Schweigemarsch in Stuttgart: Gedenken an die Opfer von Srebrenica - „Papa, wo bist du?”

Mehrere Tausend Menschen haben an dem Schweigemarsch und der Kundgebung im Gedenken an die Opfer des Völkermords von Srebrenica teilgenommen.
Jürgen Brand- Stuttgart gedachte mit Schweigemarsch und Kundgebung der Opfer von Srebrenica.
- In Srebrenica ermordeten bosnisch-serbische Soldaten im Juli 1995 8372 Jungen und Männer.
- Auf dem Schlossplatz mahnten Redner auf Bosnisch: Hass darf nie stärker sein als Menschlichkeit.
- Viele trugen T-Shirts mit der Zahl 8372 – der Marsch startete am bosnischen Konsulat.
- Ein Überlebender berichtete, ein Soldat habe einen 7-Jährigen trotz Tötungsbefehl gerettet.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Mehrere Tausend Menschen haben in Stuttgart am Sonntagnachmittag der Opfer des Völkermords von Srebrenica gedacht. In der bosnischen Stadt hatten bosnisch-serbische Soldaten im Juli 1995 innerhalb weniger Tage mehr als 8000 Jungen und Männer ermordet, unzählige Frauen wurden vergewaltigt, Zehntausende Menschen wurden damals aus ihrer Heimat vertrieben. Bei der Kundgebung wurde überwiegend auf Bosnisch an die Kriegsverbrechen erinnert. Kern der Gedenkveranstaltung: „Hass darf niemals stärker werden als Menschlichkeit.”
Das Städtchen Srebrenica liegt im Osten von Bosnien und Herzegowina. 1991, vor Ausbruch des Bosnienkrieges, hatte die Stadt mit allen Eingemeindungen 37.000 Einwohner. Heute sind es nur noch knapp 11.000. Auf schreckliche Weise weltbekannt wurde Srebrenica 1995. In dem grausamen Krieg zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen – bosnischen Muslimen, bosnischen Serben, bosnischen Kroaten – war die Stadt immer wieder umkämpft, wurde jahrelang belagert. Obwohl sie seit 1993 UN-Schutzzone war, wurde sie im Juli 1995 von bosnischen Serben unter der Führung des Kriegsverbrechers Ratko Mladić erobert.
Mehrere tausend Menschen bei Gedenkmarsch
Viele muslimische Einwohner suchten Zuflucht in einer nahen, schnell überfüllten UN-Militärbasis. Als die bosnisch-serbischen Soldaten weiter vorrückten, waren die zahlenmäßig völlig unterlegenen UN-Soldaten machtlos. In den Tagen vom 11. bis 19. Juli wurden in dem Gebiet 8372 muslimische Jungen und Männer ermordet. Bei dem Schweigemarsch durch die Stuttgarter Innenstadt und der Kundgebung auf dem Schlossplatz trugen viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer T-Shirts, auf die diese Zahl gedruckt war.
Der Internationale Gerichtshof in Den Haag erkannte im Jahr 2007 an, dass in Srebrenica ein Völkermord begangen worden war. Die UN-Vollversammlung hat 2024 – gegen die Stimmen unter anderem von Russland, China und Serbien – einen „Internationalen Tag der Besinnung und des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica” eingerichtet. Bei der Abstimmung stimmten 84 der 193 UN-Mitgliedsstaaten für den Tag, 68 enthielten sich, 19 stimmten dagegen.
Der Gedenktag wird in Stuttgart schon seit elf Jahren, also schon lange vor der Anerkennung durch die UN, begangen. In Bosnien und Herzegowina, auch in Srebrenica selbst, wird der Genozid von Teilen der Bevölkerung und einzelner aktuell politisch Verantwortlicher – vor allem von serbischer Seite – nach wie vor geleugnet oder zumindest relativiert. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat dem Völkermord auf ihrer Webseite einen eigenen Beitrag mit vielen Hintergrundinformationen gewidmet.
Überlebende nach Stuttgar angereist
Viele der in der Region Stuttgart lebenden Bosnier – in Baden-Württemberg leben laut amtlichen Statistiken mehr als 50.000 Menschen mit Staatsangehörigkeit von Bosnien und Herzegowina, mit Wurzeln von dort sind es noch deutlich mehr – haben sich fast den ganzen Sonntag Zeit genommen, um an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Manche hatten sich die bosnische Fahne umgehängt, andere die erwähnten Erinnerungs-Shirts an, wieder andere kamen in Fußballtrikots. Der Schweigemarsch begann um 14 Uhr vor dem bosnischen Konsulat an der Olgastraße, die Kundgebung dann mit etwas Verspätung gegen 15:45 Uhr.
Dafür war mit Sabit Ahmetović ein Überlebender des Genozids aus Bosnien angereist. Wortreich und emotional schilderte er vor ernst und aufmerksam zuhörenden Menschen aller Altersgruppen auf Bosnisch, wie er damals überlebt hat. Bilal Hodzic erinnerte daran, wie ein bosnisch-serbischer Soldat einen 7-Jährigen rettete, weil er den Befehl seines Vorgesetzten zum Töten verweigerte. Der kleine Junge war mit seinem Vater und vielen anderen abtransportiert worden. Ein Erschießungskommando tötete die vielen Männer, deren Leichen übereinander fielen, der Junge dazwischen. Nur wenige Minuten später konnte er sich befreien, stand auf und lief auf die Soldaten zu, die gerade seinen Vater getötet hatten, immer wieder nach seinem Vater rufend: „Papa, wo bist du?” Deren Vorgesetzter forderte sie auf, den Jungen zu erschießen. Aber niemand schoss, stattdessen senkten die Soldaten die Gewehre, einer antwortete: „Sie haben doch eine Pistole, machen Sie es selbst.” Der Befehl lautete dann, den Jungen mit der nächsten Gruppe zu töten. Aber einer der Soldaten nahm den Jungen aus dem Transportlastwagen mit und rettete ihn.
Bilal Hodzic stammt aus Bosnien und ist seit 2001 Imam des bosnischen islamischen Kulturcenters in Ulm. Die Informationen über die Rettung des 7-Jährigen stammen aus den Aussagen eine



