Zehn Jahre nach dem Tsunami: Ein Betroffener blickt zurück

Marius Böhm hat nach dem Verlust seiner Eltern wieder Halt gefunden.
Gottfried StoppelHerr Böhm, Sie haben lange gezögert, bevor Sie diesem Gespräch zugestimmt haben.
Meine Erfahrung mit Medien war bis jetzt nicht besonders positiv. Ich will nicht ins Detail gehen, aber was damals in Thailand abgegangen ist, das war krass. Mein Bruder und ich waren kleine Jungs, wir haben etwas Schlimmes erlebt, aber darauf haben die Journalisten dort keine Rücksicht genommen, sondern sie haben einfach draufgehalten und uns ausgefragt. Ich weiß, dass nicht alle Medien so sind, aber ich war trotzdem lieber zurückhaltend.
Nun haben Sie sich entschieden, doch an die Öffentlichkeit zu gehen. Wieso?
Ich habe lange nachgedacht, ob ich das tun soll. Aber ich glaube, es gibt einige Leute, die sich freuen, wenn Sie etwas von mir und meinem Bruder hören. Uns haben so viele Menschen unterstützt und begleitet, sogar Leute, die wir gar nicht kannten. Ich finde, sie haben verdient zu erfahren, wie es uns geht. Deshalb mache ich das jetzt sehr gerne.
Reisen in ferne Länder waren für Marius Böhm nichts Außergewöhnliches. Schon als Kind erkundete er mit seinen Eltern die Malediven, Amerika und Kuba. Die große Reise des Jahres 2004 ist für die Weihnachtsferien geplant. Am 24. Dezember treffen die Böhms in Thailand ein, zwei Tage später kommt der Tod aus dem Meer. Gegen zehn Uhr am Morgen bricht das Wasser mit bis dahin unvorstellbarer Wucht an Land. Mehr als 4000 Menschen kommen allein in der Region Khao Lak ums Leben, nirgendwo in Thailand ist die Zahl der Tsunami-Opfer höher. Dort machen Frank (40), Sylvia (38), Marius (12) und Kevin (9) Böhm aus Rohrau Urlaub.
Wie ist Ihre Erinnerung an den Tsunami?
Das ist vor allem der Moment, bevor das Wasser kam. Mein Bruder und ich waren schon am Strand, unsere Eltern noch an der Rezeption im Hotel. Alles schien normal, abgesehen davon, dass man kein Wasser gesehen hat. Das war weg. Als es dann auf uns zukam, sah es gar nicht so gefährlich aus. Erst kurz bevor es zu spät war, sind alle in Panik verfallen. Ich konnte mich gerade noch hinter ein Haus retten, dann kam schon die Welle vorbeigeschossen.
Sie haben Ihren Bruder und Ihre Eltern nicht mehr gesehen?
Das stimmt. Ich habe aber auch ausgeblendet, was um mich herum passiert ist. Ich erinnere mich, wie ich von der Strömung unter Wasser gedrückt wurde. Kurz vor dem Abtauchen habe ich Palmen und Hütten gesehen – und im nächsten Moment bin ich unter Wasser darauf zugeschossen.
Sind Sie verletzt worden?
Ich hatte nur ein paar Schnittwunden.
Wie sind Sie wieder an Land gekommen?
Als das Wasser ruhiger wurde, konnte ich auf einen Pick-up klettern, der dort herumschwamm. Das Auto wurde dann auf einen Baum getrieben, auf dem ein Thailänder saß. Der hat sich um mich gekümmert. Als das Wasser halbwegs abgeflossen war, gingen wir auf eine Anhöhe. Auf dem Weg habe ich dann meinen Bruder wieder getroffen.
War Ihr Bruder verletzt?
Mein Bruder war im Wasser ohnmächtig geworden und zwischen Trümmerteilen eingeklemmt gewesen, bevor er gerettet wurde. Trotzdem hatte er nur eine Schnittwunde am Kopf, nichts Schlimmes also.
Rohrau ist ein Ort mit rund 1600 Einwohnern. Hier kennt so gut wie jeder jeden. Frank Böhm trainiert die F-Jugendmannschaft des SV, seine Söhne Marius und Kevin kicken in der D- und E-Jugend. Am Abend vor dem Abflug sitzt Frank Böhm noch mit Vereinskameraden im Sportheim zusammen. Als am zweiten Weihnachtsfeiertag die ersten Horrormeldungen vom Tsunami nach Deutschland dringen, macht sich ganz Rohrau Sorgen. Am Christbaum vor dem Rathaus findet eine Gedenkfeier statt, ein Jugendturnier des Vereins mit 80 Mannschaften wird abgesagt.
