Nach Edgar Allan Poe
: Alan Parsons' Album „Tales of Mystery and Imagination“

Die Grusel-Storys von Edgar Allan Poe als Rockalbum? Bis heute hat „Tales of Mystery“ bei Alan-Parsons-Fans Kultstatus.
Von
Markus Brauer
London
Jetzt in der App anhören
Allan Parsons

Allan Parsons Konzeptalbum „Tales of Mystery and Imagination“, das am 19. Mai 1976 erschien, gehört auch 50 Jahre später noch zu den Klassikern des Art-Rock.

Imago/Newscom/SCMP
  • Alan Parsons veröffentlichte 1976 „Tales of Mystery and Imagination“ – ein Art-Rock-Klassiker.
  • Grundlage sind Schauergeschichten von Edgar Allan Poe, darunter „The Cask of Amontillado“ und „The Raven“.
  • Parsons arbeitete zuvor in den Abbey Road Studios und produzierte Pink Floyd.
  • Mit Eric Woolfson entstand „The Alan Parsons Project“, das Rock und sinfonische Arrangements verband.
  • 2013 griff Parsons das Poe-Thema erneut auf: Produktion von Steven Wilsons „The Raven That Refused to Sing“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eine Kunstform in eine andere zu übertragen, ist heikel und kann auch gut danebengehen. Davon legen nicht zuletzt zahlreiche Romanverfilmungen Zeugnis ab. Auch der britische Komponist Alan Parsons hat mit seiner Vertonung der Schauergeschichten des US-Romantikers Edgar Allan Poe (1809-1849) bei der Musikkritik nicht nur Bestnoten eingefahren. Trotzdem zählt sein Konzeptalbum „Tales of Mystery and Imagination“, das am 19. Mai 1976 erschien, auch 50 Jahre später noch zu den Klassikern des Art-Rock.

„The Alan Parsons Project“

Der gebürtige Londoner Alan Parsons, heute 77, war ein junger Tontechniker der Abbey Road Studios und arbeitete dort an den letzten Alben der Beatles mit. Später war er verantwortlicher Toningenieur und Produzent für die Pink-Floyd-Meisterwerke „Atom Heart Mother“ (1970) und „The Dark Side of the Moon“ (1973).

An der Abbey Road lernte Parsons den kreativen Musiker Eric Woolfson kennen. 1976 adaptierten die beiden Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe und formten daraus mit Gastmusikern das Album „Tales of Mystery and Imagination“. Unter dem Projektnamen „The Alan Parsons Project“ gab es rockige Klänge, verbunden mit großen sinfonischen Arrangements. Ähnliches hatte kurz zuvor der „Yes“-Keyboarder Rick Wakeman mit Rock-Fassungen von Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ und der Artus-Sage unternommen.

Lebendig eingemauert: „Das Fass Amontillado“

Lebendig eingemauert in einem feuchten Kellergewölbe, die Narrenkappe auf dem Kopf, während wenige Stockwerke höher der Karneval von Venedig taumelt: So grausam wie der venezianische Lebemann Fortunato in der Erzählung „Das Fass Amontillado“ starb Edgar Allan Poe nicht, so einsam allemal. Nur 40 Jahre wurde der größte US-Dichter der Romantik alt. Völlig verarmt starb er in einem Hospital in Baltimore.

„The Cask of Amontillado“ - nur eine der zu Klängen verarbeiteten Geschichten. Das Entrée bildet das Schauergedicht vom Raben, mit dem der noch kaum bekannte Poe 1845 einen literarischen Welterfolg landete. Was eine Riesenkarriere hätte begründen können, dokumentierte nur, was den Autor tatsächlich beherrschte: Finsternis.

Besessen von der Vorstellung eines Schreckensreiches zwischen Leben und Tod, lotet er, aufgewachsen als Waisenkind ohne menschliche Wärme, in beklemmenden Bildern die Ängste des menschlichen Unterbewusstseins aus.

