Gleichberechtigte Elternschaft
: Was Weihnachten, Väterurlaub und Christian Lindner gemeinsam haben

Der FDP-Chef will keine Elternzeit nehmen und Weihnachten ist auch schon wieder. Manche Dinge, ändern sich einfach nie, denkt unsere Autorin. Oder vielleicht doch?
Von
Lisa Welzhofer
Stuttgart
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Vor zwei Jahren wollte er noch Kinder hüten und nebenbei ein Buch schreiben. Jetzt lässt Christian Lindners Job das nicht mehr zu.

picture alliance/dpa/Kay Nietfeld

Zum Los der Journalistin gehört, dass manche Themen so zuverlässig wiederkehren wie Weihnachten oder eine totgesagte FDP. Wenn man (wie ich) schon 20 Jahre in diesem Metier arbeitet, denkt man dann: Ich bin alt. Und: Das ändert sich wohl nie.

Kürzlich ging es mir mit dem Artikel einer Kollegin so, die an dieser Stelle wunderbar pointiert und süffisant jene Väter abgewatscht hat, die in ihrer Elternzeit mit der Familie urlauben, anstatt einfach mal daheim und allein den Alltag mit Baby zu wuppen, während die Mutter für die eigene Rente vorsorgt zum Beispiel. Dass zu so einem Elternzeit-Urlaub auf Bali immer zwei gehören – also frau mehr Engagement von ihm auch einfordern müsste – hat die Kollegin ebenfalls geschrieben, keine Sorge.

Gleichberechtigte Elternschaft – da tut sich nix

Das Thema gleichberechtigte Elternschaft, also die faire Aufteilung von Sorge- und Familienarbeit zwischen Paaren – ist eines, dass Journalistinnen und Journalisten seit mindestens einer Dekade stark umtreibt (auch wir haben schon verzweifelt versucht, sie herbeizuschreiben). Und bei dem sich offenbar kaum etwas tut. Viele Väter nehmen noch immer keinen oder maximal zwei Monate Elternzeit. Danach leben die meisten Familien das uralte Modell: Er arbeitet Vollzeit, sie Teilzeit oder gar nicht.

Symptomatisch ist in diesem Zusammenhang, dass die für ihren feministischen Koalitionsvertrag gefeierte Ampel-Koalition es nicht einmal geschafft hat, den geplanten zweiwöchigen Urlaub für Partner nach einer Geburt gesetzlich festzuschreiben. Nun ist die Ampel ohnehin tot – ohne große Aussicht auf Wiederauferstehung.

Apropos Ampel-Totengräber: In diesem Advent erzählte Christian Lindner (FDP) der „Bunten“, dass er nach der Geburt seines Kindes im Frühjahr keinesfalls Elternzeit nehmen könne. Sein Job sehe so etwas nicht vor. Das klang vor zwei Jahren noch anders. Da hatte der FDP-Chef und damals Noch-Finanzminister der „Zeit“ gesagt, wenn Kinder kämen, so habe er es mit seiner Frau (Journalistin!) besprochen, sei er dran mit der Care-Arbeit. Er werde dann die Kleinen hüten und nebenbei Bücher schreiben oder auch mal jagen und imkern. Nun ja. Auch Lindner missversteht Elternzeit offenbar als urlaubsähnliches Szenario.

Jeder zweite Vater will die Hälte der Care-Arbeit machen

Mit seiner Kehrtwende ist der FDP-Chef übrigens nicht allein. Umfragen zeigen, dass es sich sehr viele Paare vor der Geburt anders wünschen und besprechen, als es dann eben wird. Im Väterreport des Familienministeriums 2023 ist nachzulesen, dass jeder zweite Mann gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen würde, aber nur jeder fünfte es auch tut. Jedes zweite Paar wünscht sich ein Modell, in dem beide Vollzeit oder beide Teilzeit arbeiten. Tatsächlich arbeitet aber in drei von vier Familien sie gar nicht oder weniger als er.

Vor zwei Jahren sagte Christian Lindner (hier mit Frau Franca Lehfeldt) noch: Wenn die Kinder da seien, wäre er dann dran.

Foto: dpa/Carsten Koall

Also alles wie gehabt? Die gleichberechtigte Elternschaft ein ewiges Wiedergängerthema ohne Fortschritt? Nicht ganz. Ein bisschen was tut sich nämlich schon. Der Anteil der Paare, bei denen beide in Teilzeit arbeiten, steigt in winzigen Schritten. Jener der Väter, die Elternzeit nehmen, auch, auf zuletzt rund 46 Prozent. Und um einen herum, erlebt man junge Männer, die ganz selbstverständlich ein halbes Jahr daheim bleiben – oder mehr. Zuletzt sogar in Zeitungsredaktionen, in denen so etwas vor einer Dekade noch schier undenkbar schien.

Manche Dinge ändern sich also vielleicht doch noch – nur Weihnachten bleibt und bei der FDP muss man mal sehen. In diesem Sinne: Frohes Fest!

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Lisa Welzhofer hat zwei Kinder (7 und 11 Jahre alt) und ist jeden Tag baff, wie großzügig die beiden über ihre Fehler als Mutter hinwegsehen.