Kolumne Familiensache: Dein Kind, das unbekannte Wesen

Wasserrutsche ja oder nein? Für die Kinder war das im Urlaub sehr schnell entschieden.
dpa/Christian CharisiusWir leben Tag ein Tag aus mit ihnen und bilden uns ein, sie gut zu kennen – bis unsere lieben Kinder uns hin und wieder eines Besseren belehren. Das durften wir in unserem Sommerurlaub in der Türkei gleich mehrfach erleben, im Positiven wie im Negativen.
Ende vergangenen Jahres planten wir unseren Urlaub: All-In in der Türkei: Check! Bei der Hotelsuche natürlich an die Kids gedacht: „Mensch, alle drei lieben doch Wasserrutschen so sehr“. Also schnell ein Hotel mit zig Rutschen rausgesucht – ich glaube es waren mehr als 20 – und uns auf den Urlaub gefreut.
Als es Ende August so weit war, wurde einer der Zwillinge immer nervöser. „Ich will nicht fliegen, ich will nicht fliegen. ICH WILL NICHT FLIEGEN“. Alles klar, wir haben es verstanden, aber da müssen wir jetzt durch. Abgesehen davon, dass es nicht der erste Flug der Kinder war und es bis dato nie Probleme gab. Am Tag des Hinflugs wurde es auch nicht besser, doch als wir im Flugzeug saßen, schien die Angst von ihm abzufallen – und gerade als der Flieger zum Start abhob, leuchteten seine Augen sogar. Muss jetzt niemand verstehen, wir waren jedenfalls froh.
Im Hotel angekommen, inspizierten wir gleich den Pool-Bereich und die Wasserrutschen – und die Kinder waren nicht mehr gesehen (was bei der Urlaubsplanung auch eine entscheidende Rolle spielte). Herrlich, jetzt erst mal schön ohne Kids am Pool chillen. Wie lange ging das gut? Exakt einen Tag. An Tag 2 kam das Trio auf uns zu: „Wir haben jetzt jede Rutsche getestet, irgendwie langweilig. Müssen nicht mehr rutschen. Was gibt’s hier sonst noch?“ – Rumms! Das hatte gesessen. Und prompt hatten wir die lieben Kinder wieder an der Backe. Für die darauffolgenden zehn Tage. Der Plan ging aber mal auf – nicht.
Die nächste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten: Unser Ex-Flugangst-Zwilling war auch mal unser Ich-Ess-Alles-Zwilling – exakt bis zu dem Zeitpunkt, als er das Buffet sah. Tausend Gerichte zur Auswahl, bei jedem rümpfte er die Nase. Zum Glück gab’s eine Pizzeria im Hotel, die kennen wir jetzt in- und auswendig.
Was wir jetzt auch in- und auswendig kennen, sind die Billardtische im Hotel. Billard stand bei unseren Kindern bis dato in etwa so hoch im Kurs wie eine heftige Magen-Darm-Grippe (was vor allem bei den Jungs daran lag, dass sie den Tisch bislang nur auf Zehenspitzen überblicken konnten). Doch wie wir alle wissen: Sie werden ja so schnell groß. Und als Papa seine Pool-Künste hervorholte, packte den einen Zwilling dermaßen der Ehrgeiz, dass er von nun an am liebsten im Billardzimmer übernachtet hätte. Und so verbrachten der plötzlich Billard-Begeisterte und meine Wenigkeit für den Rest des Urlaubs mehr Zeit beim Pool als am Pool.
„Sind das tatsächlich die Kinder, die wir mit in den Urlaub genommen haben?“, fragten meine Frau und ich uns bei der Heimreise – und sind schon jetzt gespannt darauf, welche Plot Twists uns in den kommenden Jahren erwarten.
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Matthias Kapaun (49) ist seit 13 Jahren Online-Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung. Beinahe genauso lange ist er Vater von einer Tochter, dicht gefolgt von Zwillings-Jungs. Seit nunmehr über zehn Jahren stellen diese „Beinahe-Drillinge“ das Familienleben gehörig auf den Kopf.