Todesurteil nach Foltermord: Christa Pike - Warum hat sie die Todesstrafe bekommen?

Warum wurde Christa Pike zum Tode verurteilt? Alles über den Mord an Colleen Slemmer, das Urteil von 1996 und die gescheiterte Hinrichtung 2026.
AP/dpaDer Fall Christa Pike beschäftigt die USA seit mehr als drei Jahrzehnten. Die US-Amerikanerin wurde 1996 im Bundesstaat Tennessee zum Tode verurteilt. Damals war sie erst 20 Jahre alt, die Tat selbst hatte sie im Alter von 18 Jahren begangen. Opfer war die 19-jährige Colleen Slemmer. Der außergewöhnlich brutale Mord, Pikes Geständnis und weitere Beweise führten schließlich dazu, dass eine Jury sie für schuldig erklärte und die Todesstrafe verhängt wurde. Im September 2026 sollte das Urteil vollstreckt werden. Doch die Hinrichtung mit Giftspritze (Pentobarbital) scheiterte. Pike überlebte zwei Dosen des Medikaments und wurde anschließend in kritischem Zustand in ein Krankenhaus gebracht. Seitdem wird erneut intensiv über ihren Fall und über die Todesstrafe in den USA diskutiert.
Der Mord an Colleen Slemmer
Christa Pike und Colleen Slemmer lernten sich über das Job Corps in Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee kennen. Das staatliche Programm sollte sozial benachteiligten jungen Menschen bei ihrer beruflichen Vorbereitung helfen. Pike war zu dieser Zeit mit Tadaryl Shipp liiert. Nach den vorliegenden Angaben entwickelte sie Eifersucht auf Slemmer, weil sie glaubte, die 19-Jährige wolle ihr den Freund ausspannen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Shadolla Peterson plante Pike daraufhin, Slemmer an einen abgelegenen Ort zu locken. Am 12. Januar 1995 verließen Pike, Shipp, Peterson und Slemmer gemeinsam ihre Unterkunft. Angeblich wollten sie Marihuana rauchen und bestehende Konflikte aus der Welt schaffen. Die Gruppe begab sich zu einem stillgelegten Kraftwerksgelände in der Nähe des Campus der University of Tennessee. Dort wurde Slemmer angegriffen. Nach den späteren Ermittlungen wurde die junge Frau rund 30 Minuten lang geschlagen und misshandelt. Sie wurde mit einem Messer verletzt. Zudem wurde ihr ein Pentagramm in die Brust geritzt. Schließlich wurde ihr Schädel mit einem Stück Asphalt eingeschlagen. Slemmer starb an den Folgen der Gewalt. Besonders belastend für Pike war zudem, was anschließend geschah. Sie nahm ein Stück des Schädels ihres Opfers an sich und steckte es in ihre Jackentasche. Später soll sie das Knochenstück anderen Menschen gezeigt haben.
Pike gestand die Tat
Die Ermittler konnten vergleichsweise schnell einen Zusammenhang zwischen Pike und Slemmers Tod herstellen. Das Logbuch der Einrichtung zeigte, dass Pike, Slemmer, Shipp und Peterson gemeinsam losgegangen waren. Zurückgekehrt waren jedoch nur drei Personen. Außerdem fanden Ermittler das mitgenommene Schädelstück in Pikes Jackentasche. Pike gestand der Polizei anschließend, Slemmer gefoltert und getötet zu haben. Sie erklärte allerdings, ursprünglich habe sie Slemmer lediglich Angst machen wollen. Die Situation sei außer Kontrolle geraten. Auch bestritt sie, selbst das Pentagramm in den Körper des Opfers geritzt zu haben. Das änderte nichts daran, dass sowohl ihr Geständnis als auch die vorhandenen Beweise im späteren Strafprozess schwer gegen sie wogen.
Warum wurde Christa Pike zum Tode verurteilt?
