Bären-Attacken: Wieder Aufregung um Trentiner Bären

Die überdimensionierte Stroh-Skulptur eines Bären in Trentino.
IMAGO/Oryk HAISTDie erste der drei jüngsten Begegnungen mit Bären in der norditalienischen Provinz verlief glimpflich: Eine Schweizer Touristin mit drei Kindern wurde am 10. Juli am Ufer des Molvenosees von einer Bärenmutter überrascht. Als sich die Frau umdrehte, um ihre Kindern zu schützen, ging die Bärin auf sie zu und berührte sie am Hemd. Danach entfernte sich das Raubtier mit dem Jungen. Am Dienstag dieser Woche fiel eine Bärin einen französischer Jogger am Gardasee an und an. Er wurde mit dem Hubschrauber in das Spital von Trento geflogen, schwebte aber nicht in Lebensgefahr. Und einen Tag später wurde ein Mountainbike-Fahrer in der Gemeinde Vallelaghi von einem Bären verfolgt; er kam mit einem Schrecken davon.
Die Übeltäterin, die den Franzosen angegriffen und verletzt hatte, konnte inzwischen anhand von DNA-Spuren identifiziert werden: Es handelte sich um die Bärin KJ1, die gerade drei Junge hat; mit einem Alter von 22 Jahren ist sie das älteste Exemplar der Bärenpopulation im Trentino. Provinzpräsident Maurizio Fugatti, Mitglied der rechtspopulistischen Lega, hat umgehend ihre „Entnahme“ – den Abschuss – angeordnet. Es handle sich um ein Tier, das sich schon früher in die Nähe menschlicher Siedlungen begeben habe und mit ihren Jungen ein aggressives Verhalten an den Tag lege, begründete Fugatti die Maßnahme. Tierschützer haben gegen seinen Beschluss Beschwerde beim Verwaltungsgericht eingereicht, womit ein Abschuss erst einmal unmöglich ist.
Debatte um Umgang mit den Bären
Die drei Zwischenfälle haben im Trentino die Debatte über den Umgang mit den Bären neu angefacht. Die Gemüter hatten sich seit dem April 2023, als ein 26-jähriger Jogger im Val di Sole von einer Bärenmutter getötet worden war, nie ganz beruhigt. Viele Einheimische fühlen sich vom Staat im Stich gelassen - zumal nicht einmal die Bärin JJ4, die den Jogger getötet hatte, wegen Einsprüchen von Tierschützern abgeschossen werden konnte. Die neuen Nah-Begegnungen mit Bären hat sie in ihrer Meinung bestärkt, dass die Bärenpopulation inzwischen zu groß sei. Im Trentino leben 100 bis 120 dieser größten Landraubtiere Europas. Im Rahmen des zur Jahrtausendwende gestarteten Wiederansiedlungsprojektes „Live Ursus“ war ein Bestand von „mindestens 50“ angestrebt worden.
Provinzpräsident Fugatti hatte im vergangenen März eine Weisung erlassen, die es der Forstpolizei erlaubt, pro Jahr bis zu acht „Problembären“ abzuschießen. Auch dieser Beschluss wurde sofort juristisch angefochten und blieb deshalb ohne Folgen. Statt problematische Tiere abzuschießen, müssten die Behörden die Bären genauer überwachen und – falls in einem Gebiet eine Bärenmutter mit Jungen festgestellt werde – die Wanderwege vorübergehend sperren, betonen die Tierschützer. Außerdem müssten Einheimische und Touristen instruiert werden, wie sie sich im Falle einer Begegnung mit einem Bären verhalten sollen.
Wilderer üben Selbstjustiz
Inzwischen haben einzelne Trentiner zur Selbstjustiz gegriffen. Wie die Staatsanwaltschaft bestätigte, sind mindestens zwei von den sieben Bären, die in den letzten zwei Jahren tot aufgefunden wurden, von Wilderern getötet worden. MJ5 wurde mit einer Schusswaffe erlegt, F36 fiel wohl einem Giftköder zum Opfer. Sie seien „Opfer eines von der Politik geschaffenen Klimas des Hasses geworden. Das Töten von Bären ist ein feiger und barbarischer Akt, der zudem illegal ist“, betont Massimo Vitturi von der Tierschutzorganisation LAV.
Pragmatische Stimmen warnen, dass es unausweichlich zu Wilderei kommen werde, wenn der behördlich verfügte Abschuss von Problembären nicht möglich sei. Oder anders gesagt: Die Tierschützer leisten den Bären möglicherweise einen Bärendienst.