Sie und Ihr Bruder sind Anfang Januar 2005 wieder nach Rohrau gekommen. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an diese Zeit denken?
An die riesige Unterstützung. Daheim waren so viele, die uns helfen wollten. Die Kirche zum Beispiel hat Spenden gesammelt, unser Fußballverein auch. Der Vorsitzende hat schließlich ein Treuhandkonto für uns eingerichtet, wo all die Spendengelder angelegt wurden. Davon profitieren wir bis heute. Aber wir wurden nicht nur finanziell unterstützt. Ganz viele Menschen haben uns auch persönlich geholfen. Das war wirklich ein Bombennetzwerk.
Wie sah die persönliche Unterstützung aus?
Da waren zum Beispiel die Frauen des Christusbund in Rohrau. Mit dieser Gemeinschaft hatten wir bis dahin überhaupt nichts zu tun. Aber sie hat für uns urplötzlich einen Fahrdienst organisiert. Meine Oma hat keinen Führerschein, und bei uns im Ort gibt es nur einen Bäcker und einen Metzger. Der Christusbund hat dafür gesorgt, dass wir einkaufen konnten oder zum Arzt kamen, wenn es nötig war. Inzwischen haben mein Bruder und ich selbst ein Auto und können viel erledigen. Aber wenn es doch mal sein muss, ist der Fahrdienst immer noch einsatzbereit. Das finde ich richtig klasse. Wobei das nicht das Einzige ist, was bis heute Bestand hat.
Was noch?
Von der Versicherung, bei der meine Mutter gearbeitet hat, bekommen wir noch immer jedes Jahr zu Weihnachten ein Geschenk. Und zum damaligen Chef meines Vaters haben wir bis heute Kontakt. Seine Firma hat uns in den ersten Jahren ein Auto gestellt, wenn wir in Urlaub gefahren sind. Wir waren ein paar Mal im Schwarzwald. Dort gibt es ein Hotel, in dem mein Vater Gast war, wenn er dienstlich in der Gegend zu tun hatte. Dieser Familienbetrieb hat uns eingeladen, unentgeltlich unsere Ferien dort zu verbringen.
Wie sind Ihre Freunde und Mitschüler mit Ihnen umgegangen?
Alle haben sehr viel Rücksicht auf mich genommen. Der Rektor sagte, dass er mich jederzeit freistellen würde, wenn ich das wollte. Die Lehrer boten an, mir den Stoff noch mal zu erklären, falls es nötig wäre. In der Schule selbst hat keiner blöde Bemerkungen gemacht. Und meine Freunde haben besonders viel mit mir unternommen. Es war dann schon eher so, dass ich bestimmen durfte, was wir machen. Aber ich kam mir dabei nie komisch vor. Auch die Eltern meiner Freunde waren sehr hilfsbereit.
Was haben diese Eltern getan?
Die Mutter einer Klassenkameradin hat zum Beispiel immer mit mir Englisch und Mathe gelernt. Und bevor wir eine Arbeit schrieben, haben wir uns zusammen darauf vorbereitet. An einem meiner Geburtstage sind wir mal Kart fahren gegangen. Das hatte auch jemand aus dem Umfeld organisiert. Später dann, als ich einen Ausbildungsplatz suchte, hat mir die Mutter eines Sportfreunds bei der Bewerbung geholfen. So war das immer: Die Eltern meiner Freunde haben versucht, das für uns zu tun, was sonst unsere Eltern getan hätten.
Marius und Kevin Böhm ziehen bei ihrer Großmutter ein, die in einer der beiden Wohnungen des Elternhauses lebt. Sie gehen weiter zur Schule und spielen wie gehabt Fußball. Der Pfarrer, der Ortsvorsteher und der SV-Vorsitzende beantworten Medienanfragen und sorgen so dafür, dass die Buben nicht behelligt werden. Die Maxime lautet: Alltag einkehren lassen. Später wird die 70-jährige Großmutter die Vormundschaft für ihre Enkel übernehmen. Doch als die Buben nach Hause kommen, ist nicht gewiss, ob ihre Eltern tot sind. Erst im März 2005 wird die Leiche von Sylvia Böhm identifiziert, zwei Monate später die ihres Ehemannes Frank.
