmend schwerer. Zugleich sagte er, dass The Winds of Winter für ihn weiterhin Priorität habe – allerdings nicht immer das Projekt sei, an dem er gerade arbeiten wolle.
Eine Manuskriptseite ist außerdem nicht mit einer gedruckten Buchseite gleichzusetzen. Und bei Martin bedeutet „geschrieben“ nicht automatisch „fertig“. Ganze Kapitel können überarbeitet, verschoben oder verworfen werden. Die bekannte Seitenzahl ist deshalb kein verlässlicher Fortschrittsbalken. Sie zeigt lediglich, dass umfangreiches Material vorhanden ist.
Warum dauert das so lange?
Das Problem ist nicht nur Martins Arbeitstempo. Seine Geschichte ist inzwischen enorm kompliziert. Dutzende Figuren befinden sich auf mehreren Kontinenten, verfolgen eigene Ziele und müssen am Ende wieder in eine gemeinsame Handlung geführt werden. A Dance with Dragons endete zudem mit mehreren offenen Schlachten und zahlreichen Cliffhangern, die der Nachfolger zunächst abarbeiten muss.
Martin schreibt nicht streng nach einem unveränderlichen Plan. Er entwickelt Figuren und Handlungswege während des Schreibens weiter. Dieses Vorgehen hat einige der überraschendsten und glaubwürdigsten Momente der Reihe hervorgebracht. Bei einer Geschichte dieser Größe kann es jedoch dazu führen, dass eine Änderung an einer Stelle zahlreiche andere Kapitel unbrauchbar macht.
Hinzu kommen Martins weitere Verpflichtungen. Rund um Westeros ist ein kompletter Medienbetrieb entstanden. Martin arbeitet als Produzent, berät Serienprojekte und beschäftigt sich mit Vorgeschichten, Kurzfilmen, Anthologien und anderen Stoffen. Im Januar 2026 räumte er selbst ein, dass er The Winds of Winter vermutlich schneller beenden könnte, wenn einige dieser anderen Aufgaben erledigt wären. Gleichzeitig machte er deutlich, dass ihm diese Projekte ebenfalls wichtig sind.
Der häufige Vorwurf, Martin sei schlicht faul oder interessiere sich nur noch für Geld, greift deshalb zu kurz. Er arbeitet offenkundig viel. Nur arbeitet er nicht ausschließlich an dem Buch, das ein großer Teil seines Publikums von ihm erwartet.
Die optimistischen Prognosen sind wertlos geworden
Martin hat über viele Jahre immer wieder Termine und Zeiträume genannt, die er anschließend nicht einhalten konnte. Besonders deutlich wurde das 2015: Damals wollte er das Manuskript noch vor der sechsten Staffel der HBO-Serie abgeben. Anfang 2016 musste er öffentlich erklären, dass er die Frist verpasst hatte.
2019 ging er noch weiter. In einem scherzhaften Blogbeitrag erklärte Martin, seine Fans dürften ihn in einer Hütte auf einer Vulkaninsel einsperren, sollte er das Buch nicht bis zur Worldcon 2020 fertiggestellt haben. Die Veranstaltung fand wegen der Pandemie nur virtuell statt. Das Manuskript blieb trotzdem unvollendet.
Solche Aussagen sind heute vor allem historische Kuriositäten. Aus ihnen lässt sich keine seriöse Prognose mehr ableiten. Martins eigene Zeitpläne haben sich als zu optimistisch erwiesen – und das weiß inzwischen auch der Autor.
Bringt die LACon endlich die große Ankündigung?
Ende August 2026 soll Martin bei der World Science Fiction Convention LACon auftreten. In Fanforen wird deshalb bereits auf eine mögliche Überraschung spekuliert. Für diese Hoffnung gibt es jedoch keinerlei belastbaren Hinweis. Martins offizielle Terminseite bestätigt lediglich seine Teilnahme vom 27. bis 31. August.
Auch Martins jüngster persönlicher Blogbeitrag vom 3. August enthielt keine Neuigkeiten zum Roman. Nach fast sechs Monaten ohne eigenen Eintrag berichtete er von einem belastenden Jahr, vom Verlust von Freunden sowie von Traurigkeit und Depressionen. Gleichzeitig schrieb er über den Erfolg der Serie A Knight of the Seven Kingdoms. The Winds of Winter erwähnte er nicht. Daraus sollte man keine Ferndiagnose und keine endgültige Prognose ableiten. Es bedeutet zunächst nur: Eine unmittelbar bevorstehende Veröffentlichung hat Martin nicht angekündigt.
Wird „The Winds of Winter“ also noch erscheinen?
Eine Veröffentlichung ist weiterhin möglich und wahrscheinlich plausibler als ein vollständiges Scheitern. Dafür spricht vor allem, dass ein sehr umfangreiches Manuskript existiert, Martin weiterhin an einzelnen Kapiteln arbeitet und wiederholt betont hat, die Geschichte nicht aufgegeben zu haben. Ein fast fertiger Roman muss nicht linear entstehen: Auch nach Jahren geringer sichtbarer Fortschritte kann sich ein schwieriger Handlungsstrang plötzlich lösen.
Gegen eine baldige Veröffentlichung spricht allerdings alles, was öffentlich bekannt ist. Seit Jahren gibt es keine stabile Zunahme der genannten Seitenzahl. Hunderte Seiten sollen weiterhin fehlen, während bestehende Kapitel überarbeitet werden. Einen Abgabetermin nennt Martin nicht. Selbst im Januar 2026 klang er nicht wie ein Autor auf den letzten Metern, sondern wie jemand, der noch immer mit grundlegenden Problemen des Manuskripts ringt.
Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Ja, ein sechster Band kann noch erscheinen. Aber es gibt derzeit keinen vernünftigen Grund, mit ihm in naher Zukunft zu rechnen.
Noch schlechter stehen die Chancen für einen vollständigen Abschluss der Reihe. Nach The Winds of Winter soll schließlich noch A Dream of Spring folgen. Martin hat zudem klargestellt, dass im Fall seines Scheiterns kein anderer Schriftsteller die Geschichte für ihn vollenden soll. Dann bliebe das Werk unvollendet.
Dreißig Jahre nach dem ersten Band ist damit aus „Wann kommt das nächste Buch?“ eine andere Frage geworden: Schafft Martin wenigstens noch The Winds of Winter – oder bleibt der berühmteste Winter der Fantasygeschichte für immer im Anmarsch?
