Kolumne „Familiensache“: Stets gut feucht halten

Kinder gehen ohne Trinkflasche nirgendwo mehr hin.
imago sportfotodienst/imago sportfotodienstSie kennen doch diese Listen, die in den Anfängen der sozialen Medien überall waren: „Du weißt, dass du ein Kind der 80er bist, wenn...“ Ja, wenn du weißt, wie man eine Kassette mit einem Bleistift zurückspulst. Dein Herz mit sieben an Patrick Bach aus den ZDF-Weihnachtsserien verloren hast. Oder auf dem Rücksitz nicht angeschnallt warst. So was eben. Ich weiß, dass ich ein Kind der 80er bin, weil ich morgens mit einem Kaba im Bauch aus dem Haus ging und erst zum Mittagessen wieder etwas getrunken habe. ZUM MITTAGESSEN!!!
Kaum noch vorstellbar, oder? Kinder von heute sind unfassbar gut hydriert. Ohne eine Trinkflasche geht keines von ihnen irgendwo hin. Als kämen unsere Kinder mittlerweile mit Beipackzettel: Stets gut feucht halten. Wie eine anspruchsvolle Zimmerpflanze.
Dunkel kann ich mich an eine bordeauxrote Aluminium (ALUMINIUM!!!)-Trinkflasche erinnern, die bei uns im Küchenschrank stand. Ich glaube, diese Flasche kam genau einmal im Schuljahr zum Einsatz: bei den Bundesjugendspielen.
Um unsere Kinder zum Noch-Mehr-Trinken zu animieren, hat sich die Trinkflaschenindustrie (das muss ein äußerst lukratives Geschäft sein) ein Gimmick ausgedacht: Die Flaschen kommen mit einem Geruchsdingens, das den Kindern vorgaukelt, in der Pulle befände sich nicht nur schnödes Wasser, sondern Apfelschorle, Cola oder – kein Witz – Lavendel-Limonade. Virgin Mojito, Weißer Pfirsich Smoothie, Eiskaffee, Erdbeer-Zitronengras, Bubblegum. Gibt es alles. Fragen Sie mich nicht, wie’s genau funktioniert.
Oder wie das schmeckt. Meine Kinder versuchen nämlich seit zwei Jahren, mich weichzuklopfen, damit ich ihnen endlich eine solche Flasche kaufe. Sie kommen mit allen möglichen Argumenten: „Dann trinken wir viel mehr!“, „Dann müsst Ihr uns nie mehr ein Holunderschorle bestellen!“ oder „Ach menno, biiiiiitteeee!“.
Seit zwei Jahren gebe ich den knallharten Hund und weigere mich standhaft. Ich komme da mit allen möglichen Gegenargumenten – von unnötigem Verpackungsmüll über zu hohe Anschaffungskosten bis zum ebenso rhetorisch fein ziselierten wie schlagenden „Für so einen Schmarrn gebe ich doch kein Geld aus. Und damit basta!“.
In schwachen Momenten denke ich dann aber wieder an den Quatsch, den ich früher unbedingt haben wollte. Ein Tamagotchi zum Beispiel. Wahnsinnig gerne hätte ich auch so ein piependes Plastikei gehabt, in dem ein mit groben Computerstrichen zusammengepixeltes Küken steckte, das man füttern, knuddeln und ausmisten konnte und das einem, wenn man nicht aufpasste, unter den Fingen wegsterben konnte, während man in einer Doppelstunde Physik saß. Meine Eltern blieben standhaft-stur und irgendwann hatte ich das Tamagotchi auch wieder vergessen und meine Aufmerksamkeit dem nächsten heißen Scheiß zugewandt.
Auf diese Entwicklung hoffe ich auch in Sachen Geruchdingens-Flasche. Denn wenn es eine elterliche Superkraft gibt, die oft unterschätzt wird, ist es die, etwas aussitzen zu können. Darauf einen Schluck Bubblegum-Wasser!
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Theresa Schäfer (43) ist Mutter von Zwillingen - und Redakteurin im Nebenberuf. Der geballten Power und argumentativen Logik von zwei Zwölfjährigen steht sie manchmal völlig geplättet gegenüber.
