Debatte um Enteignungen: Pantisano, Schwerdtner & Co.: Hatte Karl Marx am Ende doch recht?

Karl Marx auf einem Wandbild als Flaschensammler an der ehemaligen DDR-Grenzmauer an der Mühlenstraße in Berlin-Friedrichshain (Archivfoto).
Imago/Hohlfeld- Streit in Berlin um Enteignungen von Wohnungskonzernen – Fokus auf bezahlbare Mieten.
- Linken-Chef Luigi Pantisano fordert Vergesellschaftung, er beruft sich auf den Bürgerwillen.
- Ines Schwerdtner knüpft Regierungsbeteiligung in Berlin an Enteignungen von Großvermietern.
- Bundesregierung kündigte Anfang Juli an, Vergesellschaftungen per Bundesgesetz zu stoppen.
- Debatte wird mit Verweisen auf Marx geführt, dessen Analysen und Prognosen zitiert werden.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Gegen eine ideologische Vereinnahmung durch andere hat sich Karl Marx (1818-1883) stets gewehrt. Als er einmal erfuhr, dass sich eine neue Partei in Frankreich als „marxistisch“ bezeichnete, erwiderte er: „Was mich betrifft, ich bin kein Marxist!“
„Karl der Große“ würde sich im Grabe umdrehen
143 Jahre nach seinem Tod würde sich „Karl der Große“ im Grabe umdrehen, müsste er das heutige linke Treiben mitansehen. In seinem Namen wurde debattiert, revolutioniert und massakriert. Marxisten, Trotzkisten, Maoisten, Sozialisten, Kommunisten - sie alle schufen Höllenkreise auf Erden, um das kommunistische Paradies zu verwirklichen.
Geblieben ist vom Traum proletarischer Egalität nur die Erinnerung an das Scheitern der Marxschen Visionen angesichts der geschichtlichen Realität. Und eine heutige Linke, die aus Salon-Sozialisten, Lifestyle-Revolutionären und Wokeness-Kulturkämpfern reüssiert.

Porträt von Karl Marx, fotografiert von John Jabez Edwin Mayall im Jahre 1875 in London.
Imago/ImagebrokerDie Proletarier von einst sind die Wohlstands-Zöglinge von heute
„Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Mit diesem wuchtigen Satz endet „Das Manifest der Kommunistischen Partei“, jenes legendäre programmatische Pamphlet, das Karl Marx und Friedrich Engels am 21. Februar 1848 veröffentlichten und das Europas Herrschende in Angst und Schrecken versetzte.
Um ihre „Ketten“ zu sprengen, haben Proletarier seitdem viel Prügel einstecken, karge Kerkerhaft ertragen und Ströme von Blut vergießen müssen. Heute begnügen sich die Ururenkel der Revolution mit Graffiti-Schmierereien, Anschlägen auf das Stromnetz und weltfremdem Palaver. Nicht mehr die Proletarier aller Länder vereinigen sich, sondern die Wohlstands-Zöglinge aus behüteten, gutbürgerlichen Elternhäusern.
Liest man Karl Marx im Original - etwa sein dreibändiges Hauptwerk „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ - was keine leichte, aber lohnende Aufgabe ist -, so stellt man fest, dass dieser visionäre Philosoph, Ökonom und Gesellschaftstheoretiker all diese Entwicklungen vorausgesehen hat. Wenn Ideologen das Sein und mit ihm das Bewusstsein bestimmen, kann aus der erträumten Gleichheit der Massen nur die Herrschaft der Wenigen über das namenlose Heer der verelendeten Vielen werden.

Titelblatt der Originalausgabe des ersten Bandes "Das Kapital" von 1867.
Imago/ImagebrokerMarx’ klassenlose Gesellschaft ist ein Traum geblieben
Marx’ provokanteste These ist, dass der Kapitalismus früher oder später an sich selbst zugrunde geht. Dies war für ihn ein „Naturgesetz“. Seine Argumentation geht ungefähr so: Die Unternehmer befinden sich in einem fortwährenden, mörderischen Konkurrenzkampf gegeneinander und müssen ihre Waren deshalb immer billiger herstellen.

Auf dem Weg zum kommunistischen Paradies: Arbeitsalltag im Bergbau in der DDR ( Archivfoto von 1975).
Imago/Eberhard ThonfeldMit der Zeit gehen mehr und mehr Wettbewerber pleite, übrig bleiben wenige, aber dafür riesengroße Konzerne. Gleichzeitig wächst das Heer der schlecht bezahlten oder arbeitslosen Proletarier. Irgendwann kippt das System– die Revolution bricht aus, der Kommunismus ist da. Notfalls soll eine „Diktatur des Proletariats“ nachhelfen, bis der Wechsel zur „klassenlosen Gesellschaft“ vollzogen ist.
Marx selbst rechnete damit, dass der Übergang zum Kommunismus in den hoch entwickelten Industrieländern seiner Zeit – das waren vor allem Großbritannien und Belgien – bald bevorstand. Bekanntlich ist es dann doch alles anders gekommen.
Marx ist noch immer brandaktuell
Zutreffend war in jedem Fall Marx’ Prognose, wonach der Kapitalismus zur Konzentration neigt, zur Herausbildung einiger weniger weltumspannender Unternehmen. Die von Marx angestrebte Verstaatlichung der Produktionsmittel sei gerade in der heutigen Weltwirtschaft jedoch kaum möglich, urteilt Theocharis Grigoriadis, Spezialist für Volkswirtschaftslehre Osteuropas an der Freien Universität Berlin. „Sie könnte zu großen Erschütterungen führen.“
Marx war übrigens alles andere als ein Dogmatiker. Bis zuletzt hatte er auch den schon erschienenen ersten Band des „Kapitals“ immer wieder umgeschrieben. An den heutigen Debatten hätte er sich sicher beteiligt – leidenschaftlich, spöttisch und polemisch, so wie es seine Art war.

