Kolumne „Familiensache“: Was Fußball alles kann

Die Einlaufkinder bei der EM werden von den Töchtern unserer Autorin sehr beneidet.
IMAGO/Team 2/IMAGO/Maik Hölter/TEAM2sportphotoBevor wir richtig anfangen: Lassen Sie mich mal eben kurz „Side eye“ geben, wie meine Teenagertöchter das sagen würden. Also, hier kommt’s: Hey, Uefa, geht’s noch? Warum setzt Ihr die Spiele so spät an? Weckt Ihr morgens um 6.15 Uhr meine Zwillinge auf und lasst ihre elendsschlechte Laune über euch ergehen, weil sie wieder zu wenig Schlaf abgekriegt haben? Nee, macht Ihr nicht! Mit den morgenmuffeligen Stinkstiefel-Kindern lasst Ihr Europas Eltern alleine. Ist ja nicht euer Problem. „Side eye“ Ende.
Nichts für ungut, Uefa – diese Fußball-EM versüßt uns den Sommer bisher ungemein. Es ist das erste große Fußballturnier, das unsere Töchter so richtig mit Haut und Haar absorbiert hat. Sie kennen alle Spieler des DFB-Teams, einen besonderen Narren haben sie am Kapitän Ilkay Gündogan gefressen. Und an Jamal Musiala, klar, der lächelt ja auch so nett und schießt die meisten Tore. Zwilling Nummer zwei (fünf Minuten jünger, drei Zentimeter kleiner) steht außerdem noch ehrfürchtig vor den Paraden eines Manuel Neuer, denn auch sie hütet in ihrer Mädchenfußballmannschaft das Tor.
Wenn ich sie da sitzen sehe vor dem Fernseher, in ihren weißen Adidas-T-Shirts mit den schwarzen Streifen auf den Schultern (kriegen Sie dieser Tage mal irgendwo noch ein echtes Trikot her!), mit einer Leidenschaft, die überhaupt noch nicht getrübt ist von Unbehagen angesichts des skrupellos profitorientierten Milliardengeschäfts, das Fußball halt auch ist, muss ich zurückdenken an Italien 1990.
Meine erste „richtige“ WM
In diesem Sommer war ich neun Jahre alt und es war meine erste „richtige“ WM. Ich fand Pierre „Litti“ Littbarski und Thomas „Icke“ Häßler toll, weil ich von Jörg Wontorra und Gerd Rubenbauer erfahren hatte, dass sie im Team-Quartier „Castello di Casiglio“ am Comer See für den Quatsch zuständig waren und an spielfreien Tagen im „Dingsda“-Stil Fallrückzieher und Abseits erklärten. War schockverliebt, als ich Jürgen Klinsmann mit wehendem, wippendem Blondhaar über den Rasen traben sah – „dr Klinsi“, der aus Botnang kam, genau wie ich. Mochte Guido („Diego!“) Buchwald, den grundsoliden Abwehrmann vom VfB Stuttgart, weil er sein Schwäbisch nicht verstecken konnte, genau wie ich. War aufrichtig empört, als Frank Rijkaard Rudi Völler in die Locken spuckte. Die Bilder der Nacht in Rom – Andi Brehmes Strafstoß, Franz Beckenbauer, der ganz alleine und wie entrückt über den Platz wandelt, während seine Spieler, Weltmeister jetzt, mit dem Pokal zur deutschen Kurve rennen –, sie waren zweifellos das Größte, was ich bis dahin gesehen hatte. Denn das kann Fußball halt auch.
Wie toll, dass diese EM auch noch hier stattfindet, dass man in der Stadt Leute aus Dänemark, Schottland, Slowenien, Ungarn oder der Ukraine trifft. Kürzlich standen wir am Rotebühlplatz zusammen mit einem Schotten im Kilt an der Ampel. Die Mädels schauten sich mit großen Augen den Mann im Rock an, der Schotte grinste zu ihnen herunter und sagte: „Hey Girls!“ Die Zwillinge kicherten – halb beschämt, halb verzückt. Mit großer Wahrscheinlichkeit können sie sich daran auch noch erinnern, wenn sie 42 sind. Fußball kann so was.
Mal schauen, wie weit es für Deutschland noch geht. Die Spanier sehen nicht so aus, als könne man sie so einfach ausdribbeln. Die weißen T-Shirts mit den drei schwarzen Streifen sind auf jeden Fall schon mal gewaschen. Sollte es Freitagabend zu Ende sein, dürfte es bei uns zu Hause Tränen geben. Auch das kann er, der Fußball.
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Theresa Schäfer (42) ist Mutter von Zwillingen - und Redakteurin im Nebenberuf. Der geballten Power und argumentativen Logik von zwei Zwölfjährigen steht sie manchmal völlig geplättet gegenüber.
