Pyrocumulonimbus erstmals in Europa
: Feuerwolken führen in Frankreich zu unberechenbaren Bränden

Bei den verheerenden Waldbränden im Südwesten Frankreichs ist ein Phänomen aufgetreten, das selbst hart gesottene Feuerwehrleute fürchten: ein von den Bränden erzeugter Feuersturm, der eine glühend heiße Wolke mit eigenem Wetter hervorbringt.
Von
Markus Brauer
Bordeaux
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FILE - A pyrocumulonimbus, a giant cloud created by a large wildfire is seen in the Fontainebleau forest region, about 60 kilometers (37 miles) south of Paris, France, Monday, July 13, 2026. (AP Photo/Emma Da Silva, File)

Eine gigantische Feuerwolke hat sich am 13. Juli 2026 in den Wäldern bei Fontainebleau, 60 Kilometer südlich von Paris gebildet.

Emma Da Silva/AP/dpa
  • In Südwestfrankreich entstehen Feuerwolken, die eigenes Wetter erzeugen – erstmals in Europa.
  • Pyrocumulonimbus treiben Brände mit Blitzen und Stürmen an und werfen Rauch bis in die Stratosphäre.
  • In der Region Bordeaux breiten sich Feuer „unkontrolliert“ aus, Hunderttausende mussten fliehen.
  • Löschen gilt als kaum möglich, da Winde wechseln; Hoffnung liegt auf starkem Regen oder Brandlenkung.
  • Forschende sehen mehr solcher Ereignisse, da Hitze und Trockenheit zunehmen und Feuchtigkeit Feuerwolken speist.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Bei den verheerenden Waldbränden im Südwesten Frankreichs ist ein Wetterphänomen aufgetreten, das selbst erfahrenen Brandbekämpfern das Blut in den Adern gefrieren lässt: ein von den Bränden erzeugter Feuersturm, der eine glühend heiße Wolke mit eigenem Wetter hervorbringt.

Wolken wie feuerspeiende Drachen

Pyrocumulonimbus-Wolken gehören zu den extremsten Auswirkungen von Waldbränden. Diese explosiven Gewitterfronten sorgen durch Blitze und Stürme dafür, dass sich die Brände weiter ausbreiten und kaum noch einzudämmen sind. Zudem schleudern sie Rauch und Feuchtigkeit bis in die Stratosphäre und beeinflussen so nicht nur das regionale Wetter, sondern auch das globale  Klima.

Diese Satellitenaufnahme zeigt eine Feuerwolke, di am 9. September 2024 bei Waldbränden in Kalifornien entstanden ist.

Diese Satellitenaufnahme zeigt eine Feuerwolke, di am 9. September 2024 bei Waldbränden in Kalifornien entstanden ist.

Imago/Cover-Images

Zur Info: Die Stratosphäre ist die zweite große Schicht der Erdatmosphäre, die sich in etwa 8 bis 18 Kilometer bis 50 Kilometer Höhe erstreckt

Es ist das erste Mal überhaupt, dass Pyrocumulonimbus-Wolken in Frankreich beobachtet werden. „Das ist beispiellos“, sagt Eric Brocardi, der Sprecher des französischen Feuerwehrverbandes FNSPF. „Es ist ein David-gegen-Goliath-Szenario.“ Die Feuerwehrleute hoffen ihm zufolge auf eine „Schwachstelle“, an der sie ansetzen können.

300.000 Menschen evakuiert

Bis zum Wochenende waren wegen der Feuer in Frankreich und Spanien mehr als 300.000 Menschen zur Flucht gezwungen. In Frankreich wüteten die Flammen vor allem im Südwesten des Landes, wo sie sich laut Innenminister Laurent Nuñez zuletzt „unkontrolliert“ nahe der Stadt Bordeaux ausbreiteten. Am Sonntag rückten sie demnach bis auf 15 Kilometer an die Grenzen des Stadtgroßraums heran.

42.000 Hektar Land in der Gironde fielen nach Angaben der Präfektur bislang den Flammen zum Opfer. 250.000 Menschen waren nach offiziellen Angaben bis Sonntagnachmittag in Frankreich von einer Evakuierungsaufforderung betroffen. Allein in der Umgebung von Bordeaux wurden mindestens 240 Häuser zerstört, viele davon in der Gemeinde Le Porge. Am Wochenende beteiligten sich an den Einsätzen gegen die Flammen im Département Gironde rund 2500 Feuerwehrleute, 1500 Militärangehörige und etwa 1200 Polizisten.

Pyrocumulonimbus auf 10 Kilometer Höhe, fotografiert aus einem Flugzeug.

Pyrocumulonimbus auf 10 Kilometer Höhe, fotografiert aus einem Flugzeug.

Mr. Noriyuki Todo/NOAA/gemeinfrei

Wie Pyrocumulonimbus-Wolken entstehen

In Australien traten Pyrocumulonimbus-Wolken bereits zu Beginn des Jahrhunderts auf. Auch bei den verheerenden Waldbränden in Kalifornien im Jahr 2022 bildeten sie sich. In Europa aber sind sie  ein Novum.