Pike wurde wegen Mordes und wegen Verabredung zum Mord angeklagt. Am 22. März 1996 erklärten die Geschworenen sie nach nur wenigen Stunden Beratung in beiden Punkten für schuldig. Acht Tage später, am 30. März 1996, wurde sie für den Mord an Colleen Slemmer zum Tode verurteilt. Für die Verabredung zum Mord erhielt sie zusätzlich 25 Jahre Haft. Für das Urteil war der außergewöhnlich brutale Ablauf der Tat von zentraler Bedeutung. Das Opfer war bewusst an einen abgelegenen Ort gelockt, anschließend über längere Zeit misshandelt und schließlich getötet worden. Hinzu kamen Pikes eigenes Geständnis und zahlreiche Beweismittel. Pike war zum Zeitpunkt der Tat zwar erst 18 Jahre alt, rechtlich galt sie damit jedoch bereits als Erwachsene. Dieser Punkt spielte auch Jahrzehnte später eine wichtige Rolle bei dem Versuch ihrer Anwälte, das Todesurteil noch abzuwenden. Ihre Mitangeklagten erhielten andere Strafen. Tadaryl Shipp wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, verbunden mit der Möglichkeit, nach 25 Jahren einen Antrag auf Freilassung zu stellen. Shadolla Peterson trat als Kronzeugin auf und erhielt eine Bewährungsstrafe.
Pikes Kindheit wurde später zum wichtigen Argument ihrer Anwälte
In späteren Verfahren rückte zunehmend Pikes eigene Lebensgeschichte in den Mittelpunkt, da sie unter schwierigen Bedingungen aufwuchs. Ihre Eltern führten eine instabile Beziehung und vernachlässigten sie. Eine besonders enge Beziehung hatte Pike zu ihrer Großmutter. Nach deren Tod unternahm sie im Alter von zwölf Jahren einen ersten Suizidversuch. Auch in ihrer Jugend war ihr Leben von Instabilität und Gewalt geprägt. Pike berichtete später von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigungen. Für zumindest einen Übergriff existierten konkrete Hinweise. Ein Nachbar wurde wegen einer Vergewaltigung Pikes im Alter von elf Jahren verurteilt. Mit 17 Jahren wurde sie nach eigenen Angaben erneut sexuell missbraucht. Trotz medizinischer Untersuchung wurde der Täter nicht gefunden. Pikes Anwälte argumentierten später wiederholt, ihre schwierige Kindheit, psychische Erkrankungen und ihr sehr junges Alter zum Tatzeitpunkt seien beim ursprünglichen Todesurteil nicht angemessen berücksichtigt worden.
Mehrere Versuche, das Todesurteil abzuwenden
Über die folgenden Jahrzehnte versuchten Pikes Anwälte mehrfach, das Todesurteil in eine lebenslange Freiheitsstrafe umwandeln zu lassen. Unter anderem führten sie eine unzureichende Unterstützung durch ihre früheren Strafverteidiger, psychische Probleme und grundsätzliche verfassungsrechtliche Einwände gegen die Todesstrafe an. Diese Versuche scheiterten. 2016 wies ein Bundesrichter die vorgebrachten Gründe für eine Strafminderung zurück. Ein weiteres Gesuch aus dem Jahr 2019 blieb ebenfalls erfolglos. Auch eine spätere Argumentation mit einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von Tennessee half Pike nicht. Ihre Anwälte verwiesen darauf, dass ihr junges Alter berücksichtigt werden müsse. Ein Gericht stellte 2023 jedoch fest, dass die zugrunde liegende Entscheidung jugendliche Täter betreffe. Pike sei mit 18 Jahren zum Tatzeitpunkt bereits rechtlich erwachsen gewesen. Bis 2022 waren ihre Rechtsmittel weitgehend ausgeschöpft.
Auch während der Haft sorgte Pike für Schlagzeilen
Zusätzlich zum ursprünglichen Mordfall kam es während ihrer jahrzehntelangen Haft zu weiteren Vorfällen. Im August 2001 griff Pike gemeinsam mit einer anderen Gefangenen die Mitinsassin Patricia Jones an. Dabei versuchte sie, die Frau mit einem Schnürsenkel zu erdrosseln. Pike wurde deshalb wegen versuchten Mordes verurteilt. 2012 wurden außerdem Fluchtpläne bekannt, an denen ein Gefängnisbeamter und ein Mann aus New Jersey beteiligt waren. Unter anderem sollte offenbar ein Gefängnisschlüssel nachgemacht werden. Pike selbst wurde in diesem Zusammenhang allerdings nicht zusätzlich bestraft, weil nicht eindeutig geklärt werden konnte, wie stark sie persönlich an der Planung beteiligt gewesen war.
