Kolumne „Familiensache“: Auf euch, auf euch alle!

Neues Jahr neues Glück, und wenn alles nichts hilft: bunte Luftballons sind immer gut.
Unsplash/Sagar PatilIrgendwie schade. Streng genommen versuchen wir unsere ganze Kindheit lang, mit der Schaukel einen 360 Grad Überschlag hinzubekommen, geben dann aber auf, weil wir lieber erwachsen sein sollen und irgendwann sterben wir. Ende der Geschichte. Das ist in den meisten Fällen sehr schade. Das Sterben sowieso, aber auch das Aufgeben. Ich bin kein Experte, doch ich befürchte, die Zeiten waren selten besser, lieber nicht aufzugeben. Damit wäre schließlich auch nur den Falschen geholfen.
Natürlich wirkte 2024 mindestens zwölf Monate lang wie eine Drohung auf das, was kommen wird. Aber selbst wenn das tatsächlich so sein sollte: Und jetzt? Na und? Wir haben da Donald Trump in der Warteschleife, verstrahlte Multimilliardäre, Populisten, Neoliberale, vogelwilde Konservative, zu viele Rassisten – sie alle warten auf ihre Chance und einige werden sie wohl auch bekommen.
Der Trend geht zur Stinkstiefelei
Doch das bedeutet ja nicht, dass es nun plötzlich falsch wäre, sich als empathischer, freundlicher oder gar hilfsbereiter Mensch durchs Leben zu leben. Neulich zum Beispiel habe ich Hilfe gebraucht und war glücklich, als mir geholfen wurde. Kürzlich war ich noch glücklicher, weil ich jemandem tatsächlich helfen konnte. In der Hinsicht lohnt es sich, altmodisch zu bleiben und derartige Werte auch zu leben. Mir ist schon klar, dass dies gerade nicht sonderlich en vogue scheint und der Trend zur Stinkstiefelei geht.
Doch es schadet natürlich nicht, die Kinder auf diese ungewisse Zukunft vorzubereiten. Neulich zum Beispiel wollte der Sohn spielen, Spaß haben und so. Das habe ich sofort unterbunden und ihm „Fachkräftemangel!“ entgegengebrüllt. Er solle lieber arbeiten gehen. Für die Wirtschaft und für Deutschland.
Kennen Sie Geier Sturzflug?
Ich wurde leider umgehend nostalgisch, fing zu tanzen an und summte: „Ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!“. Das war ein Superhit, als ich klein war. Die Band kam aus Bochum und hieß Geier Sturzflug. Ein paar Jahre, nachdem sie ihrem Hit hatten, war ich sogar mal auf einem Konzert von Geier Sturzflug. Zusammen mit ungefähr 38 anderen Leuten. Es zeichnete sich ab: Die Sache mit der bedingungslosen Steigerung des Bruttosozialprodukts, war nicht lange in Mode. Da wird man schnell zum One-Hit-Wonder. Neulich habe ich eine neue Version des ollen Hits gehört – von einem, der Kanzler werden möchte. Sinngemäß trällerte der: „Bald wird wieder in die Hände gespuckt, IHR steigert das Bruttosozialprodukt!“. Netter Versuch, Junge.
Aber vielleicht habe wir uns alle nach diesem Jahr andere Lieder verdient. Und was das angeht, empfehle nach wie vor zwischen Weihnachten und Silvester: „The Power of Love“ von Frankie Goes To Hollywood. Da ist alles gesagt und alles drin. An Silvester dann: „Hell Or High Water“ von William Elliott Whitmore. Der hebt sein Glas auf die Menschen, die gut tun, die Menschen, die man viel zu selten sieht, und auch auf die Menschen, die leider nicht mehr unter uns sind. Das werde ich später auch machen und mich damit abfinden, dass man ab einem gewissen Alter öfter auf Beerdigungen als auf Geburtstage eingeladen wird. Jetzt wird aber erst mal gespielt, denn Kinder sollten Spaß haben.
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Michael Setzer ist seit sechs Jahren Vater. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.