Die als Cumulonimbus flammagenitus bezeichnete Wolke entsteht, wenn sich bodennahe Luft so stark erhitzt, dass sie schnell zusammen mit Rauch, Wasserdampf und Asche bis in die Stratosphäre aufsteigt. Dort trifft das Gemisch auf kühlere Luftmassen und erzeugt ein eigenes Wettersystem mit starken Winden, die das Feuer weiter anheizen.

„Es ist das erste Mal, dass Frankreich sich explizit mit dem Konzept einer Pyrocumulonimbus-Wolke auseinandersetzen muss“, bestätigt der Klimaforscher Rick McRae von der University of New South Wales. „Ob es vor einigen Tagen eine gab oder nicht, ist nicht die entscheidende Frage, sondern ob in dieser Woche eine zu erwarten ist.“ Denn die Temperaturen dürften auf rund 40 Grad steigen.

Löschen unmöglich

Heftige Gewitter entstehen, die meist zu wenig Regen, aber heftigen Blitzen führen. Diese können auch in großer Entfernung – vereinzelt über 30 Kilometer weiter – neue Brände entzünden. Oft schießen Blitze aus der Wolke zu Boden und es entsteht ein grollendes Geräusch. Zudem treten in der Gewitternähe starke Böen auf, teils mit Orkanstärke. Sie lassen schnell neue große Flächen brennen, vor allem wenn die Vegetation ausgedorrt ist.

Löschen oder unter Kontrolle bringen lässt sich der Feuersturm meistens nicht, erläutert Feuerwehr-Sprecher Brocardi. Die Winde wechseln ständig die Richtung. „Die Folge ist, dass es sich in alle Richtungen ausbreitet und mehrere Feuerfronten bildet, was die Lage völlig unberechenbar macht.“

Pyrocumulonimbus Cloud  am 9. Dezember 2023 in Australien.

Pyrocumulonimbus Cloud am 9. Dezember 2023 in Australien.

Imago/Anadolu Agency

Brocardi zufolge gibt es dann nur zwei Auswege: Entweder es kommt Regen auf, „wobei es drei Tage lang heftig schütten müsste“. Oder „wir finden einen Weg, das Feuer an einen Ort zu lenken, an dem es von selbst erlischt – zum Beispiel am Meer“. Bei der Feuerwolke im Südwesten Frankreichs konnten sich die Feuerwehrleute nur noch zurückziehen. „Wir müssen anerkennen, dass sich diese Naturgewalt unserer Kontrolle entzieht. Es ist ein kriegsähnliches Szenario, bei dem wir ständig unter Beschuss sind und uns alle in Sicherheit bringen müssen.“

Bildung explosiver Wolken

Die Hitze der Feuer allein reicht jedoch nicht aus, um Feuerwolken zu bilden. Erst wenn Feuchtigkeit hinzukommt und der erhitzte Wasserdampf nach oben steigt, können sich die explosiven Wolken bilden. „Der durch Waldbrände ausgelöste vertikale Feuchtigkeitstransport spielt eine Schlüsselrolle bei diesen Stürmen“, erläutert der Klimaforscher Ziming Ke vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien.

Ähnlich wie Vulkanausbrüche befördern die PyroCb-Wolken demnach Aerosole und Feuchtigkeit bis in die Stratosphäre. Dort können sie für Monate verbleiben und beeinflussen, wie viel Sonnenlicht auf die Erdoberfläche gelangt. Zudem verändern sie die Ozonchemie und können sich damit auf das Ozonloch über der Antarktis auswirken.

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der auftretenden Pyrocumulonimbus-Wolken jedoch deutlich. In Bolivien, Kalifornien, Russland und vor allem Autralien wurden sie in den vergangenen Jahren häufiger gesichtet. Und jetzt auch in Bordeaux.

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der auftretenden Pyrocumulonimbus-Wolken jedoch deutlich. In Bolivien, Kalifornien, Russland und vor allem Autralien wurden sie in den vergangenen Jahren häufiger gesichtet. Und jetzt auch in Bordeaux.

Maximilien Lamy/AFP/dpa

Klimawandel führt zu mehr Feuerstürmen

Das Phänomen war Wissenschaftlern zwar schon länger bekannt, aber da es so selten auftrat, wurde es nicht näher erforscht. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der auftretenden Pyrocumulonimbus-Wolken jedoch deutlich. In Bolivien, Kalifornien, Russland und vor allem Autralien wurden sie in den vergangenen Jahren häufiger gesichtet.

Die Nasa beschreibt dieses Phänomen als „feuerspeienden Drachen“: „Diese feuererzeugten Wolken sind mit extremem Feuerverhalten verbunden, das die Löscharbeiten behindert und Gemeinden verwüsten kann.“ Die Raumfahrtbehörde unterstreicht die Notwendigkeit, die Wolken besser zu verstehen, „angesichts der anhaltenden und prognostizierten Zunahme von Feueraktivität und -schwere“.

Insgesamt erhöht sich die Gefahr von großen, verheerenden Feuern durch die Klimakrise weltweit. Oft verursacht der Mensch die Feuer und durch die Erderwärmung und Trockenheit werden Wälder und Savannen immer trockener und schneller brennbar. Das bestätigt auch Ziming Ke. Jedes Jahr kommt es weltweit zu Dutzenden bis Hunderten dieser durch Waldbrände verursachten Gewitterstürme. Durch den menschengemachten Klimawandel wird sich diese Anzahl wahrscheinlich weiter erhöhen.