Kolumne „Familiensache“
: Mit 15 allein an einem Sehnsuchtsort

Als Teenager reiste unsere Autorin zu einem Schüleraustausch in die USA. Lange hielt der Kontakt zu ihrer Gastfamilie, doch irgendwann war Funkstille. Nun ist sie auf der Suche nach der Freundin von damals – und hofft, dass es die eigenen Kinder besser machen.
Von
Alexandra Kratz
Stuttgart
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Bei Schüleraustauschen entstehen Freundschaften – doch allzu oft verliert man sich wieder aus den Augen.

imago/Elena

„Blöder Schüleraustausch“ steht unter dem Comic, das ein kleines Känguru bibbernd am Südpol zeigt, während das Pinguinkind im Beutel seiner Gastmutter durch Australien hüpft und es ihm bereits kotzübel ist. Wer reist und vorübergehend bei einer fremden Familie wohnt, taucht ein in andere Sprachen und Sitten. Es sind Erfahrungen, die einen ein Leben lang begleiten.

Zwei Wochen in einem Elite-Internat

Mit 15 flog ich nach Chicago und verbrachte knapp einen Monat mit meiner Austauschschülerin Sammy. Zwei Wochen lebte ich bei ihrer Familie, zwei weitere Wochen war ich mit ihr in der Schule, einem Elite-Internat mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Das erste Mal ohne die Eltern unterwegs, und dann gleich so weit weg von zu Hause im Land der unbegrenzten Möglichkeiten – es war ein Traum. Die USA war damals ohnehin ein Sehnsuchtsort für mich, meine Gastfamilie hätte netter nicht sein können. Das Internat war in meiner Vorstellung – die ich in jungen Jahren die Hanni-und-Nanni-Bücher verschlungen hatte – ein Ort, an dem man den ganzen Tag mit seinen Freunden verbringt, Pyjamapartys feiert und zum allerersten Mal im Leben einen Jungen küsst. Ein bisschen war es dann auch so...

Auch meine Familie begrüßte Jugendliche aus anderen Ländern. Sammy feierte mit uns Weihnachten. An Heiligabend gab es Karpfen. Der wurde – wie bei uns damals Tradition – lebend gekauft, in einem riesigen Wassereimer transportiert und erst zu Hause geschlachtet. Heute zum Glück unvorstellbar. Meiner Austauschschülerin wurde ungefähr so übel wie dem kleinen Pinguin im Kängurubeutel.

Unserer Freundschaft tat das keinen Abbruch. Über Jahre schrieben wir uns E-Mails. Es war so einfach, es brauchte nicht einmal eine Briefmarke, und trotzdem brach der Kontakt irgendwann ab. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Eiskalt war es auch, als unsere Autorin im Rahmen eines Schüleraustausches Chicago besuchte. Seitdem war sie nie wieder dort.

Foto: dpa/Sato

In den vergangenen Monaten habe ich versucht, Sammy wieder aufzuspüren. Ich habe ihren Namen in den alten Highschool-Jahrbüchern gefunden. Ich habe sogar ihre College-Abschlussarbeit gefunden. Doch eine aktuelle Mail-Adresse habe ich nicht gefunden. Die USA sind dann doch zu groß. Ich weiß nicht, ob sie geheiratet und einen anderen Namen angenommen hat. Bei mir ist das so.

Wie ich darauf kam, nach einer alten Freundin zu suchen? Weil wir als Familie vor Kurzem einen Gastschüler begrüßen durften, einen Jungen aus Frankreich. Eine innige Freundschaft entwickelte sich zwischen ihm und meiner großen Tochter nicht. Das war wahrscheinlich auch nicht zu erwarten, wenn ein 16-Jähriger und eine 14-Jährige für gut eine Woche aufeinander treffen. Die zwei hatten leider nicht viel gemeinsam. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass beide eine großartige Zeit hatten. Der Gegenbesuch in Frankreich und hoffentlich der ein oder andere weitere Schüleraustausch stehen noch aus. Vielleicht entwickeln sich da doch noch ein paar internationale Freundschaften. Und wenn dem so ist, dann hoffe ich, dass es meine Mädchen besser machen als ich und den Kontakt halten. Ich bin mir sicher, es würde sich lohnen.

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Alexandra Kratz hat zwei Töchter, die mitten in der Pubertät stecken. Allzu oft erkennt sie sich dabei in ihren eigenen Kindern wieder.