Zufallsfund vor 35 Jahren: Irrweg von Bergwanderern als Glücksfall: Wie Ötzi zur Weltsensation wurde

Die Wissenschaftler Eduard Egarter-Vigl (li.) und Albert Zink untersuchen die rund 5000 Jahre alte Gletschermumie "Ötzi" und entnehmen Proben des Mageninhaltes (Archivbild).
M.Samadelli/Southtyrolarchaeologymuseum\Eurac via Eurekalert/dpa -- Zufallsfund 1991 in den Ötztaler Alpen: Ötzi ist ein 5300 Jahre alter Gletschermann.
- Lagerung erst in Innsbruck, seit 1998 im Bozener Archäologiemuseum öffentlich zu sehen.
- Todesumstände: Pfeilschuss in die Schulter; frühere Abwehrverletzung an der Hand heilte an.
- Genetik: dunkle Haut, dunkle Augen, Neigung zur Glatze; über 91 Prozent anatolische Vorfahren.
- Einzigartige Erhaltung und Ausrüstung liefern Einblicke in Leben und Jagd der Jungsteinzeit.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ein Einsiedler? Ein Deserteur aus den Jahren des Kriegs im Hochgebirge 1915 bis 1918? Die Leiche, deren Oberkörper am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen in rund 3200 Metern Höhe aus dem Eis ragte, warf sofort viele Fragen auf.
Unter anderem mit einem Pickel wurde die bestens erhaltene Mumie freigelegt. Sie entpuppte sich mit einem Alter von 5300 Jahren als Weltsensation. Seit dem Fund vor 35 Jahren - am 19. September 1991 - ist Ötzi, wie er bald genannt wurde, für die Menschen ein faszinierendes Fenster in die Jungsteinzeit. Noch immer gibt es viele Rätsel, die Wissenschaftler klären wollen.
Wie wurde Ötzi gefunden?
Ein Irrweg erwies sich als Glücksfall: Das Ehepaar Helmut und Erika Simon war beim Abstieg im österreichisch-italienischen Grenzgebiet leicht vom Weg abgekommen. In einer Mulde entdeckten die beiden Nürnberger die Mumie.
Erste Schätzungen vor Ort gingen von einem Alter von vielleicht Dutzenden bis Hunderten Jahren aus. „Der Mann wurde im Stundentakt älter“, sagt der damalige Söldener Bürgermeister Ernst Schöpf. In der Gerichtsmedizin in Innsbruck wurden Leiche und Ausrüstung analysiert, darunter ein erstklassiges Kupferbeil, ein unfertiger Bogen und eine Art Dolch. So wurde Ötzis sensationelles Alter ermittelt.

Erika Simon blickt in die Kamera. Sie hat zusammen mit ihrem Mann Helmut die Gletschermumie Ötzi gefunden. Ötzi starb vor rund 5.300 Jahren an den Folgen eines Pfeilschusses.
Matthias Röder/dpaWas waren die Konsequenzen?
Als die „Tagesschau“ die Meldung über den Fund brachte, war bei den Simons „die Hölle los“, erinnert sich Erika Simon. Sie und ihr Mann wurden von Medien bestürmt. „Es war so schlimm, dass wir nicht mehr ans Telefon gegangen sind“, erzählzt die heute 86-Jährige.
Auch rechtlich hatte die Alters-Einschätzung Konsequenzen: Der damalige Richter Günther Böhler verzichtete auf die Anordnung einer Obduktion. „Es war klar, dass es keinen Täter gab, gegen den noch ermittelt werden konnte“, erklärt Böhler.
Wie ging es weiter?
Der kostbare Fund wurde fast sieben Jahre lang in der Anatomie in Innsbruck unter Bedingungen wie im Eis am Fundort gelagert: bei minus 6 Grad und sehr hoher Luftfeuchtigkeit. Es galt, die nur 13,3 Kilogramm schwere Leiche so perfekt wie möglich zu erhalten. Einmal im Monat wurde Ötzi kurz untersucht.
Innsbruck blieb jedoch nur eine Zwischenstation. Nachdem Vermessungen ergeben hatten, dass die Fundstelle rund 92 Meter südlich der österreichischen Grenze auf italienischem, genauer Südtiroler Gebiet lag, wurde Ötzi im Januar 1998 unter strengen Sicherheitsvorkehrungen von Innsbruck nach Bozen überführt.
Dort wurde die Mumie im eigens eingerichteten Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen aufbewahrt und ab März 1998 öffentlich ausgestellt. Der Gletschermann ist seitdem in einer Kühlkammer hinter Glas und in Schummerlicht zu sehen.

