Nachruf auf die Diddl-Maus
: Ausgediddelt!

Die schrecklichste Maus der Welt dankt ab. Endlich verschwindet das debil grinsende Plüschtier namens Diddl mitsamt seinen schaurig-gefühligen Botschaften. Ein etwas anderer Nachruf.
Von
Antje Hildebrandt
Stuttgart
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Die Diddl-Maus sollte ursprünglich ein Känguru werden. Ihr Erfinder verpasste ihr Füße in Airbaggröße. asfdafasf

dpa

Stuttgart - Käse. Bei ihr war alles aus Käse. Der Kuchen. Ihr Bett. Ihre Botschaften. Ja, am Ende sogar ihr Grabstein. Die Diddl-Maus ist tot. Jene unförmige, aber äußerst gelenkige Nagerin, der keiner entkam, weil sie uns bis auf den Duschvorhang im Alltag verfolgte. Zum Jahresende verschwindet sie aus den Verkaufsregalen. Dann nämlich laufen die Lizenzrechte der Diddl-Maus-Fabrik in Geesthacht aus.

Noch war keine Beerdigung, aber die Steinmetze brüten schon verzweifelt über einer Grabinschrift. Über Tote soll man ja nur Gutes reden. Doch was bleibt am Ende von einer Plüschmaus, die kein Gesicht hatte, die aber trotzdem etwas geschafft hat, was noch keine Cartoon-Figur vor ihr erreicht hat. Im Gegensatz zu Sponge Bob oder E.T. brauchte sie keinen Stern auf dem Hollywood Boulevard. Sie musste auch nicht die Testlabore diverser Merchandising-Abteilungen durchlaufen, um zu beweisen, dass die Verbraucher ihrem Angriff aufs Portemonnaie nicht standhalten würden. Sie hat die Kinderzimmer aus dem Stand erobert, in fünfzig Ländern der Erde.

Das rosafarbene Terrorregime dauert 24 Jahre

24 Jahre währte ihr Terrorregime. Diddl, das klang ein bisschen wie Trallalla, und so war diese Maus ja auch, immer gut gelaunt, zu allen nett und wild entschlossen, sich die Welt so anzumalen, wie sie ihr gefällt: pink, türkis, violett.

Eigentlich sollte sie ein Känguru werden. Doch Kängurus, so lautet die Legende, passten nicht auf kleine Merchandisingprodukte. Deshalb radierte ihr Vater, der damals 24-jährige Grafiker Thomas Goletz, so lange an seiner Zeichnung herum, bis das Känguru weder wie ein Känguru noch wie eine Maus aussah, sondern wie ein . . . ach, urteilen Sie selbst. Füße groß wie Airbags, Ohren voluminös wie Grammofon-Muscheln, drei sportlich verwehte Haare auf erbsengroßem Kopf und ein Grinsen im Gesicht, das man auch mit Wohlwollen als grenzdebil bezeichnen muss.

Als Glücksbringer getarnt an den Schulranzen geheftet

Man weiß nicht, warum rosa beschleifte Mädchen diese ästhetische Missgeburt trotzdem in ihr Herz schlossen. Vielleicht aus Mitleid. Vielleicht lag es aber auch an ihrer Affinität zum Ausrufezeichen. Lange, bevor es Emoticons gab, hat Diddl ihre Fans damit schon bombardiert: „Komm, lass dich ganz fest abknuddeln!“ „Keiner liebt dich so wie ich!“ Oder: „Kann nicht schlafen ohne dich!“

Diese Sätze verbreitete sie auf Grußkarten oder in ihrem Zentralorgan, dem Käseblatt. Es waren Botschaften von ergreifender Schlichtheit. Seid füreinander da. Habt keine Angst davor, eure Gefühle zu zeigen. Bewahrt das Kind in euch. Doch wer war man, ihnen zu widersprechen?

Einige Mädchen von damals trauen sich das bis heute nicht. Ihr Haar wird schon grau, aber an ihrem Rucksack baumelt noch immer eine Diddl-Maus. Als Glücksbringerin getarnt, hat sich diese Werbebotschafterin in eigener Sache einst in die Kinderzimmer geschlichen. Sie hat sich an Ranzen geheftet. Suuuperknuddelsüüüß.

Sie hat auch die Kaffeebecher in der Küche erobert. Sogar die Autos waren nicht mehr vor ihr sicher. Mit Saugnäpfen klebte sie sich an die Heckscheiben tiefergelegter Automobile. Aufmerksame Verkehrsteilnehmer wussten dann schon Bescheid: Vorsicht, rollendes Risiko! Fahrer vermutlich verdiddelt!

Mausgewordener Beweis der Infantilisierung der Gesellschaft

Doch jetzt hat es sich ausgediddelt. Elefantengleich schleicht sich dieser mausgewordene Beweis für die Infantilisierung der Gesellschaft aus den Verkaufsregalen. Das hat ihr Hersteller jetzt verkündet, die Depesche Vertrieb GmbH im schleswig-holsteinischen Geesthacht, ein führender Geschenke- und Grußkartenhersteller.

Die Trauer darüber hält sich in Grenzen. Die Maus hatte ihren Zenit schon vor Jahren überschritten. Vorbei ist die Zeit, als sie ihrem Hersteller Umsätze von bis zu 150 Millionen Euro pro Jahr in die Kasse spülte. Die Heldinnen der Mädchen heißen jetzt Prinzessin Lillifee oder Zauberfee Ylvi.

Auch sie erscheinen zwar wie Wesen von einem anderen Stern. Und auch sie hat die Spielzeugindustrie einzig und allein erfunden, um den Eltern die Geldscheine aus der Tasche zu ziehen. Aber wenigstens sehen sie entweder bezaubernd aus oder sie haben etwas in ihrem Köpfchen. Und immerhin geben sie nicht vor, dass sie ihre Fans suuuper-doll lieb haben und ohne sie nicht einschlafen können. Und das ist fast mehr, als man von Plüschfiguren erwarten kann.