Laura Dahlmeier
: Begraben im Herzen der Berge

Ein Jahr nach Laura Dahlmeiers tödlichem Unglück am Laila Peak erinnern neue Dokumentationen an ihr außergewöhnliches Leben.
Von
Katrin Jokic
Berlin
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Die ehemalige deutsche Biathletin Laura Dahlmeier ist beim Bergsteigen im pakistanischen Karakorum-Gebirge tödlich verunglückt.

Die ehemalige deutsche Biathletin Laura Dahlmeier ist beim Bergsteigen im pakistanischen Karakorum-Gebirge tödlich verunglückt.

picture alliance/dpa

Am 28. Juli 2025 starb Laura Dahlmeier bei einem Bergunfall im pakistanischen Karakorum. Ihr Leichnam blieb am Laila Peak – entsprechend ihrem Wunsch, niemanden für eine Bergung in Lebensgefahr zu bringen. Zum ersten Todestag erinnern zwei Dokumentationen an die Olympiasiegerin, Bergsteigerin und TV-Expertin.

Ein Jahr ist vergangen, seit Laura Dahlmeier am Laila Peak tödlich verunglückte. Die ehemalige Biathletin befand sich am 28. Juli 2025 gemeinsam mit ihrer Seilpartnerin Marina Krauss im Abstieg, als sie auf etwa 5.700 Metern Höhe von einem herabstürzenden Felsbrocken getroffen wurde. Sie war 31 Jahre alt.

Ihre Familie begeht den ersten Todestag im kleinen Kreis. Eine öffentliche Gedenkveranstaltung ist nicht vorgesehen. Dennoch ist die Erinnerung an Dahlmeier vielerorts präsent: in ihrer Heimat Garmisch-Partenkirchen, im Wintersport, beim ZDF und unter den Menschen, die sie als Sportlerin oder Bergsteigerin erlebt haben.

Eine Dokumentation von ServusTV rekonstruiert nun die letzten Tage vor dem Unglück. Gleichzeitig arbeitet das ZDF an einem 90-minütigen Film über Dahlmeiers Leben und ihren Tod.

Die Entscheidung zur Umkehr

Dahlmeier und Krauss hatten am Laila Peak auf einen Gipfelversuch verzichtet. Sie entschieden sich zur Umkehr und befanden sich bereits beim Abseilen. Krauss war an der nächsten Abseilstelle angekommen, als sie beobachtete, wie ihre Partnerin von einem großen Stein getroffen und gegen die Felswand geschleudert wurde.

Eine Reaktion habe es danach nicht mehr gegeben. Krauss versuchte zunächst, Dahlmeier zu erreichen und zu bergen, setzte schließlich einen Notruf ab und stieg zum Basislager hinunter.

Der Extrembergsteiger Thomas Huber, der später an den Rettungsbemühungen beteiligt war, verteidigte die Entscheidungen der beiden Frauen. Sein damaliger Satz fasste die elementare Regel des Bergsteigens zusammen: Nicht der Gipfel, sondern das Leben sei das Ziel.

Dass eine Umkehr keinen vollständigen Schutz bedeutet, gehört zu den bittersten Erkenntnissen des Unglücks. Nach den vorliegenden Schilderungen waren Dahlmeier und Krauss nicht auf dem Weg nach oben, sondern bereits auf dem Rückweg, als sich der Stein löste.

Die Mutter von Laura Dahlmeier, Susi Dahlmeier sitzt vor der Offiziellen Umbenennung des Kurparks in "Laura Dahlmeier Park", im künftigen Laura-Dahlmeier-Park bei einem Dreh für das ZDF.

Die Mutter von Laura Dahlmeier, Susi Dahlmeier sitzt vor der Offiziellen Umbenennung des Kurparks in "Laura Dahlmeier Park", im künftigen Laura-Dahlmeier-Park bei einem Dreh für das ZDF.

