Weihnachten in Großbritannien
: Die große Lüge Santa Claus

Der Festtagszauber hält nicht überall, was er verspricht. Kinder im englischen Chippenham und in Milton Keynes haben Santa Claus von seiner düsteren Seite kennengelernt.
Von
Peter Nonnenmacher
Stuttgart
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So sieht der perfekte Santa Claus aus: Füllig sollte er sein und einen Bart tragen.

AP

London - Kinder auf der ganzen Welt machen in diesen Tagen große Augen – auch in England. Doch die englischen Kinder staunen nicht nur, weil ihnen künstliche Sternenhimmel und kurios drapierte Weihnachtsbäume überall wild entgegen blinken. Sie sind auch voller Verwunderung, weil sich Kommerz und kirchliche Autorität zugleich alle Mühe geben, einen alten Zauber zu brechen, den viele Eltern verzweifelt am Leben zu erhalten versuchen. Zumindest in den Städten Chippenham und Milton Keynes war es in den letzten Tagen nicht leicht, ein Kind zu sein.

Denn in der Stadt Milton Keynes hatten sich Dutzende von Familien auf einen Besuch in einem Vergnügungspark namens Winter Wonderland gefreut. Ein paar „magische und festliche“ Stunden mit Rentieren, Schlittenhunden, einer Eislaufbahn und natürlich Santa Claus hatten die Organisatoren des Ferienzaubers auf einem stadtnahen Gelände versprochen. 200 große und kleine Gäste rückten an, um sich verzaubern zu lassen. Manche Familien hatten schon Wochen vorab gebucht. Eine Mutter hatte 65 Pfund ausgegeben – umgerechnet sind das 78 Euro – damit ihre Kinder am Eislauf, an diversen Rundfahrten und am „Grotto-Besuch“ (bei Santa) teilnehmen konnten. Aber als die Besucher ankamen, fanden sie ein schlammiges Gelände vor, auf dem nichts als ein paar rostige Karusselle standen.

Keine Lichter, keine Musik

Weihnachtliche Beleuchtung gab es keine, auch keinerlei Musik. Das Eis auf der Eisbahn war kein Eis, sondern bestand aus Plastikplanen. Zwei Schlittenhunde jaulten in einem kleinen Käfig. Mit ihnen war jedenfalls nicht Schlitten zu fahren. Die Elfen, Santas kleine Helfer, lungerten gelangweilt an der Santa-Grotte herum und schmauchten eine Zigarette nach der anderen. Die Rentierherde musste entkommen sein. Niemand vermochte sie irgendwo zu entdecken. Santa selbst, der gute Weihnachtsmann, ließ die Kleinen stundenlang auf sich warten. Als er erschien, sahen die Kinder ein dünnes Männchen mit Freizeit-Joppe unterm weit offen stehenden roten Morgenmantel und einem sichtlich angeschnallten Billigbart. Selbst den Kleinsten musste schnell klar werden, dass es sich da nicht um Father Christmas handeln konnte. Die Eltern waren begreiflicherweise wütend und wendeten sich empört an die Veranstalter. Am Tag nach der Eröffnung musste das Wunderland wieder schließen – und allen Besuchern ihr Geld zurückgeben.

Drei ermordete Kinder zum Leben erweckt

Nicht weniger empört waren Eltern von Schulkindern im Marktflecken Chippenham in Wiltshire, als der örtliche Pfarrer bei einer Schulvisite die Kinder darüber informiert, dass es Father Christmas leider gar nicht gebe. Die Sache mit Santa Claus, erklärte der Kanonikus Simon Tatton-Brown, rühre ja nur von ein paar alten Sankt-Nikolaus-Mythen her. Zu diesen Mythen gehöre, dass Nikolaus einmal drei ermordete Kinder wieder zum Leben erweckt habe. Die drei seien von einem bösen Metzger geschlachtet worden, der sie pökelte und als Schweinefleisch verkaufen wollte. Die jüngsten der Kinder, die der Pfarrer da so souverän ins Bild setzte, waren fünf Jahre alt. Sie seien, so berichteten entrüstete Eltern, „mit Tränen in den Augen“ nach Hause gekommen. Auch den etwas älteren habe der Geistliche den Glauben an Santa Claus „brutal zerstört“.

Das ist fast schon ein Verbrechen in einem Land, in dem viele Eltern sich noch immer alle erdenkliche Mühe machen, dem Nachwuchs die märchenhafte Gestalt zu erhalten. Auch heute noch schreiben viele Kinder auf den Britischen Inseln an Father Christmas, träumen von Rudolf, dem rotnasigen Rentier, und finden am Morgen des 25. Dezember prall gefüllte Socken am (inzwischen gasbefeuerten) Kamin.

Kein Wunder, dass sich Simon Tatton-Brown quasi auf den Knien für seinen Fehltritt entschuldigen musste. Die unversöhnlichen Eltern aber wollen seinen Weihnachtsgottesdienst dieses Jahr boykottieren. Sie haben ihren Kindern auch schon verboten, im Weihnachtskonzert mitzuspielen. Der Pfarrer, meinen sie, könne sich zur Hölle scheren. Er habe das Weihnachtsfest „gründlich ruiniert“.