Vor 20 Jahren gestorben: „Arschloch“, Kettenraucher, TV-Legende: Die 11 Gesichter des Rudi Carrell

Rudi war Rudi: Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist Rudi Carrell bis heute noch unvergessen, denn er war ein absolutes Original.
Imago/United Archives- Rückblick auf Rudi Carrell: TV-Legende mit bis zu 30 Mio. Zuschauern bei „Am laufenden Band“.
- Prägte deutsche Unterhaltung ab 1965, sang Hits wie „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“.
- Strenger Perfektionist und Kettenraucher, nannte sich im Studio ein „widerliches Arschloch“.
- Erfolge und Skandale: „Rudis Tagesshow“ 1987 löste eine Iran-Krise aus – Carrell entschuldigte sich.
- Späte Jahre als Profi bis zur Lungenkrebserkrankung, 2006 erhielt er die Goldene Kamera Ehrenpreis.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer – ein Sommer wie er früher einmal war? Ja, mit Sonnenschein von Juni bis September und nicht so nass und sibirisch wie im letzten Jahr.“
Erinnern Sie sich noch an diesen sommerfrischen Evergreen? Der Heile-Welt-Schlager schallt seit 1975 Trost spendend und vor Nostalgie triefend aus dem Radio. Das Lied ist unsterblich - so wie sein Interpret - Rudi, der Große.
Vor 20 Jahren, am 7. Juli 2006, starb Rudi Carrell, einer der erfolgreichsten Entertainer der Nachkriegszeit, in Bremen. Er wurde 71 Jahre alt. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist er, das absolute Original, bis heute unvergessen. Rudi war Rudi, ein Mann mit großem Talent, eiserner Disziplin - und durchaus auch einigen Abgründen. Ein Rückblick:
Rudi, das Kriegskind
Rudi Carrell lernte die Deutschen zunächst von ihrer unangenehmsten Seite kennen - nämlich als Besatzer. Im Jahr 1940 waren die Niederlande von Hitler-Deutschland überfallen worden. Eine jahrlange Schreckensherrschaft begann.
Rudis Eltern versteckten fast ein Jahr lang eine Jüdin, Tante Jo, auf dem Dachboden ihres winzigen Hauses in Alkmaar. Dafür hätten sie selbst ins KZ kommen können. 1942 kam es zu einem folgenschweren Missgeschick: Der acht Jahre alte Rudi stürmt ins Haus und ruft: „Tante Jo, komm mal runter!“ Zu spät bemerkt er: Im Nebenzimmer hält sich gerade ein Nachbar auf, der nun Verdacht schöpft. Deshalb wird Tante Jo schweren Herzens weggeschickt. Sie überlebt die Besatzung in einem anderen Versteck.

Das Entertainer-Gen wurde ihm in die Wiege gelegt: Rudi Carrell mit Schimapnse Plato 1964 in Schiphol, Noord-Holland
Imago/piemagsRudi, der Modernisierer
Nach dem Krieg ging Rudi Carrell – der eigentlich Rudolph Wijbrand Kesselaar hieß – bei seinem Vater, dem Alleinunterhalter Andries Kesselaar, in die Lehre, machte im niederländischen Fernsehen Karriere. 1965 kam er ins Nachbarland.
Dort war Fernsehunterhaltung noch eine Mischung aus buntem Abend und Bildungsbürgerquiz. Der holländische Schlaks mit den vorstehenden Zähnen und dem zerknautschten Gesicht änderte dies von Grund auf. Seine Samstagabend-Show „Am laufenden Band“ hatte in den 1970er Jahren bis zu 30 Millionen Zuschauer. Am Montagmorgen konnte man sich mit so ziemlich jedem Kollegen und jedem Mitschüler darüber unterhalten. Es gab kaum jemanden, der sie nicht gesehen hatte.

Rudi Carrell Television: Die TV-Show "Am laufenden Band" lief von 1974 bis 1979 und war eine der beliebtesten Unterhaltungsshows der 1970er Jahre im deutschen Fernsehen. Sie folgte der "Rudi Carrell Show" und wurde wie diese von Rudi Carrell präsentiert.
Imago/Mary EvansRudi, das „Arschloch“
Rudi Carrell war alles andere als ein „lockerer Holländer“. Im Gegenteil, er selbst bezeichnete sich als klassischen Preußen. Damit meinte er seine Arbeitswut und Disziplin. Von seinem Stab erwartete er vollen Einsatz, regelmäßig riss ihm der Geduldsfaden.
Seine Wutausbrüche waren so schlimm, dass das Aufnahmeteam von „Am laufenden Band“ einmal sogar in den Streik trat - wenige Tage vor der nächsten Show. „Daraufhin hat er uns alle in ein Top-Lokal eingeladen und sich entschuldigt“, berichtet Thomas Woitkewitsch, damals einer seiner engsten Mitarbeiter. Carrell selbst bekannte im Rückblick: „Ich war im Studio ein widerliches Arschloch.“