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ServusTV-Dokumentation zeigt neue Zeugenaussagen

Die ServusTV-Dokumentation „Laura Dahlmeier … einen Schritt zu weit“ richtet den Blick besonders auf die Bedingungen am Berg und die anschließende Rettungsmission. Dabei kommen Menschen zu Wort, die Dahlmeier kurz vor ihrem Tod begegneten oder nach dem Unfall an den Hilfsmaßnahmen beteiligt waren.

Die spanische Bergsteigerin María Martín berichtet, sie habe Dahlmeier wenige Tage vor dem Unglück im Basislager getroffen. Die Wetter- und Bergverhältnisse beschreibt sie als bedrohlich. Es habe häufig geregnet, während immer wieder Lawinen sowie Eis und Steine in Richtung Basislager abgegangen seien.

Martín zufolge versuchte sie, Dahlmeier und deren Seilpartnerin vor den Gefahren zu warnen. Sie habe ihnen Bilder der Lawinen gezeigt und deutlich gemacht, dass sie die Situation für zu gefährlich halte. Die heftigsten Lawinen seien allerdings erst niedergegangen, nachdem Dahlmeier das Basislager bereits verlassen hatte.

Die Aussagen vermitteln einen Eindruck von der Unberechenbarkeit des Karakorum-Gebirges. Sie erlauben jedoch keine einfache Antwort auf die Frage, ob das Unglück hätte verhindert werden können. Bergbedingungen können sich innerhalb kurzer Zeit verändern. Zudem hatten Dahlmeier und Krauss ihren Gipfelversuch abgebrochen und damit bereits auf die Lage reagiert.

Auch der französische Bergsteiger und Expeditionsleiter Alan Rousseau schildert in der ServusTV-Produktion die Situation nach dem Unfall. Das Rettungsteam habe zunächst das Zelt und anschließend Dahlmeiers reglosen Körper entdeckt. Sie habe noch im Seil gehangen. Der Schnee in der Umgebung sei durch herabgestürzten Fels, Schlamm und Schmutz dunkel verfärbt gewesen.

Die Retter prüften nach Rousseaus Darstellung verschiedene Möglichkeiten, zu ihr zu gelangen. Am Ende entschieden sie sich dagegen. Ein Bergungsversuch hätte weitere Menschen in unmittelbare Lebensgefahr gebracht.

Ihr Leichnam blieb am Laila Peak

Dass Dahlmeier nicht geborgen wurde, entspricht einer Verfügung, die sie selbst für einen solchen Fall verfasst hatte. Niemand sollte sein Leben riskieren, um ihren Körper vom Berg zu holen.

Nach dem Unfall war eine spätere Bergung zunächst dennoch nicht ausgeschlossen worden. Im September 2025 reiste Thomas Huber auf Wunsch der Familie noch einmal zum Laila Peak. Gemeinsam mit dem US-Alpinisten Tad McCrea bewertete er die Lage erneut. Dahlmeiers Leichnam war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr auffindbar.

Ihr Vater Andreas Dahlmeier sagte später, die Familie hätte Laura gern nach Hause gebracht. Ein Unwetter habe vermutlich weitere Steine gelöst und ihren Körper unter sich begraben.

Ihre Mutter Susi Dahlmeier fand für diesen Umstand ein tröstliches Bild. Der Berg sei möglicherweise der schönste Friedhof, den es für ihre Tochter geben könne. Laura sei nun mit dem Herzen der Berge verschmolzen.

Dahlmeier war nicht nur Weltklasseathletin, sondern auch staatlich geprüfte Berg- und Skiführerin. Die Berge waren für sie kein gelegentlicher Rückzugsort. Bereits vor dem frühen Ende ihrer Biathlonkarriere waren sie ein zentraler Teil ihres Lebens.

Erinnerung in Garmisch-Partenkirchen

In Dahlmeiers Heimat begann das öffentliche Gedenken bereits wenige Wochen nach ihrem Tod. Im August 2025 kamen rund 200 geladene Gäste zu einer Trauerfeier in der Wallfahrtskirche St. Anton zusammen.