Sie sagen, der ganze Ort half mit, dass Sie Ihr Leben so normal wie möglich weiterführen konnten. Dabei war Ihnen das Schlimmste passiert, was einem Kind passieren kann.
So absurd das klingt, ich dachte lange, meine Eltern leben auf jeden Fall noch. Ich hatte in Thailand nach dem Tsunami keine Leichen gesehen. Und obwohl ich mit meinem Leben fast schon abgeschlossen hatte, als ich in den Wassermassen trieb, dachte ich, da sei nichts Größeres passiert. Ich dachte, die Rückkehr meiner Eltern dauert nur deshalb so lange, weil das Chaos in dem Katastrophengebiet eben so groß ist.
Die Menschen um Sie herum haben Sie nichts von ihrer Angst spüren lassen?
Das kann man so sagen. Meine Oma hat die Aufregung ziemlich gut von uns ferngehalten. Auch sie selbst hat sich nichts anmerken lassen. Ihr war ganz arg wichtig, dass es meinem Bruder und mir gutgeht. Das hat sie sehr gut hinbekommen.
Wann haben Sie realisiert, dass Ihre Eltern nicht zurückkommen?
Das hat eine ganze Weile gedauert. Ein paar Wochen nach unserer Rückkehr hat mir mal jemand gesagt, dass mein Vater und meine Mutter wahrscheinlich tot sind. Das war der Moment, in dem ich mich zum ersten Mal mit diesem Gedanken beschäftigt habe. Aber erst als dann die Beerdigung am 4. Juni näherkam, und ich schließlich am Grab stand und die Urnen sah, wurde mir so richtig bewusst, dass es kein Zurück mehr gibt. Man hatte meine Eltern gefunden, und es war ihre Asche in den Urnen.
Sind Sie psychologisch betreut worden?
Ja, doch das hat sich relativ schnell erledigt. Ich hatte privat schon ziemlich viel gesprochen und auf diese Weise viel verarbeitet. Besonders mit einer befreundeten Familie, die auch jemand in Thailand verloren hatte. Das war noch mal ein anderes Niveau, da wusste ich, die verstehen das alles ganz genau. Und ich muss sagen, in unserem geregelten, fast normalen Tagesablauf haben sich viele Dinge recht schnell eingespielt. Das hat sehr geholfen, um aus dem Loch wieder rauszukommen. Es ist auch faszinierend, dass man sich an so einen Ausnahmezustand gewöhnen kann.
Sie klingen sehr aufgeräumt und ruhig, als ob es Ihnen heute gar nichts mehr ausmacht, über diesen Ausnahmezustand zu reden.
Es hat lange gedauert, bis ich keine Tränen mehr hatte und nicht mehr das Gefühl, losweinen zu müssen, sobald die Rede auf meine Eltern kam. Heute denke ich manchmal selbst, es hört sich kalt an, wie ich über ihren Verlust rede. Aber so ist es nicht. Ich kann nur so locker damit umgehen, weil ich meinen Frieden gemacht habe.
Wie war es bis dahin?
Es hat Jahre gedauert, bis ich die Wohnung meiner Eltern betreten konnte. Und es hat noch länger gedauert, bis ich wieder in meinem früheren Zimmer schlafen konnte. Ganz am Anfang hatte ich auch viele Albträume. In jedem davon war Wasser ein Thema. Wasser, und wenn es nur im Schwimmbad war, blieb noch eine ganze Weile schwierig. Und S-Bahnen und alles, was sonst laut, schnell und groß ist, auch.
Haben Sie mit Ihrem Schicksal gehadert?
Ich habe lange nach dem Warum gefragt: Warum haben wir ausgerechnet zu dieser Zeit dort Urlaub gemacht? Warum waren wir an diesem Tag nicht woanders, bei einem Ausflug oder so? Ich habe bis heute keine Antwort auf das Warum bekommen. Aber ich suche sie auch nicht mehr, ich habe damit abgeschlossen. Und das tut mir unheimlich gut. Wenn ich an meine Eltern denke, bin ich schon traurig. Aber es ist nicht so, dass ich dann völlig hinüber bin.
