Geld und Finanzen
: Europa braucht ein eigenes Paypal

Die Finanzwelt wird von den USA beherrscht. Es ist Zeit, dass sich die Europäer auch hier Autonomie zurückerobern, kommentiert Rainer Pörtner.
Kommentar von
Rainer Pörtner
Stuttgart
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Rund 35 Millionen Kunden hat der amerikanische Zahlungsdienstleister Paypal in Deutschland.

dpa /Sebastian Kahnert

Es war ein hell leuchtendes Alarmzeichen, als Paypal vor wenigen Wochen gleich doppelt in die Schlagzeilen kam. Zunächst bot ein Hacker im Darknet die Zugangsdaten von Millionen Konten des amerikanischen Anbieters von digitalen Bezahldiensten feil. Dann fiel ein wichtiges Sicherheitssystem bei Paypal aus. Als deutsche Banken die Panne bemerkten, stoppten sie die Abwicklung von Paypal-Lastschriften in Milliarden-Höhe. Händler mussten auf ihr Geld warten, Waren kamen erst verspätet bei den Kunden an.

„Das Thema Zahlungsverkehr ist auf Partys so sexy wie Fußpilz“ schrieb ein Kollege von SpiegelOnline vor kurzem. Mag sein. Sollte aber nicht so sein. Hier geht es um jedermanns Alltag. Die Datenpannen von Paypal, das 35 Millionen Menschen in Deutschland nutzen, haben gerade erst unterstrichen, wie sehr die Amerikaner die internationale Finanzarchitektur beherrschen – und wie abhängig Europa von den USA ist.

Unschätzbar wertvolle Daten

Der US-Dollar ist weiterhin die Leitwährung der Welt. Das verschafft Washington nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch geopolitischen Einfluss. New York ist der Börsenplatz Nummer Eins. Die USA sind der goldene Hafen für Kryptowährungen.

Auch bei den Zahlungsdienstleistern kommt kaum jemand an ihnen vorbei. In Deutschland werden heute rund dreißig Prozent des Onlinehandels über Paypal abgewickelt. Berücksichtigt man dazu den Anteil der Kreditkarten-Konzerne Visa und Mastercard, laufen mehr als vierzig Prozent aller E-Commerce-Umsätze über amerikanische Dienste. Immer mehr Menschen zahlen an der Supermarktkasse mit Apple Pay oder Google Pay. Die US-Konzerne wissen genau, welcher Kunde was kauft – das sind unschätzbar wertvolle Daten.

In einer guten Welt könnte man achselzuckend über diese Ansammlung von Wissen und Macht hinweggehen und fragen: Wo ist das Problem? Die Welt ist allerdings nicht gut, erst recht nicht mit Donald Trump als US-Präsident. Der Mann im Weißen Haus nutzt Schwächen und Abhängigkeiten von Rivalen skrupellos aus. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass er Europas Verwundbarkeit in den Finanz- und Datenströmen übersieht. Im Gegenteil: die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er bei günstiger Gelegenheit auf diesem Feld genauso erpresserisch vorgeht wie bei den Themen Verteidigung oder Energie. Würde Trump die US-Finanzdienstler zwingen, ihre Verbindungen nach Europa einzuschränken oder gar abzuschneiden, käme unsere Wirtschaft ins Trudeln.

Die EZB arbeitet am „digitalen Euro“

Um Europa in der Währungs- und Finanzpolitik unabhängiger von den USA zu machen, bieten sich vor allem drei konkrete Maßnahmen an.

Erstens: Der Euro kann zu einer echten Weltwährung werden. Um ihn attraktiver als den Dollar zu machen, müssen der europäische Kapitalmarkt, die europäische Bankenaufsicht und die europäische Finanzpolitik gemeinschaftlicher als bisher organisiert werden. Nationaler Egoismus steht dem bisher im Weg.

Zweitens: Die Europäische Zentralbank arbeitet bereits an einem „digitalen Euro“, der spätestens ab 2028 Geldscheine und Münzen als Zahlungsmittel ergänzen soll. Wenn immer weniger mit Bargeld bezahlt wird, könnte der „digitale Euro“ ein wichtiges Instrument sein, den Europäern mehr Kontrolle über digitale Zahlungen zu ermöglichen.

Der „Airbus-Moment“

Drittens: Europa braucht ein eigenes Paypal. In Spanien, Holland, Belgien oder Dänemark spielt der amerikanische Zahlungsdienstleister anders als in Deutschland nur eine Nebenrolle, weil es dort starke nationale Konkurrenten gibt. Mit dem Projekt „Wero“ wird gerade der Versuch gestartet, ein gesamteuropäisches Gegenstück zu Paypal aufzubauen. Bisher sind bei „Wero“ nur Echtzeitüberweisungen direkt von Konto zu Konto möglich. Noch in diesem Jahr sollen die Kunden aber auch im E-Commerce mit „Wero“ zahlen können. Das könnte der Durchbruch werden, wenn denn mehr Staaten und Banken als bisher mitziehen und die Kosten für die Onlineshops deutlich niedriger sind als bei der US-Konkurrenz.

Es gibt starke Bedenken und Einwände gegen diese Bemühungen, Europa in der globalen Finanzwelt besser aufzustellen. Viele Experten raunen, das Rennen gegen die USA sei bereits verloren.

So hieß es allerdings vor Jahrzehnten auch beim Kampf um die Lufthoheit im Flugzeugbau, bis sich Europa zusammenschloß und mit Airbus einen mindestens gleichgewichtigen Rivalen zu Boeing aufbaute. Jetzt braucht Europa auch in der Welt der Finanzen einen „Airbus-Moment“.

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