Der Gemeinderat von Garmisch-Partenkirchen beschloss später einstimmig, einen bislang namenlosen Kurpark nach ihr zu benennen. Der Laura-Dahlmeier-Park wurde am 27. Februar 2026 eingeweiht. Mehrere hundert Menschen nahmen bei winterlichen Bedingungen und im Licht zahlreicher Kerzen an der Feier teil.

Die Wahl eines Parks statt eines Stadions oder einer Sportstätte war bewusst getroffen worden. Dahlmeier habe die Weite und die Ruhe gesucht, erklärte die damalige Bürgermeisterin Elisabeth Koch. Die Bühne sei dagegen nie ihr eigentliches Ziel gewesen.

Auch der Deutsche Skiverband will ihr Andenken bewahren. Der neu gestiftete Laura-Dahlmeier-Preis soll erstmals im Oktober vergeben werden. Die Auszeichnung richtet sich an Nachwuchssportlerinnen und Nachwuchssportler aller Disziplinen und wurde mit ihren Eltern abgestimmt.

Ein Portrait der ehemaligen Biathletin Laura Dahlmeier ist an einer Gedenkstätte im Kurpark Partenkirchen angebracht.

Ein Portrait der ehemaligen Biathletin Laura Dahlmeier ist an einer Gedenkstätte im Kurpark Partenkirchen angebracht.

picture alliance/dpa

Das ZDF plant einen 90-minütigen Film

Beim ZDF hatte Dahlmeier seit Dezember 2019 als Biathlon-Expertin gearbeitet. Nach ihrem Tod wurde ihre Position zunächst nicht neu besetzt. Denise Herrmann-Wick übernahm die Analysen während der Olympia-Saison 2026 allein.

Nun bereitet der Sender eine eigene Dokumentation vor. Der 90-minütige Film trägt den Arbeitstitel „Laura“ und wird von der Gruppe 5 Filmproduktion hergestellt. Er soll das Leben und Sterben der erfolgreichen Biathletin, TV-Expertin und Extrembergsteigerin behandeln.

Geplant ist eine Erzählung aus Archivaufnahmen, Interviews und persönlichen Erinnerungen von Menschen, die Dahlmeier kannten und begleiteten. Ein genauer Sendetermin steht bislang nicht fest. Die Ausstrahlung ist nach Angaben des Senders für den kommenden Winter vorgesehen.

Während die ServusTV-Dokumentation vor allem neue Aussagen zu den letzten Tagen, den Bedingungen am Laila Peak und der Rettungsentscheidung präsentiert, dürfte die ZDF-Produktion einen umfassenderen biografischen Ansatz verfolgen. Sie soll offensichtlich nicht nur das Unglück rekonstruieren, sondern auch erklären, was Dahlmeier als Mensch und Sportlerin auszeichnete.

Mehr als eine außergewöhnliche Erfolgsbilanz

Ihre sportlichen Erfolge bleiben herausragend: zwei olympische Goldmedaillen, sieben Weltmeistertitel und insgesamt 33 Weltcupsiege im Einzel und mit der Staffel. 2019 beendete sie ihre aktive Karriere im Alter von nur 25 Jahren. Sie wollte selbst über ihre Zeit bestimmen und sich stärker dem Bergsport widmen.

Ein Jahr nach ihrem Tod wird deutlich, dass die Erinnerung an Laura Dahlmeier nicht allein von Medaillen und Statistiken getragen wird. Weggefährten beschreiben ihre Stimme und ihre Haltung als ein Echo, das weiterhin nachwirke. Dazu gehört ihr Drang nach Freiheit ebenso wie ihr Bewusstsein für Verantwortung.

Ihre schriftliche Verfügung, niemand solle sich für ihre Bergung in Gefahr bringen, ist heute ein Teil ihres Vermächtnisses. Sie erzählt von einer Frau, die das Risiko der Berge kannte und dennoch in ihnen ihren Lebensraum fand.

Laura Dahlmeier blieb am Laila Peak. In ihrer Heimat, im Sport und bei den Menschen, die sie kannten, ist sie dennoch nicht verschwunden.