Übung einer Panzerbrigade
: Gefechtsübung in Litauen: „Im Krieg wäre ich jetzt tot“

ReportageAn der Ostflanke der Nato übt die Panzerbrigade „Litauen“ erstmals das Gefecht. Der neue Verband ist Teil der Abschreckung, aber auch Versuchslabor für das Ziel Kriegstüchtigkeit.
Von
Carsten Hoffmann (dpa)
Pabrade
Panzerbrigade 45 übt erstmals das Gefecht auf litauischem Boden

Philip, Panzergrenadier der Bundeswehr und Zugführer der Bravo-Einheit der Puma Schützenpanzer, sitzt mit seiner Besatzung bei der Großübung „Freedom Shield 2026" der neuen Panzerbrigade 45 im Gras.

Kay Nietfeld/dpa
  • Die neue Panzerbrigade 45 „Litauen“ übt in Pabrade das Gefecht – rund 2.900 Soldaten dabei.
  • Ziel ist Abschreckung und Lernen aus Fehlern, inklusive Drohnenabwehr und -einsatz.
  • AGDUS simuliert Treffer: Ein Zug verlor nach Granatentreffer fast alle Kräfte.
  • Elektronische Kampfführung schützt Kommunikation und stört Gegner an der Belarus-Grenze.
  • Persönliche Einblicke: Zugführer Philip betont Lebensgefahr, eine 20-Jährige steuert den Puma.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Im Ernstfall würden Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Oder auch verhängnisvolle Fehleinschätzungen, schon bevor die deutschen Panzergrenadiere ihren Kampf um eine aus Minen, Stacheldraht und Barrikaden gelegt Sperre des Gegners überhaupt aufgenommen haben.

Hauptfeldwebel Philip (die Nachnamen der Soldaten dürfen nicht genannt werden) treibt seine Leute bei der Übung „Freedom Shield 2026“ zum Vorstoß, nachdem sie aus dem hinteren Kampfraum ihrer Schützenpanzer gesprungen sind. „Angriff, Angriff, Angriff“, befiehlt er über Funk. Schüsse fallen, dazwischen laute Rufe der Soldaten und unweit entfernt das Dröhnen der schweren Kettenfahrzeuge. „In Verbindung mit den Panzern haben wir Panzergrenadiere eine enorme Stoßkraft“, sagte der knapp 40-Jährige. Wenn alles klappt. Sein 34 Soldaten zählender Zug aus Fahrzeugbesatzungen und 22 Panzergrenadieren erlebt auf der Übung militärische Erfolge und bittere Niederlagen, bei denen das laserbasierte Trainingssystem AGDUS simulierten Tod oder Verletzung anzeigt.

Die neue Panzerbrigade 45 der Bundeswehr - sie trägt den Beinamen „Litauen“, weil sie zur Abschreckung gegenüber Russland in dem Land an der Nato-Ostflanke stationiert ist - übt erstmals auf litauischem Boden das Gefecht. Daran sind auf dem Truppenübungsplatz Pabrade ungefähr 2.900 Soldaten beteiligt, davon 2.300 aus Deutschland. Sie sollen aus Fehlern lernen, sind als Brigade aber auch Vorzeigeprojekt und Versuchslabor für die angestrebte Kriegstüchtigkeit. Dazu wendet die Brigade neue Konzepte für den Kampf gegen und mit Drohnen an. So werden Panzer mit mehreren Drohnen gleichzeitig angegriffen. Permanent surren unbemannte Systeme in der Luft. Bei einem Besuch zeigt Brigadegeneral Christoph Huber dem Heeresinspekteur Christian Freuding praktische Konzepte für Drohnengefechtsstände. Aus solchen können Drohnen für Aufklärung und auch Angriff gesteuert werden. „Was wir aufklären können, wollen wir auch direkt zerstören können“, sagt Huber.

„Freedom Shield 2026“ - Übung der Panzerbrigade 45 Litauen: 12.06.2026, Litauen, Pabrade: Der Puma Schützenpanzer und Leopard 2 Kampfpanzer sind Teil der Gefechtsübung «Freedom Shield 2026» in Litauen. Die Übungsserie ist die erste Brigadegefechtsübung des Großverbandes und der ihm unterstellten Kampftruppen. Es nehmen 2900 Soldaten aus 8 Nationen mit 800 Fahrzeugen teil, die auch mit neuen Bedrohungsszenarien konfrontiert werden. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Puma Schützenpanzer und Leopard 2 Kampfpanzer sind Teil der Gefechtsübung «Freedom Shield 2026» in Litauen. Die Übungsserie ist die erste Brigadegefechtsübung des Großverbandes und der ihm unterstellten Kampftruppen.

