Umfrage zu Kinderwunsch: Warum die Deutschen nicht mehr Kinder bekommen

Viele Deutsche hätten gerne mehr Kinder, doch diverse Gründe halten sie davon ab.
Hendrik Schmidt/dpaViele junge Menschen in Deutschland wünschen sich grundsätzlich weiterhin Kinder. Trotzdem sinkt nicht nur die Geburtenrate – inzwischen geht auch die Zahl der Kinder zurück, mit denen Frauen und Männer für ihr eigenes Leben tatsächlich rechnen. Eine aktuelle Auswertung des familiendemografischen Panels FReDA zeigt, welche Rolle dabei Zukunftssorgen, Wohnraum und berufliche Perspektiven spielen könnten.
Die Geburtenrate in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich gefallen. Lag sie 2021 noch bei 1,58 Kindern pro Frau, waren es 2024 nur noch 1,36. Im Jahr 2025 sank der Wert weiter auf 1,32. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in vielen europäischen Ländern.
Lange ließ sich dieser Rückgang allerdings nicht damit erklären, dass junge Menschen schlicht weniger Kinder wollten. Denn der Kinderwunsch der 18- bis 39-Jährigen blieb zunächst vergleichsweise stabil. Erst die jüngste FReDA-Erhebung für 2024/25 zeigt eine Veränderung: Frauen rechnen im Durchschnitt noch mit 1,69 Kindern in ihrem Leben, Männer mit 1,64. In den Jahren zuvor lagen die Werte bei Frauen zwischen 1,8 und 1,9 und bei Männern bei knapp 1,8 Kindern.
Zwei Kinder bleiben für viele das Ideal
Bemerkenswert ist dabei, dass sich die grundsätzlichen Vorstellungen von Familie kaum verändert haben. Fragt man junge Erwachsene nicht danach, was sie unter realistischen Bedingungen erwarten, sondern wie viele Kinder sie sich ohne Hindernisse idealerweise wünschen würden, bleiben die Zahlen deutlich höher. Frauen zwischen 18 und 39 Jahren nennen im Durchschnitt etwa 2,2 bis 2,3 Kinder, Männer etwa 2,2.
Auch unter den 18- bis 29-Jährigen ist Kinderlosigkeit nur für eine kleine Minderheit das persönliche Ideal. 48 Prozent der Frauen und 55 Prozent der Männer halten zwei Kinder für die ideale Familiengröße. Weitere 37 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer wünschen sich im Idealfall sogar drei oder mehr Kinder. Lediglich sieben beziehungsweise acht Prozent nennen Kinderlosigkeit als Ideal.
Damit wächst die Lücke zwischen Wunsch und erwarteter Realität. Nach Berechnungen der Forscher stieg diese sogenannte „Fertility Gap“ zwischen 2021/22 und 2024/25 von 0,6 auf 0,9 Kinder. Anders gesagt: Im Durchschnitt liegt die tatsächliche beziehungsweise erwartete Kinderzahl inzwischen fast ein Kind unter der als ideal empfundenen Familiengröße.
Krieg, Klimawandel und Sorge um die Demokratie
Ein möglicher Faktor sind wachsende Zukunftssorgen. In der FReDA-Befragung werden junge Erwachsene unter anderem nach ihren Sorgen vor Krieg, Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Pandemien, organisierter Kriminalität und einer geschwächten Demokratie gefragt.
Besonders verbreitet ist die Angst vor militärischen Konflikten. Der Anteil der Befragten, die deswegen „sehr besorgt“ sind, stieg von 38 Prozent in der Erhebung 2023/24 auf 41 Prozent 2024/25. Noch deutlicher nahm die Sorge um eine geschwächte Demokratie zu: von 24 auf 32 Prozent. Rund 26 Prozent machten sich zuletzt große Sorgen über den Klimawandel, 23 Prozent über eine Wirtschaftskrise.
