Kolumne „Familiensache“: Perfekte Mütter überall

Mit den Kindern spazieren gehen am Wochenende? In meiner Familie fast undenkbar!
picture alliance / dpa/Patrick PleulWie schaffen es nur all die anderen Mütter mit ihren Familien, so perfekt zu sein? Denn dass sie es sind, daran besteht kein Zweifel. Der Beweis sind ihre regelmäßigen Status-Meldungen bei Whatsapp.
Da posten Mamas Fotos von kunstvollen Sahnecreme-Torten, die sie fürs Wochenende für ihre Lieben gebacken haben. Ich dagegen scheitere daran, die Kekse aus dem Supermarkt am Sonntagnachmittag auf den Tisch zu stellen. Der nächste Kontakt lädt Bilder vom Familienausflug hoch. Die drei Geschwister stehen eng umschlungen auf einer Wiese und lachen in die Kamera, im Hintergrund ein herrliches Landschaftspanorama, aufgenommen irgendwo auf der Schwäbischen Alb. Meine Kinder lassen sich nur unter allergrößten Mühen zu einem kurzen gemeinsamen Spaziergang im nahe gelegenen Wald bewegen.
Putztipps via Whatsapp-Status
Sogar Tipps für neue Putzmittel, Schwämme und Lappen bekomme ich auf mein Handy gespült – inklusive kleinen Videos, die mir zeigen, wie schnell man damit alles ganz toll sauber bekommt. Das erinnert mich dann jedes Mal an die noch zu erledigende Hausarbeit. Am Abend erscheinen dann Bilder, auf denen zwei Rotweingläser und im Hintergrund unscharf die Einrichtung irgendeines schicken Lokals zu sehen sind. Oder aber die Eltern sind zusammen mit ihren Nachwuchs bei einem Fußballspiel, auf Konzerten oder bei einem anderen tollen Event. Ich dagegen habe es wieder einmal nur bis aufs Sofa geschafft.
Den ganzen Sommer über habe ich mir Fotos von wunderschönen Blüten angeschaut und Woche für Woche verfolgt, wie in anderen Gärten die Tomaten von kleinen, zierlichen Stecklingen zu prächtigen Pflanzen mit prallen Früchten heranwuchsen – selbstverständlich unter einem selbst zusammengebauten und dennoch hoch professionell wirkenden Regenschutz. Wo nehmen diese Menschen nur all die Zeit her? In unserem Garten gilt ein strenger Darwinismus. „Survival of the fittest“, also nur die Stärksten überleben. Was die Tomaten betrifft, war in diesem Jahr keine Pflanze stark genug, sie wurden alle von der Braunfäule dahingerafft, bevor wir die erste rote Frucht ernten konnten.
Nach London, Paris oder zur Oma?
Verlängerte Wochenenden sind eine besondere Herausforderung. Ich habe das letzte gemeinsam mit meinen Lieben bei Oma und Opa verbracht. Sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg standen wir in langen, nervenaufreibenden Staus. Und während ich in meinem alten Kinderzimmer saß und der Herbstregen gegen die Fensterscheiben trommelte, erschienen auf meinem Handy neue Whatsapp-Statusmeldungen. Die einen waren nach London geflogen, die anderen hatten den TGV nach Paris genommen.
Doch zum Glück ist da noch eine sehr gute Freundin, die genauso unperfekt ist wie ich und neulich in ihrem Status postete: „Nein, ich rege mich nicht auf. Die anderen regen mich auf!“
Alexandra Kratz hat zwei Töchter, die mitten in der Pubertät stecken. Allzu oft erkennt sie sich dabei in ihren eigenen Kindern wieder.