Doppelgängertum, Engel und Geistwesen, Grauen und Inquisition, Wiedergeburt und Wahnsinn stehen auf der einen, kaltes Kalkül, perverse Logik und nüchternste Situationsanalyse auf der anderen Seite. Poes Themen kreisen um den frühen Tod der Geliebten, um Abgrund, Reue, Rache, Mord.

„Das verräterische Herz“

Poes wichtigste Werke sind richtungsweisende Detektiv-Erzählungen wie „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) und „Der Goldkäfer“ (1843), Schauergeschichten wie „Der Untergang des Hauses Usher“ (1839), „Das verräterische Herz“ sowie „Die Grube und das Pendel“ (1843). Und schließlich, nach jahrelanger Arbeit daran, „der Rabe“ ("The Raven"). 1845 in der New Yorker Zeitung „Evening Mirror“ veröffentlicht, gehört das düster-romantische, sorgsam komponierte Gedicht bis heute zu den bekanntesten der amerikanischen Literatur.

In 108 Versen schildert es den mysteriösen mitternächtlichen Besuch eines Raben bei einem Verzweifelten, dessen Geliebte gestorben ist. Der Mann versucht, mit dem seltsamen Gast ins Gespräch zu kommen. Doch der Rabe antwortet stets nur das eine Wort: „Nevermore!“ (Nimmermehr!). Und da der Trauernde dem Tier permanent die falschen Fragen stellt - etwa ob er die Geliebte denn einst im Jenseits wiedersehen werde -, stürzt ihn die immer gleiche Antwort nur in immer größeres Grauen.

Verlustangst und Ende

Die Verlustangst hatte ihren Sitz im Leben: Obwohl Poe buchstäblich hungerte, um seine junge Frau zu retten, konnte er nicht verhindern, dass Virginia Anfang 1847 an Tuberkulose starb. Er verließ New York und suchte Trost in mehreren kurzen Liebschaften. Die Umstände seines eigenen Todes wurden nie geklärt.

Nach einer neuen Verlobung und einem glücklichen Sommer mit Freunden sei er mit Todesahnungen in Baltimore gelandet, wird berichtet. Dort sei er von einer Feier zu einem mehrtägigen Alkoholexzess verschwunden und habe kurz darauf einen Herzinfarkt erlitten. Reißerischen Stimmen zufolge verbrachte er seine letzten Tage im Oktober 1849 in unbändiger Trauer und Trunksucht, überarbeitet, heruntergekommen und geistig umnachtet.

„Satanisches Beispiel und Warnung“

Literarisch hat Edgar Allan Poe Neuland betrete. Und so erging es ihm nach Art der Neuerer: Die Meinungen über ihn klaffen weit auseinander. Charles Baudelaire, der seine sensiblen Gedichte übersetzte und in Frankreich bekanntmachte, hielt ihn für einen „amerikanischen Byron, verirrt in einer bösen Welt“.

Poes ungnädiger Nachlassverwalter dagegen, der Geistliche Rufus Wilmot Griswold, der posthum die erste Gesamtausgabe seiner Schriften herausgab, nannte ihn ein „satanisches Beispiel und eine Warnung, bar jeden Vertrauens in Mann oder Frau, ohne jedes moralische Empfinden und mit nur wenig oder ganz ohne jegliche Ehrbarkeit“.

Allan Parsons musikalisches Neuland

Auch Alan Parsons hat Neuland betreten; musikalisches. Ihm erging es besser: Sein Werk wurde freundlicher aufgenommen, und er konnte sein Talent in Wohlstand ummünzen. Mittlerweile 77 Jahre alt, lebt er mit seiner zweiten Frau Lisa im kalifornischen Santa Barbara.

Im Jahr 2013 kehrte Parsons noch einmal zu seinem Sujet Poe zurück: Er produzierte das Solo-Album „The Raven That Refused to Sing (And Other Stories)“ von „Porcupine Tree“-Gründer Steven Wilson.