Die Analysen zeigen zugleich einen Zusammenhang mit der Familienplanung. Bei kinderlosen Frauen und Männern gehen starke Sorgen über Klimawandel und eine künftig geschwächte Demokratie mit niedrigeren Kinderwünschen einher. Bei kinderlosen Männern zeigt sich zudem ein Zusammenhang mit ausgeprägten Sorgen vor Krieg und militärischen Konflikten.
Bei Frauen scheint außerdem die Summe verschiedener Belastungen eine Rolle zu spielen. Je mehr der untersuchten Krisenthemen ihnen große Sorgen bereiteten, desto niedriger fiel im Durchschnitt ihr Kinderwunsch aus. Bei Männern ließ sich dieser Zusammenhang nicht nachweisen.
Allerdings bedeutet das nicht, dass eine bestimmte Krise unmittelbar dazu führt, dass Menschen auf Kinder verzichten. Die Studie weist statistische Zusammenhänge aus und kann daraus keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten.
Wohnraum könnte bei der Familienplanung entscheidend sein
Neben großen politischen und gesellschaftlichen Fragen untersucht FReDA auch sehr konkrete Lebensbedingungen vor Ort. Dabei fällt besonders die Unzufriedenheit mit dem Wohnungsangebot auf. Je nach untersuchter Gruppe bewerten lediglich 22 bis 29 Prozent der jungen Erwachsenen das regionale Wohnungsangebot positiv. Deutlich besser werden dagegen die Möglichkeiten zur Erholung in der Natur eingeschätzt. Auch mit der Kinderbetreuung sind insbesondere Eltern vergleichsweise häufig zufrieden.
Gerade beim Wohnen zeigt sich ein Zusammenhang mit konkreten Familienplänen. Kinderlose, die mit dem Wohnungsangebot in ihrer Region zufrieden sind, geben häufiger an, innerhalb der kommenden drei Jahre ein Kind bekommen zu wollen. Dasselbe gilt für Personen, die ihre Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten positiv bewerten. In nach Geschlechtern getrennten Berechnungen zeigt sich dieser Zusammenhang vor allem bei Frauen.
Bei der Zufriedenheit mit Kitas oder Naturerholungsmöglichkeiten fanden die Forscher dagegen keinen entsprechenden Zusammenhang mit kurzfristigen Kinderplänen. Eine mögliche Erklärung der Autoren: Diese Bereiche werden von einem Großteil der Befragten ohnehin schon vergleichsweise positiv bewertet.
Der Wunsch nach Familie ist nicht verschwunden
Die Ergebnisse zeichnen deshalb ein differenzierteres Bild als die These, junge Menschen hätten grundsätzlich keine Lust mehr auf Kinder. Für die große Mehrheit gehört Elternschaft weiterhin zum gewünschten Lebensentwurf. Gleichzeitig scheinen immer mehr Menschen ihre Erwartungen daran anzupassen, was sie unter den tatsächlichen Bedingungen für erreichbar halten.
Die Autoren des Policy Briefs sehen deshalb vor allem bei den Rahmenbedingungen Handlungsmöglichkeiten. Sie nennen erschwinglichen Wohnraum, verlässliche Kinderbetreuung, sichere Arbeitsplätze und familienfreundliche Arbeitsbedingungen als Faktoren, die jungen Erwachsenen mehr Planungssicherheit geben könnten. Arbeitgeber könnten dazu beitragen, dass berufliche Entwicklung und Elternschaft miteinander vereinbar bleiben, ohne dass Mütter und Väter dadurch Nachteile erfahren.
Das Geburtentief lässt sich damit nicht auf einen einzelnen Grund reduzieren. Die FReDA-Daten deuten vielmehr auf eine Mischung aus gesellschaftlicher Unsicherheit und sehr konkreten Alltagshürden hin. Der Wunsch nach Kindern ist bei vielen Deutschen weiterhin vorhanden – schwieriger scheint zunehmend die Frage zu werden, ob sie diesen Wunsch auch für realistisch halten.
