Vor 60 Jahren gestorben: Le Corbusier: Der Baumeister des Beton-Brutalismus
„Was du machst, mach richtig!“ Diesen Rat seiner Mutter befolgte Charles-Édouard Jeanneret-Gris. Besser bekannt unter dem Namen, den er sich selbst gab: Le Corbusier.
Mit einem Lebenswerk, das in seiner Kompromisslosigkeit seinesgleichen sucht. So schlug er etwa in den 1920er Jahren den Abriss des gesamten Pariser Stadtzentrums rechts der Seine vor. Die Bevölkerung sollte in gigantische Wohntürme umziehen und Teil einer verkehrsgerechten, wirtschaftlich effizienten Metropole werden.
Vordenker der Beton-Architektur
Mit solchen Entwürfen wurde Le Corbusier, der am 27. August 1965, vor 60 Jahren, starb, nicht nur zu einem genialen
Funktionalität statt Spiritualität
Le Corbusiers wichtigstes Motiv zum Bauen war freilich weniger Spiritualität als Funktionalität. Andere Architekten seiner Zeit, die wie er kühne neue Umgebungen für den „modernen Menschen“ konzipierten, waren eher sozialistischen Geisteshaltungen zuzuordnen, so etwa der Brasilianer Oscar Niemeyer (1907-2012). Für Le Corbusier haben jüngere Briefeditionen und historische Forschungen dagegen deutliche Sympathien für rechtes Gedankengut zutage gebracht.
In der Tat ist das Innere von Le Corbusiers Cité Radieuse in Marseille so faszinierend wie verstörend: ein Koloss, eine „Wohnmaschine“, uniform und entseelt. Man kann darin den Willen erkennen, vielen Menschen zugleich einen möglichst großen Wohnkomfort zu ermöglichen. Vertraute aus Vichy-Zeiten sahen darin allerdings auch eine „Umsetzung des faschistischen Programms“.
Wie eine Mönchszelle
Le Corbusier errichtete rund 80 Gebäude und entwarf 200 weitere. Patentieren ließ er sich sein „Modulor“, ein Baukastenprinzip für architektonische Proportionen auf der Grundlage eines 1,83 Meter großen Mannes.
Nach diesem Prinzip entwarf er unter anderem – in 45 Minuten nach eigenen Angaben – seine Hütte („cabanon“) in Roquebrune-Cap Martin an der Côte d’Azur, die ihm in den letzten Lebensjahren als seine Minimalbehausung diente: 3,66 mal 3,66 Meter, karg wie eine Mönchszelle eingerichtet.
Am 27. August 1965 fand man Le Corbusiers Leiche unterhalb seiner Hütte im Wasser. Wahrscheinlich erlitt der 78-Jährige beim Baden einen Herzinfarkt. Er wurde auf dem Friedhof von Roquebrune hoch über Cap Martin beigesetzt. Mit dem schlichten Betongrab, das er sich selbst entwarf, blieb er sich auch im Tod treu.
Info: Brutalismus in Beton
Brutalismus
Der Brutalismus ist ein Baustil der Moderne, der ab 1950 Verbreitung fand. Die Bezeichnung hat verschiedene Ursprünge, wie darunter den französischen Begriff béton brut („roher Beton“, Sichtbeton), mit dem der Architekt Le Corbusier den sichtbar belassenen Beton an der Unité d’Habitation in Marseille beschrieb. Heute steht der Terminus für die dominierende Architektur zwischen etwa 1960 und dem Anfang der 1980er-Jahre. Er wird nunmehr überwiegend negativ konnotiert. Der Brutalismus ist geprägt von der Verwendung von Sichtbeton, der Betonung der Konstruktion, simplen geometrischen Formen und meist sehr grober Ausarbeitung und Gliederung der Gebäude.