Korrespondent
: Schönster Beruf der Welt

Für Auslandskorrespondenten wird der Journalismus oft zu einem alltäglichen Abenteuer.
Von
Knut Krohn
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Unterwegs mit den Seenotrettern vor der Küste Libyens. Als Auslandskorrespondent muss man bisweilen über eine gewisse körperlich Grundhärte verfügen.

Krohn

Auslandskorrespondent ist ein Traumberuf – nicht immer, aber meistens. In einem fremden Land anzukommen, sich einzurichten, dort zu arbeiten, neue Freunde zu finden und auch beim Umzug alte Freunde loszulassen, ist jedes Mal ein kleines Abenteuer. Die Erfahrungen, die man dabei macht, sind natürlich abhängig von dem Land, aus dem man berichten darf. Das Moskau der 1990er Jahre, in dem ein rücksichtsloser Raubtierkapitalismus wütete, ist ein anderes Kaliber als das reiche Paris 2020.

Die erste Hürde ist die Wohnungssuche

Und doch gibt es viele Erfahrungen, die in jedem Land überraschend ähnlich sind. Das gilt vor allem für den Start in das neue Leben. Die erste Hürde ist die Wohnungssuche und sie gestaltet sich immer wie eine mittlere Katastrophe. An jeder Ecke lauern raffgierige Vermieter, die dem Fremden aus dem reichen Deutschland Unsummen für ein dunkles Loch in einem abgelegenen Mietshaus abknöpfen wollen. Auch der Kampf mit dem Tarifdschungel der Telefon- und Internetanbieter bietet Stoff für abendfüllende Erzählungen. Und wer Versicherungen abschließen oder ein Bankkonto einrichten will, erfährt leidvoll, dass man von einer Europäische Union ohne Grenzen und gemeinsamem Binnenmarkt noch Lichtjahre entfernt ist.

In dieser Phase melden sich dann auch oft Zweifel, ob es wirklich notwendig war, wieder einmal die Zelte abzubrechen und das alte Leben hinter sich zulassen – aber man hat es ja selbst so gewollt. Der Start in einer neuen Stadt ist also eine eher nervenaufreibende Geduldsprobe. Doch wenn alle Hürden genommen sind, macht sich ein grandioses Gefühl der Freiheit breit.

Die Sprache ist der Schlüssel zu einem Land

Dann beginnt die nächste Etappe dieser spannenden Reise. Denn nun heißt es, sich langsam in ein Land einzuarbeiten. Dazu gehört natürlich, die Sprache so zu beherrschen, dass man sich mit den Menschen entspannt unterhalten kann. Denn immer wieder bewahrheitet sich eine journalistische Binsenweisheit: die besten Geschichten finden sich auf der Straße. Wenn bei einem Picknick am Rand eines alten Klosters in der Nähe von Moskau die russischen Freunde plötzlich verzweifelt beschreiben, wie sie durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ihr altes Leben verloren haben – und sie nicht wissen, ob das neue wirklich besser ist.

Oder wie erzählt man die Geschichte der alten polnischen Nachbarin in Warschau, deren Eltern von den Deutschen im Krieg erschossen wurden und die dann, 60 Jahre nach Kriegsende, die beiden deutschen Kinder tief in ihr Herz geschlossen hat, die seit ein paar Monaten neben ihr wohnen und eifrig im Garten helfen? In solchen Momenten zahlt es sich aus, nicht nur kurz auf Besuch in einem fremden Land zu sein, sondern ins ganz alltägliche Leben eintauchen zu können. Wer als Korrespondent etwa durch die Ukraine reist, findet sich schnell auch in sehr heiklen Situationen, wie etwa dem Beschuss durch russische Truppen. Auch das gehört zum Reporterleben.

Nicht immer ist das große Abenteuer angesagt

Aber natürlich ist nicht alle Tage das große Abenteuer angesagt. Jeder Auslandskorrespondent ist vor allem auch ein Handwerker. Wichtig ist es, den Lesern zuhause zu erklären, wie Land und Leute ticken. Warum zum Beispiel Michail Gorbatschow bei sehr vielen Menschen in Russland verhasst ist, Angela Merkel – anders als in Deutschland – in den meisten Ländern auch heute noch allerhöchstes Ansehen genießt oder wie Emmanuel Macron das Vertrauen der Franzosen sehr schnell verloren hat. Es sind gerade auch solche Analysen und politischen Hintergründe, die aber für den Leser das Denken in einem Land verständlich werden lassen.

Das Leben als EU-Korrespondent in Brüssel bietet ganz andere Herausforderungen. Zu den zentralen Aufgaben gehört es inzwischen, den Lesern zu erklären, dass diese oft überkomplizierte, in Teilen dysfunktionale politische Konsensmaschine gerade in diesen schwierigen Zeiten überraschend gut einen zentralen Zweck erfüllt: den Europäern ihren Frieden und den Wohlstand zu sichern. Ein wachsendes Problem ist aber, dass Populisten von links und rechts ziemlich erfolgreich daran arbeiten, die Union zu demontieren. Eine der größten Gefahren für einen Berichterstatter in Brüssel ist es, von diesem schnell drehenden EU-Apparat verschluckt zu werden, von einem Hintergrundgespräch zum nächsten zu hetzen, nur noch Politiker oder Lobbyisten zu zitieren und den irrwitzig hohen Ausstoß an Nachrichten wiederzugeben. Dann ist es höchste Zeit, Abstand zu gewinnen und sich auf die Suche nach den Folgen der meist sehr abstrakten EU-Gesetzgebung zu machen.

Auf der Suche nach schiffbrüchigen Flüchtlingen

Denn es ist ein großer Unterschied, vom Brüsseler Schreibtisch aus über das neue Migrationspaket zu schreiben oder mit einem Schiff der Seenotrettung auf der Suche nach schiffbrüchigen Flüchtlingen tagelang auf dem Mittelmeer zu kreuzen und die Auswirkungen der „Festung Europa“ zu dokumentieren, an der im fernen Brüssel eifrig gebaut wird. In solchen Momenten verwandeln sich die seitenlangen Statistiken der EU-Kommission in Menschen aus Fleisch und Blut, die um ihr nacktes Überleben kämpfen. Und manche EU-Verordnung erscheint geradezu absurd, wenn man das nervenaufreibende Katz-und-Maus-Spiel mit der libyschen Küstenwache am eigenen Leib miterlebt und ertrinkende Flüchtlinge aus dem Wasser fischt.

Es sind solche Momente im Leben eines Auslandskorrespondenten, die bisweilen schwer zu verdauen sind, deren Bilder noch lange nachwirken und Zweifel säen, die aber auch süchtig machen nach diesem Leben fern der heimatlichen Komfortzone. Auf jeden Fall nähren solche Erlebnisse die Gewissheit, dass man den schönsten Beruf der Welt gewählt hat.

StZ Kompakt - Der Morgen
Montag - Sonntag um 6.00 Uhr
Starten Sie mit den wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht in den Tag und erhalten Sie sonntags die besten Geschichten der Woche.