Die angeblich größte Marx-Porträtbüste der Welt, gestaltet in sozialistischer Manier vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel (1917-2003), in Chemnitz (historische Aufnahme aus dem Jahr 2009).
Imago/epdBezahlbarer Wohnraum statt sozialistisches Utopia
In diesen ungewissen Zeiten werden die gescheiterten Rezepte des real existierenden Sozialismus wieder aus der Mottenkiste der Geschichte hervorgekramt. Dabei geht es nicht mehr um ein sozialistisches Utopia - wobei Marx selbst wohl eher ein Dystopist als ein Utopist war -, sondern um weit bescheidenere Zeile - konkret um bezahlbaren Wohnraum in Berlin.

Darum geht es vor allem im Berliner Wahlkampf: um bezahlbare Mieten - wie hier in der Gropiusstadt im Berliner Stadtteil Neukölln.
Imago/SchöningLinken-Chef Luigi Pantisano pocht im Wahlkampf auf die Enteignung großer Wohnungskonzerne. Die Berliner Bürger hätten entschieden, dass sie das wollten, „und diesen Auftrag nehmen wir mit“, betonte Pantisano am Sonntag (9. August) im Sommerinterview der ZDF-Sendung „Berlin direkt“.

Hoch über den Nobeldächern von Stuttgart über die Revolution reden: Auf diesem vom ZDF zur Verfügung gestellten Foto spricht Luigi Pantisano (re.), Bundesvorsitzender der Partei Die Linke, beim ZDF-Sommerinterview mit Moderatorin Diana Zimmermann.
Alexander Dietrich/ZDF/dpaGroßen Konzernen wie Vonovia und Deutsche Wohnen gehe es nicht darum, bezahlbaren Wohnraum für Menschen zur Verfügung zu stellen, sondern Rendite zu erwirtschaften, erklärt Pantisano . „Wir wollen, dass die Mieten, wo die Menschen heute leben, wieder sinken“, fordert der Linken-Chef. „Ich finde, das muss ein Ende haben, dass die Menschen, die jeden Tag arbeiten gehen, die Hälfte des Monats für die Aktionäre von Vonovia arbeiten gehen.“
Einmal in Fahrt phantasiert der sozialistische Architekt Pantisano über den Sturz des Kapitalismus und den Umbau von Ökonomie und Gesellschaft. Autowerke, die von der Schließung bedroht seien, könnten nebst Wohnungen gleich „mitvergesellschaftet“ werden, um Industriearbeitsplätze zu erhalten.
Bundesregierung will Enteignungen verbieten
Auch die Co-Bundesvorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, hat die Enteignung von Wohnungskonzernen zur Bedingung für eine Regierungsbeteiligung der Linken in Berlin gemacht. In den neuesten Wahlumfragen führt derzeit die Linkspartei knapp vor der CDU, gefolgt von AfD und Grünen, die SPD liegt abgeschlagen auf dem fünften Platz.

Ines Schwerdtner, Bundesvorsitzende der Partei „Die Linke“, sitzt am 12. Juli 2026 vor dem ARD-Sommerinterview für die Sendung „Bericht aus Berlin" im Hauptstadtstudio.
Carsten Koall/dpaErst Anfang Juli hatte die schwarz-rote Bundesregierung angekündigt, den seit Jahren vor allem von der Linkspartei propagierten Überlegungen zur Enteignung von Konzernen mit großen Mietwohnungsbeständen endgültig einen Riegel vorschieben.
„Um den privaten Wohnungsbau nicht zu gefährden, wird durch Bundesgesetz geregelt, dass die Verstaatlichung privater Mietwohnungsbestände durch Vergesellschaftungsgesetze auf Landesebene nicht mehr möglich ist“, heißt es in den Beschlüssen des Koalitionsausschusses.
„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“
Auch die verfassungsrechtlichen Hürden spielen für Pantisano & Co. offenbar keine Rolle. Schließlich ist Wahlkampf. Um unentschlossene Wähler zu überzeugen, ist jedes (populistische) Versprechen recht.
Egal, wie realistisch seine Umsetzung ist. Nach der Wahl zum 20. Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September werden die Karten ohnehin neu gemischt. Und dann gilt ein Ausspruch, der dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer (unbelegt) zugeschrieben wird: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“