Gletscher-Mumie Ötzi in der Bozener Kältekammer.
ImagoMiSWas passierte vor 5300 Jahren?
Für Kriminalexperten ist die tiefe Wunde Ötzis zwischen Daumen und Zeigefinger ein wichtiger Anhaltspunkt. „Eine typische Wunde durch eine aktive Abwehrbewegung“, erläutert der Gerichtsmediziner Oliver Peschel, der mit dem Profiler Alexander Horn den „Cold Case“ analysiert hat.
Die Verletzung sei - ablesbar an den begonnenen Heilungsprozessen - etwa zwei Tage vor Ötzis Tod entstanden. Die Auseinandersetzung scheine Ötzi aber sonst unbeschadet und vor allem unbesorgt überstanden zu haben, führt Peschel weiter aus. Denn Ötzis Bogen war nicht einsatzbereit, und nur zwei seiner Pfeile waren mit einer Spitze versehen, als er von einem Pfeilschuss in die Schulter getroffen wurde. Ötzi verblutete.

Am Fundort der Gletschermumie beschreiben die Kriminalisten Oliver Peschel (li.) und Alexander Horn den wahrscheinlichen Tathergang.
Matthias Röder/dpaWie sah Ötzi aus?
Ötzi hatte der Gen-Analyse zufolge recht dunkle Haut – wesentlich dunkler als der Teint heutiger Südeuropäer. Die Färbung der Mumienhaut geht laut Studie nicht auf ein Nachdunkeln über die Jahrtausende im Eis zurück.
Auch der Umstand, dass an der Mumie kaum Kopfhaar gefunden wurde, ist offenbar nicht durch diese Lagerung verursacht worden. Stattdessen neigte der ursprünglich dunkeläugige und schwarzhaarige Ötzi genetisch bedingt stark zu Haarausfall und hatte wohl eine fortgeschrittene Glatze.
Nicht nur Ötzi sah anders aus als bisher angenommen wurde. Auch die alpenländische Bergwelt, durch die der Steinzeitmensch vor rund 5300 Jahren kraxelte, war weit weniger mit Eis und Gletschern bedeckt als heute. Das belegen Eisbohrkern-Analysen an der 3518 Meter hohen Weißseespitze im Tiroler Kaunertal in den Ötztaler Alpen, die Forscher ausgewertetenneun Prozent des Genoms stammen von europäischen Wildbeutern.

Eine Nahaufnahme des Kopfes der 5300 Jahre alten Gletscherleiche im Archäologischen Museum in Bozen (undatiertes Archivfoto).
Südtiroler Museum/dpaWieso war die Leiche so perfekt konserviert?
Der Tote sei wohl auf einer meterhohen Schneeschicht gestorben und dann bis auf einen mächtigen Stein am Boden abgesunken, konstatiert der Glaziologe Georg Kaser. Zum Glück für die Wissenschaft habe die Leiche im Randbereich eines Gletschers gelegen und sei nie von einem Eisstrom erfasst worden.
Sie sei über 1500 Jahre immer wieder abwechselnd Eis, Wasser und Sonne ausgesetzt gewesen, was ihr Gewebe wachsartig werden ließ. Die folgenden 3800 Jahre lag Ötzi laut Kaser in einer Eiskapsel.
Wann begannen die Ostalpen zu vereisen?
Demnach vereiste die zwölf Kilometer entfernte Weißseespitze erstmals vor rund 5900 Jahren. Ötzi lebte vor rund 5300 Jahren. Das Tisenjoch, eine Senke des Schnalskamms zwischen der Fineilspitze und dem Similaun, verbindet das Schnalstal mit dem Ötztal. Der Fundort liegt rund 300 Meter tiefer als der Gipfel der Weißseespitze.
Ob Ötzi im Eis starb oder erst später davon umschlossen wurde, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Das dortige Eis wurde nie datiert und ist inzwischen geschmolzen. Womöglich vereiste dieses tiefer gelegene Gebiet erst Jahrhunderte später und war damit zu Ötzis Todeszeitpunkt eisfrei.

