Bodenschätze in der Tiefsee
: Rettet die Manganknolle!

Weitgehend unbemerkt hat ein Wettlauf begonnen: In den Tiefen der Ozeane lagern wertvolle Rohstoffe – und die Gier wächst, sie zu heben, kommentiert Rainer Pörtner.
Kommentar von
Rainer Pörtner
Stuttgart
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Eine Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover hält eine Manganknolle in der Hand. Der rote Punkt markiert die Oberseite der Knolle.

dpa

Sie sehen aus wie schlecht geformte Grillbriketts oder wie verschrumpelte Kartoffeln. Mal sind sie groß wie ein Golfball, mal wie eine menschliche Hand, andere sind noch größer. Einige sind erdbraun, andere schillern bläulich-schwarz. Schön sind sie nicht, aber von großem Wert. Die metallischen Klumpen sind voller wirtschaftlich interessanter Rohstoffe: Nickel, Kupfer, Kobalt, Mangan und Seltene Erden.

Viele Millionen dieser Manganknollen liegen in 3000 bis 6000 Metern Tiefe auf dem Meeresboden, als seien sie dorthin gesunken und einfach liegen geblieben. Tatsächlich sind diese Ansammlungen von Metallen, die durch Erosion ins Meer getragen wurden oder aus vulkanischen Zonen unter dem Wasser stammen, über eine unglaublich lange Zeit ganz langsam gewachsen. Eine Million Jahre vergehen, bis sie um wenige Millimeter größer geworden sind.

Gemeinsames Erbe der Menschheit

Auf der Liste menschlicher Begehrlichkeiten steigen die Manganknollen gerade mit großem Tempo nach oben. Um Computerchips, Elektromotoren oder Kampfjets zu bauen, braucht es viele Mineralien – und oft gerade solche, die bisher sehr begrenzt zur Verfügung stehen. Die Rohstoffsucht des Menschen wird immer größer, der Kampf um die begrenzten Ressourcen immer härter.

Bisher sind die Böden der Ozeane der letzte große Erdteil, der vom Menschen noch nicht auf der Suche nach Rohstoffen umgepflügt wurde. Aber das ändert sich gerade. Weitgehend unbemerkt hat ein Wettlauf um die Ausbeutung dieser Tiefseeschätze begonnen.

Donald Trump macht seine eigenen Regeln

Wieder einmal ist es Donald Trump, der sich über bisher gültige Regeln hinwegsetzt und eine fatale Dynamik in Gang bringt. Im April dieses Jahres wies der US-Präsident die Behörden seines Landes an, möglichst schnell Lizenzen an Firmen zu vergeben, die in amerikanischen, aber auch internationalen Gewässern strategisch wichtige Rohstoffe am Meeresboden fördern wollen.

Was erst einmal unspektakulär klingt, ist brisant. In der Weltgemeinschaft gab es bisher einen sehr breiten Konsens, dass die Tiefseevorkommen keiner Firma und keinem Staat gehören, sondern ein gemeinsames Erbe der Menschheit sind.

Um die Schätze der Ozeane vor Spekulanten und gierigen Nationen zu schützen, wurde bereits 1994 die ISA gegründet, die „International Seabed Authority“ mit Sitz in Jamaika. Sie allein darf Lizenzen für die Erforschung und Ausbeutung des Meeresbodens in internationalen Gewässern erteilen. Rechtsgrundlage ist das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. 170 Staaten haben den Vertrag ratifiziert. Die USA allerdings sind nicht dabei.

„The New Gold Rush“

Bisher hat die ISA keine Lizenz für Tiefseebergbau vergeben. Es gibt nur einige Genehmigungen zur Erkundung der Lagerstätten. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird in der ISA an einem Regelwerk für den Tiefseebergbau gearbeitet – bisher ohne Verständigung. Vor wenigen Tagen erst ging wieder eine Verhandlungsrunde ohne Einigung zu Ende. Eine Gruppe von Ländern, zu denen auch Deutschland gehört, plädiert sogar für ein Einfrieren der Verhandlungen, bis mehr Klarheit über die Risiken des Bergbaus am Meeresboden herrscht.

Die USA könnten mit ihrem Vorpreschen das gesamte multilaterale System des Meeresboden-Schutzes torpedieren. Wenn der mächtigste Staat der Welt eigenhändig Firmen die Ausbeutung der Tiefsee erlaubt, werden sich viele andere Staaten fragen, warum sie eigentlich noch warten sollen. Vor allem China, der strategische Rivale der USA, wird sich das überlegen. Warum sollten sie den Amerikanern beim „New Gold Rush“ den Vortritt lassen?

Zerstörte Ökosysteme in der Tiefsee

Um Manganknollen einzusammeln, bewegen sich große Maschinen über dem Meeresboden. Sie saugen die Knollen auf, zerstören dabei den umgebenden Lebensraum. Die Risiken, dass durch die aufgewirbelten Sedimente die Ökosysteme in der Tiefsee auf Jahrzehnte, wenn nicht auf immer geschädigt werden, ist groß. Zwei neue Studien haben gerade belegt, dass Fische und Meeressäugetiere, die sich mit Tönen verständigen, durch die Geräusche der Schürfmaschinen empfindlich gestört würden – und das über Hunderte von Kilometern hinweg.

Neben den ökologischen Bedenken gibt es große Zweifel, ob der Tiefseebergbau wirtschaftlich überhaupt Sinn macht. Schon die Kosten des Einsammelns der Manganknollen sind hoch, aber noch viel teurer ist die Aufarbeitung der Klumpen und das Heraussortieren der einzelnen Metalle.

Die große Zahl der Einwände und Bedenken wird Donald Trump nicht beeindrucken. Aber wenigstens der Rest der Menschheit sollte weiter Vernunft zeigen und den Meeresboden vor rücksichtsloser Ausbeutung schützen. Er ist einer wenigen unberührten Schätze, den die Menschheit noch hat.

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