Kay Nietfeld/dpa

Der elektronische Kampf gewinnt an Bedeutung

Entlang der Grenze zum 15 Kilometer entfernten Belarus haben Fachleute für elektronische Kampfführung Sensoren und Sender aufgebaut. Es geht um das Abhören und Auswerten von militärischen Daten eines möglichen Gegners. Absicht ist zudem die Sicherung der eigenen Kommunikation („Schutzschirm“) sowie die Fähigkeit zum Stören des Feindes. Im Ernstfall würde um die elektronischen Schutzschirme ein Kampf mit Störsignalen und scharfer Munition geführt.

Militärplaner erwarten in möglichen Szenarien eine Gleichzeitigkeit von altem und neuem militärischem Handwerk. Drohnen und unbemannte Systeme werden nach dieser Denkschule den Kampf mit Panzern nicht ersetzen, sondern diesen ergänzen und verändern.

Am Steuer des Schützenpanzers sitzt eine Frau

Die deutschen Soldaten üben nun in dem Land, in dem sie notfalls auch kämpfen müssten. Der Truppenübungsplatz ähnelt mit sandigem Boden und Nadelwäldern Teilen Nord- und Ostdeutschlands, ist aber von Moor- und Sumpflandschaften durchzogen. Im März vergangenen Jahres starben vier US-Soldaten, als ein Panzer in Pabrade metertief im Schlamm versank.

Am Steuer des Puma-Schützenpanzers von Zugführer Philip sitzt Fine. Sie ist 20 Jahre alt und wollte nach dem Abitur eigentlich Medizin studieren, ging dann aber zur Bundeswehr. In dem Zug ist sie einzige Frau unter 33 Männern und sagt: „Man soll diese Sache nicht größer machen, als sie ist.“

„Stierparty“ oder den Gegner auf die Hörner nehmen

Drei Soldaten steuern den Panzer „Puma“ und seine Waffensysteme, bis zu sechs weitere Soldaten sitzen mit ihren Waffen dicht gedrängt im hinteren Kampfraum, den sie über eine Klappe verlassen und dann „abgesetzt“ kämpfen.

Bei Zugführer Philip sind auch die Panzergrenadiere Volkan, Christoph und Trava. Binnen Sekunden kann das eingespielte Team vom Scherzen auf volle Konzentration und Angriffsmodus wechseln. Wenn die Schützenpanzer auf Sperren aus Minen und Stacheldraht treffen, können sie ausweichen und die Panzergrenadiere entfernt absitzen lassen. Oder die Soldaten können auch gleich in den Angriffsmodus gehen. „Wir machen gleich eine Stierparty. Ran und Klappe auf. Ein Überraschungsangriff“, sagt ein Soldat. Der Feind werde auf die Hörner genommen. „Oder es kann auch ein Himmelfahrtskommando sein“, sagt sein Kamerad.

Üben soll spätere Fehler vermeiden helfen

Die Soldaten kämpfen sich nach dem Ausstieg durch ein Waldgebiet vor, der schießende Gegner vor ihnen. Gefahr droht auch durch Drohnen oder „Steilfeuer“, also Granateinschlag. Eine Antwort darauf ist es, in Bewegung zu bleiben. Doch das Vorgehen der links und rechts kämpfenden Zügen muss abgestimmt bleiben.

Zugführer Philip gibt über Funk Befehle zur Stoßrichtung aus. Teils ist die Verbindung gestört oder kaum zu verstehen. Dann wird verhängnisvolles Abwarten nötig. Kurz darauf fiepen an den Westen der Soldaten erste Signalgeber des Simulationssystems AGDUS: Eine simulierte Granate ist eingeschlagen.

Von 22 Mann ist der größere Teil getroffen, die Kampfkraft des Zuges steht nur noch bei 25 Prozent. „Im Krieg wäre ich jetzt tot. Meine Frau würde einen Brief der Bundeswehr bekommen. Das ist kein normaler Beruf“, sagt Zugführer Philip. Abgekämpft und auch kurz enttäuscht wirkend sagt er: „Aber genau darum üben wir hier.“

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