Die Fundstelle Ötzis am Hauslabjoch inmitten der Ötztaler Bergwelt im Winter.
Imago/SüdtirolfotoWas macht Ötzi so kostbar?
Es gibt aus der Zeit praktisch keine vergleichbare Mumie. Ötzis Körper wurde hundertfach untersucht. Forscher fanden in seinem Magen DNA von einem Steinbock und Pollen von der Hopfenbuche. Es entstand das Bild eines zwar von Rheuma und Gallensteinen geplagten, aber sonst recht fitten Bauern, der wohl häufig auf die Jagd ging.
Seine umfangreiche Ausrüstung von den Waffen über einen Zunderschwamm zum Feuermachen und die Kleidung - die aufwendigen Schuhe waren unter anderem aus Bärenleder - zeigt das Überlebenspaket eines Menschen der Jungsteinzeit im Hochgebirge.
Wer waren Ötzis Vorfahren?
Mittlerweile weiß man sehr viel über den Gletschermann – etwa seine Blutgruppe, seine Augenfarbe und dass er tätowiert war. Die Sequenzierung des Erbguts zeigt, dass das Genom von Ötzi zu mehr als 91 Prozent von anatolischen Zuwanderern stammt, wie eine Studie von 2023 nachgewiesen hat. Der Mann aus dem Eis hatte demzufolge einen dunkleren Hauttyp als heutige Europäer und obendrein wohl einen Hang zur Glatze.
Diese frühen Ackerbauern kamen ab vor etwa 9000 Jahren aus dem Nahen Osten und brachten die bis dahin unbekannte Landwirtschaft nach Europa. Die Ahnenlinie des Mannes vom Hauslabjoch, der um 3250 v. Chr. im Ötztal in den Tiroler Alpen lebte und dessen Todeszeitpunkt auf das Jahr 3258 +/- v. Chr. datiert wird, reicht demnach direkt zurück zu jenen ersten Bauern, die vor etwa 8000 bis 9000 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa kamen.

Eine Frau, die am Berg wandert, betrachtet die Gedenkstelle zum Ötzi-Fund.
Matthias Röder/dpaWelche These scheint widerlegt?
Dass die insgesamt 61 Tätowierungen, die bei Ötzi entdeckt wurden, mit Akupunktur-Linien korrespondieren. Zumindest der Mikrobiologe Frank Maixner vom Institut für Mumienforschung in Bozen sagt, dass die behaupteten Übereinstimmungen nicht signifikant seien. Es seien bei den Tattoos jeweils kleine Holzkohlestücke durch Schnitte ins Gewebe eingearbeitet worden. Das spreche eher für eine Behandlung von Schmerz durch Schmerz.
Welche Aufgaben sieht die Wissenschaft?
Maixner war es jüngst gelungen, vier kälteliebende Hefetypen unter anderem im Magen nachzuweisen. Auf der Ebene der Mikroorganismen gebe es noch Leben. Ötzi sei kein „statisches Relikt“, betont der Forscher. Die große Hoffnung sei, dass künftige Analysen noch deutlich genauer über den Menschen und die Zeit aufklärten. „Jede Generation hat neue Methoden“, sagt Maixner. Daher sei aktuell die zentrale Frage, wie die Mumie optimal konserviert werden könne.

Ein Stein markiert den Weg zur Fundstelle der Gletschermumie Ötzi.
Matthias Röder/dpaWas bedeutet Ötzi für die Region?
Mehrere Hunderttausend Besucher zählt das Museum in Bozen jährlich. In den nächsten Jahren soll ein größerer Ausstellungsort für Ötzi entstehen. Im Ötztal, das sich der Werbewirkung durchaus bewusst ist, entstand in Umhausen ein Freilichtpark über das Leben in der Bronzezeit. Im italienischen Schnalstal, wo Ötzi nach Analysen gelebt haben könnte, informiert der Archeoparc im Museum und mit seinem Freigelände über den Mann aus dem Eis. (dpa/Matthias Röder)