Wann ist es Ihnen bewusst geworden, dass Sie Ihren Frieden gemacht haben?
Dieser Prozess hing sehr stark damit zusammen, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob meine Eltern im Himmel sind – oder nicht. Ich habe mir anfangs auch überlegt, ob ich selbst nach meinem Tod in den Himmel will, wenn ich dort meinen Vater und meine Mutter nicht wiedersehen würde. Ich wünsche mir natürlich, dass sie dort sind. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass ich damit klarkommen würde, sollte es nicht so sein.
Wieso sollten sie nicht im Himmel sein?
Ich weiß, dass meine Eltern mich in keiner Weise gläubig erzogen haben. Deshalb vermute ich, dass sie nicht besonders religiös waren. Wenn das stimmt, dann konnten oder wollten sie von Jesus vielleicht gar nicht gerettet werden. Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht.
Wie kommt es, dass Sie so gläubig sind?
Das hat sich in der Zeit nach dem Tsunami entwickelt. Ich kam in den Konfirmationsunterricht, ich hatte viele Freunde, die in die Jungschar gingen, und durch die Kirchengemeinde und den Christusbund habe ich mich noch mehr mit Religion beschäftigt. Was in der Bibel steht, ist so realistisch, dass ich es für wahr halte. Der Glaube hat sehr dazu beigetragen, dass mein Heilungsprozess gut verlaufen konnte.
Auf Medienanfragen zum fünften Jahrestag 2009 antwortet der Rohrauer Ortsvorsteher: „Nach außen sind Marius und Kevin normale Buben, aber wie es drinnen aussieht, weiß niemand.“ Kevin Böhm geht seinerzeit noch aufs Gymnasium, Marius absolviert eine Lehre zum Industriekaufmann. Danach holt er die Fachhochschulreife nach und beginnt Theologie und Soziale Arbeit zu studieren. Er bezieht ein Zimmer in Bad Liebenzell, behält seinen Wohnsitz aber in Rohrau. Dort lebt er mit seinem Bruder in der ehemaligen Wohnung seiner Eltern.
Vom Industriekaufmann zum Streetworker, das ist eine große Veränderung.
Das stimmt. Ich wollte mehr. Meine Ausbildung war toll, und ich kann mir vorstellen, mal wieder in die Industrie zu gehen. Trotzdem habe ich nach dem Abschluss gedacht: Jeden Tag acht Stunden im Büro sitzen – das kann nicht alles gewesen sein.
Deshalb sitzen Sie lieber noch ein paar Jahre in der Schule.
Ja. Bei meinen Überlegungen hat eine große Rolle gespielt, dass ich Menschen helfen möchte. Das kann ich, indem ich viel Geld verdiene und viel davon abgebe. Oder, indem ich praktisch mit Menschen arbeite. Als ich den Liebenzeller Studiengang entdeckt habe, fand ich das genau das Richtige für mich.
Sie treffen Ihre Entscheidungen sehr bewusst. Würden Sie sagen, das hat mit Ihrer Geschichte zu tun?
Ja. Ich überlege mir immer sehr gut, was ich mache, bevor ich etwas mache. Schließlich entscheide ich nicht nur für mich allein, sondern auch für meine Oma und meinen kleinen Bruder mit. Wenn ich zum Beispiel früher am Wochenende mal weg bin, habe ich mich immer gefragt: Was macht mein Bruder? Geht’s ihm gut, wenn ich gehe? Oder kann ich ihn mitnehmen? Und beim Studium war für mich immer klar, dass ich nie so weit wegziehen werde, dass ich nur zwei-, dreimal im Jahr daheim bin.
Sie haben jetzt fast so viel Lebenszeit ohne Ihre Eltern verbracht wie mit ihnen. Wie ist Ihre Erinnerung an sie?
Sehr, sehr positiv. Meine Mutter hat meinen Bruder und mich immer sehr umsorgt, immer darauf geachtet, dass es uns gutgeht. Und mein Vater hat viel mit uns gebastelt, einmal sogar ein ferngesteuertes Auto mit richtigem Verbrennungsmotor. Er hat mir oft auf die Schulter geklopft, um mich zu loben oder aufzumuntern. Wenn das später ein anderer Mann gemacht hat, löste das heftige Assoziationen aus. Aber das hat niemand bewusst gemacht, und ich habe gelernt, damit zu leben.