Blaupause aus der Geschichte: Wie Europa wehrhaft werden könnte

Bedauerte das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft 1954: Bundeskanzler Konrad Adenauer.
imago/United Archives InternationalNach 1945 sortierte sich die Welt neu – so wie dieser Tage wieder. Die Westmächte hatten damals gemeinsam mit der Sowjetunion Hitler-Deutschland besiegt. Aber diese Allianz zerbrach nach dem Krieg. Europa lag in Trümmern und stand vor der Frage, wie es sich im aufkeimenden Ost-West-Konflikt behaupten kann.
In Amerika flammten Diskussionen auf, ob die Hilfe beim Wiederaufbau und bei der Verteidigung des alten Kontinents auf Dauer nicht zu teuer käme. Diesseits des Atlantiks gab es zudem viele, die sich auf Dauer keiner US-Dominanz beugen wollten.
Mit dem Ausbruch des Korea-Kriegs 1950 verschärfte sich die Konfrontation zwischen dem russisch dominierten Osten und der westlichen Welt. Die ein Jahr zuvor gegründete Nato war erst im Entstehen, das entmilitarisierte Deutschland noch ausgeschlossen.
Am 24. Oktober 1950 präsentierte der damalige französische Ministerpräsident René Pleven eine Idee, wie Europa wieder wehrhaft werden könnte: Der nach ihm benannte Plan sah vor, „zum Zwecke der gemeinsamen Verteidigung eine europäische Armee zu schaffen“. Auch deutsche Soldaten sollten ihr angehören. Der multinationalen Truppe sollte ein europäischer Verteidigungsminister vorstehen, der einem noch nicht existenten Europa-Parlament verantwortlich sein sollte.
Konrad Adenauer, Bundeskanzler in Westdeutschland, hatte schon zwei Monate zuvor in einem geheimen Memorandum an die Alliierten angeboten, ein deutsches Kontingent im Rahmen einer westeuropäischen Armee bereitzustellen. Das hatte auch der britische Premier Winston Churchill vorgeschlagen. In der Bundesrepublik waren diese Vorstöße für eine Wiederbewaffnung freilich äußerst umstritten.
Die Franzosen wollten mit dem Pleven-Plan den Aufbau einer eigenen deutschen Armee verhindern und eine französische Vorherrschaft über gemeinsame Streitkräfte sichern. Einen Beitritt der Bundesrepublik zur Nato hatte Pleven kategorisch ausgeschlossen. „Der Pleven-Plan enthielt eine Reihe von Diskriminationen der Deutschen“, erklärt der Historiker Wilfried Loth. Die Initiative wurde von den Vereinigten Staaten jedoch begrüßt. Aus Moskau kam massiver Protest.
1951 beriet in Paris das ganze Jahr hindurch eine „Konferenz über die Europa-Armee“, wie der Pleven-Plan Realität werden könnte. Von Juli 1951 an sprachen die Beteiligten konkret von einer „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ (EVG). Für Bundeskanzler Adenauer erschien dies „die im Augenblick vollkommenste Form, um die westeuropäische Einheit innerhalb der freien Welt festigen zu können“, so das Fazit des Historikers Thilo Vogelsang.
Im Vertrag von Paris wurde dieser neue Militärpakt am 26./27. Mai 1952 offiziell begründet. Geplant war eine gemeinsame europäische Streitmacht von insgesamt 40 Divisionen, denen jeweils 13 000 Soldaten angehören sollten – mithin eine Armee von 520 000 Mann. Zwölf Divisionen sollten die Deutschen stellen, 14 die Franzosen. Frankreich wurde aber zugestanden, dass es unabhängig davon noch eigene Streitkräfte unterhält, Deutschland nicht.
Die Wiederbewaffnung und Westintegration stießen in Deutschland auf Widerstand. Der Bundestag befürwortete im November 1950 den Pleven-Plan – gegen die Stimmen der SPD. Belgien, Deutschland, Luxemburg und die Niederlande ratifizierten den EVG-Vertrag – doch in Frankreich mehrten sich kritische Stimmen. Historiker Loth fasst es so zusammen: „Die Furcht vor einer deutschen Dominanz wurde umso stärker, als sich das EVG-Projekt von einem Instrument zur Eindämmung des deutschen Wiederaufstiegs zum Garanten künftiger deutscher Gleichberechtigung entwickelt hatte“.
Churchill und die Briten erklärten sich zwar zu einer engen militärischen Zusammenarbeit mit der EVG bereit, wollten aber nicht unmittelbar beteiligt sein. Die USA hofften, starke europäische Streitkräfte könnten eines Tages eine massive (und immens teure) Präsenz amerikanischer Truppen auf europäischem Boden überflüssig machen.
Das Projekt scheiterte schließlich an der französischen Nationalversammlung. Dort verhinderten die Gegner eine Abstimmung über den EVG-Vertrag. Rechte und Linke stimmten daraufhin die Marseillaise an. Aus den Reihen der EVG-Befürworter ertönten Protestrufe: „Moskau, Moskau“. Den Russen kam das französische Veto in der Tat gelegen.
Ein Jahr später wurde die Bundesrepublik in die Nato aufgenommen und erlangte ihre Souveränität. Das westliche Lager konsolidierte sich auf neuer Grundlage. Am 12. November 1955 wurden die ersten 101 Freiwilligen der neuen Bundeswehr vereidigt.
„Nirgendwo ging die Enttäuschung über das Pariser Non (zur EVG) so tief wie in Bonn“, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler in seiner „Geschichte des Westens“. Adenauer nannte das Scheitern einer multinationalen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in seinen Memoiren einen „schwarzen Tag für Europa“. In einem Interview mit dem Journalisten Günter Gaus, der damals Programmdirektor beim Südwestfunk war, sagte der Altkanzler 1965, das missglückte Projekt einer militärischen Kooperation sei die „bitterste Enttäuschung“ seiner Regierungszeit gewesen – er sprach vom „größten Rückschlag für die gesamte deutsche Politik“ in den Jahren seiner Kanzlerschaft. Adenauer bemerkte zum Rückzieher der Franzosen: „Das war ein furchtbarer Schlag.“