Rudi Carrell in der "Rudy Carrell Show" mit Annie Palmen im Jahr 1963.
Imago/piemagsRudi, der Kettenraucher
Rudi Carrell rauchte bis zu zwei Packungen Zigaretten am Tag. Sein Büro war immer völlig verqualmt, der Aschenbecher quoll über. Die Ursache dafür war Stress.
Alle Spiele für „Am laufenden Band“ wurden erst in der Woche davor erdacht und umgesetzt, man sprach von den „Bremer sechs Tagen“, weil alles bei Radio Bremen stattfand, auch wenn der WDR in Köln das meiste Geld zahlte. Die Texte für Rudis Eröffnungslied wurden sogar manchmal erst Minuten vorher fertiggestellt. „Für mich war „Am laufenden Band“ die Hölle“, sagte er später. „Die absolute Hölle.“

Die Kippe immer in der Hand: Rudi Carrell am 16. Januar 1976 beim Deutschen Filmball in München.
Imago/United ArchivesRudi, der Sänger
Rudi Carrell wurde besonders geliebt wegen seines weichen holländischen Akzents. Er machte auch immer Fehler im Deutschen, selbst als er schon seit Jahrzehnten hier wohnte. Auch das fand das Publikum sehr charmant.
Als klassischer Entertainer konnte er zudem auch noch singen und landete mehrere Hits, der größte war „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ Thomas Woitkewitsch dichtete den Text 1975 auf die Melodie des vier Jahre zuvor herausgekommenen US-Songs „City of New Orleans“.
„Das war in einer einzigen Nacht bei einem Kasten Bier“, erinnert er sich. „Leider muss ich zugeben, dass die beste Textzeile „Denn schuld daran ist nur die SPD“ von Rudi war, der die ganze Zeit dabeisaß.“

18. November 1988: Rudi Carrell steht bei seiner „Rudi-Carrell-Show“ auf der Bühne und singt aus voller Kehle.
Hermann Wöstmann/dpaRudi, der Filmstar
Im 1970 kam der Film als große Einnahmequelle für Rudi Carrell hinzu. Ein erster Vertrag mit der Lisa-Film stellte sich aber als Komödie heraus, in der Carrell fast im gesamten Film als Frau verkleidet vorkommen sollte. Dabei mochte er es überhaupt nicht, wie er später einmal sagte:
„Wenn es eine Masche im Showgeschäft gibt, die ich hasse wie die Pest, so ist es die Verkleidung. Ein Mann, der sich als Frau verkleidet – ich weiß es –, ist eines der ältesten und sichersten Mittel, das Publikum zum Lachen zu bringen. Aber, nennen sie es Geschmacksache, ich mag es nicht, mehr noch, ich hasse es.“

"Crazy - total verrückt" aka "Rudi lass das Mausen sein", Deutschland 1973, Regie: Franz Josef Gottlieb, Promotionsfoto rund um den Film mit den Darstellern Rudi Carrell und Georg Thomalla im Kinderwagen.
Imago/United ArchivesInsgesamt stand er zu Beginn der 1970er Jahre in sieben komödiantischen Streifen vor der Kamera:
- „Wenn die tollen Tanten kommen“, 1970
- „Rudi, benimm Dich!“, 1970
- „Hochwürden drückt ein Auge zu“, 1971
- „Tante Trude aus Buxtehude“, 1971
- „Die tollen Tanten schlagen zu“, 1971
- „Glücksspirale“, 1972
- „Crazy - total verrückt“, 1973
- In dem komödiantischen deutscher Episodenfilm „Starke Zeiten“ trat er 1988/89 ein letztes Mal in einem Kinofilm auf.
Rudi, der Macho
Rudi Carrell starb elf Jahre vor Beginn der #MeToo-Bewegung im Jahr 2017. Sein Verhalten gegenüber Frauen würde heute kaum noch toleriert. Anzügliche Bemerkungen gehörten für ihn zum Umgangston, mitunter kniff er sogar in Brüste.
Wenn es dann Ärger gab, war seine Standard-Ausrede: „Man darf doch wohl mal einen Scherz machen!“
Seine Tochter Annemieke erzählte Carrells Biografen Jürgen Trimborn, die Emanzipation sei an ihrem Vater spurlos vorübergegangen. „Als er auf dem Sofa bei „Wetten, dass..?“ neben Alice Schwarzer saß und plötzlich einen Büstenhalter aus dem Jackett zog, war ich richtig baff und konnte minutenlang gar nicht glauben, dass er das jetzt wirklich gemacht hat.“