Die Hinrichtung sollte 2026 stattfinden
Am 30. September 2025 legte der Oberste Gerichtshof von Tennessee den 30. September 2026 als Hinrichtungstermin fest. Noch am Tag der geplanten Vollstreckung gab es juristische Auseinandersetzungen. Ein Bundesberufungsgericht setzte die Hinrichtung zunächst aus, weil geprüft werden sollte, ob Pikes Berichte über sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen bei ihrem Todesurteil ausreichend berücksichtigt worden waren. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hob den Hinrichtungsstopp jedoch kurz vor 18 Uhr Ortszeit wieder auf. Wenig später begann die Vollstreckung in der Riverbend Maximum Security Institution in Nashville. Pike sollte mit Pentobarbital getötet werden. Sie erhielt zwei Dosen, von denen jede für sich tödlich sein sollte. Doch Pike starb nicht.
Zwei Giftspritzen und Pike überlebte
Nach Angaben ihrer Anwälte kam es möglicherweise zu Problemen mit den Infusionsleitungen. Das Pentobarbital könnte teilweise nicht in die Blutbahn, sondern in umliegendes Gewebe gelangt sein. Ihre Arme seien nach dem Hinrichtungsversuch geschwollen gewesen und hätten Verbrennungen sowie Blasen gezeigt. Die Gefängnisbehörde erklärte dagegen, sämtliche vorgesehenen Schritte des Hinrichtungsprotokolls seien eingehalten worden. Pike wurde nach dem gescheiterten Versuch medizinisch versorgt und in ein Krankenhaus in Nashville gebracht. Ihre Anwälte erklärten anschließend, sie sei nicht wieder zu Bewusstsein gekommen, intubiert und an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden. Ärzte versuchten, ihr Leben zu retten und das Pentobarbital aus ihrem Körper zu entfernen. Nach dem Vorfall setzte Tennessees Gouverneur Bill Lee alle weiteren Hinrichtungen des Jahres 2026 aus und ordnete eine unabhängige Untersuchung an.
Was passiert jetzt mit Christa Pike?
Ob Pike erneut hingerichtet werden könnte, ist offen. Grundsätzlich zeigen andere Fälle, dass ein fehlgeschlagener Hinrichtungsversuch nicht automatisch bedeutet, dass das Todesurteil aufgehoben wird. Auch bei anderen Todeskandidaten in den USA wurden nach gescheiterten Versuchen später neue Hinrichtungen angesetzt. Im Fall Pike könnte allerdings ihr Gesundheitszustand eine entscheidende Rolle spielen. Juristen verweisen darauf, dass Menschen nicht hingerichtet werden dürfen, wenn sie geistig nicht in der Lage sind, rational zu verstehen, warum der Staat sie töten will. Sollte Pike durch den gescheiterten Hinrichtungsversuch schwere Hirnschäden erlitten haben, könnte diese Frage juristisch relevant werden. Auch ein erneuter Versuch selbst könnte Gegenstand verfassungsrechtlicher Auseinandersetzungen werden. Pikes Anwälte könnten argumentieren, eine zweite Hinrichtung verstoße nach den Erlebnissen des ersten Versuchs gegen das Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen. Daneben besteht die Möglichkeit, dass ihre Verteidiger Gouverneur Bill Lee erneut darum bitten, das Todesurteil in lebenslange Haft umzuwandeln.
Der Fall löst erneut eine Debatte über die Todesstrafe aus
Der gescheiterte Hinrichtungsversuch hat in Tennessee eine neue Diskussion über die praktische Durchführung der Todesstrafe ausgelöst. Während Kritiker grundsätzlich ein Ende der Todesstrafe fordern, diskutieren führende Republikaner in Tennessee über zusätzliche Hinrichtungsmethoden. Unter anderem wird darüber gesprochen, den elektrischen Stuhl wieder stärker einzusetzen. Der Fall Christa Pike steht damit heute für zwei sehr unterschiedliche Fragen. Die erste betrifft das Verbrechen selbst. Pike wurde wegen der geplanten, langwierigen und äußerst brutalen Tötung der 19-jährigen Colleen Slemmer verurteilt. Ihr Geständnis und weitere Beweise führten 1996 dazu, dass eine Jury sie des Mordes für schuldig befand und sie zum Tode verurteilt wurde. Die zweite Frage betrifft den Staat. Was darf er tun, um ein solches Urteil Jahrzehnte später tatsächlich zu vollstrecken und wo liegen die rechtlichen und moralischen Grenzen?