ARCHIV - 29.12.1977, Bremen: Rudi Carrell und Nastassja Kinski am 29. Dezember 1977 in Bremen während der Proben zur großen Silvestershow von "Am laufenden Band".
Schilling/dpaRudi, der Gutsherr
1975 kaufte sich Rudi Carrell ein altes Landgut bei Bremen, das in den darauffolgenden Jahren von seiner Frau Anke aufwendig hergerichtet wurde. Diese Umbau- und Renovierungsmaßnahmen finanzierte er im Wesentlichen mit den Einnahmen aus seiner Werbekampagne für eine große deutsche Supermarktkette, weshalb er das Herrenhaus gern auch als „Casa Edeka“ bezeichnete.

10. November 2001: Rudi Carell mit Ehefrau Simone Felischak bei der UNESCO-Gala in Neuss.
Imago/Olaf DöringRudi, der Ruditollah
1981 kehrt Carrell nach einer längeren Pause mit „Rudis Tagesshow“ auf den Bildschirm zurück – und landete erneut einen großen Erfolg. Das Format, in dem kurze Ausschnitte aus Nachrichtenfilmen mit einem neuen Text versehen wurden, war höchst innovativ.
1987 löste die Comedyshow allerdings eine diplomatische Krise aus: In einer nur 14 Sekunden langen Bildmontage wurde der Eindruck erweckt, als wäre der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini von begeisterten Anhängerinnen mit Dessous beworfen worden. In Teheran demonstrierten daraufhin Tausende gegen den Frevel, zwei deutsche Diplomaten wurden ausgewiesen, und vorübergehend galt ein Landeverbot für deutsche Passagierflugzeuge.
Der „Stern“ zeigte Carrell auf seiner Titelseite als „Ruditollah“. Carrell entschuldigte sich daraufhin für die Verletzung religiöser Gefühle.

Rudi Carrell und Beatrice Richter beim Spaghetti-Essen in einer Szene von Carrells "Tagesshow", aufgenommen im Sommer 1982.
Dieter_Klar/dpaRudi, das Lästermaul
Rudi Carrell war bekannt dafür, dass er gern über Kollegen herzog. Fast jeder kam mal dran. So bezeichnete er Dieter Bohlen als „Witzfigur“ und Harald Juhnke und Hans Rosenthal als „Arschkriecher“ gegenüber den Zuschauern.
Häufig taten ihm die Beleidigungen hinterher leid, und dann rief er den Betroffenen an und entschuldigte sich. Die Ausrede war immer die gleiche: Gemeine Reporter hätten ihn mit Alkohol abgefüllt und ihm dann die Schmähungen im Suff entlockt.
Zu den wenigen, die er immer nur lobte, gehörte Hape Kerkeling. Der nahm ihn seinerseits in Schutz: „Rudi hatte ja auch meistens recht mit dem, was er sagte“, führte er zu seiner Verteidigung an. Und: „Das liegt halt in seiner Natur - Holländer sind keine Duckmäuser.“

Rudi Carrell (Zweiter v. re.) zu Gast in der TV-Ratesendung "Dalli Dalli" mit Moderator Hans Rosenthal (Zweiter von li.).
Imago/United ArchivesRudi, die Legende
Rudi Carrell lebte für die Arbeit – und blieb bis zum Schluss ein absoluter Profi. Schon schwer von seiner Lungenkrebserkrankung gezeichnet, stark abgemagert und mit kaum noch wiedererkennbarer Stimme nahm er 2006 in Berlin den Ehrenpreis der Goldenen Kamera entgegen.

Schon vom Tod gezeichnet: Am 2. Februar 2006 bekam Rudi Carrell bei der Verleihung der 41. Goldene Kamera den Ehrenpreis.
Imago/Eventpress„Die Tatsache, dass ich hier heute diesen Ehrenpreis in Empfang nehmen kann, verdanke ich in allererster Linie meiner deutschen Krankenversicherung, dem Klinikum Bremen-Ost und der deutschen Pharmaindustrie“, sagte er. „Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen.“ Mit nicht enden wollenden Ovationen wurde er vom Publikum verabschiedet. (mit dpa/Christoph Driessen)
