Wie Verschwörungsdenken funktioniert
: Verschwörungstheorien bieten einfache Erklärung für Ungerechtigkeit in der Welt

Viele als schlecht empfundene Erfahrungen machen Menschen nicht automatisch empfänglicher für Verschwörungserzählungen. Eine Rolle könnte vielmehr spielen, wie man Erlebnisse wahrnimmt.
Von
Markus Brauer
Nottingham
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Als belastend empfundene Erfahrungen können Menschen einer Studie zufolge anfälliger für Verschwörungserzählungen machen - allerdings nicht automatisch. Einfluss habe auch die eigene Bewertung.

Als belastend empfundene Erfahrungen können Menschen einer Studie zufolge anfälliger für Verschwörungserzählungen machen - allerdings nicht automatisch. Einfluss habe auch die eigene Bewertung.

Imago/Bihlmayerfotografie
  • Belastende Erfahrungen fördern Verschwörungsdenken nur, wenn die Welt als unfair erscheint.
  • Studie mit über 1200 Teilnehmenden: Bewertung der Erlebnisse ist entscheidend.
  • Experiment: Botschaft über mehr Ungerechtigkeit erhöhte Erwartungen unfairer Behandlung.
  • Zustimmung zu Verschwörungsvorstellungen stieg leicht – kein genereller Effekt höherer Belastung.
  • Krisen, Kontrollverlust und Ausgrenzung begünstigen solche Narrative, Populismus nutzt sie.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Schwere Krankheit, Geldprobleme, Gewalterfahrungen: Als belastend empfundene Erfahrungen können Menschen einer neuen Studie - publiziert im Fachjournal „British Journal of Psychology“  - zufolge anfälliger für Verschwörungserzählungen machen, allerdings nicht automatisch.

Einfluss habe die eigene Bewertung: „Wenn Widrigkeiten dazu führen, dass die Menschen das Gefühl haben, dass die Welt grundsätzlich unfair ist, können Verschwörungstheorien attraktiver werden, weil sie eine Erklärung für diese Ungerechtigkeit bieten“, erklärt Hauptautor Daniel Jolley von der University of Nottingham (Großbritannien).

„Die meisten werden nicht zu Verschwörungsgläubigen“

Das Forscherteam hatte in drei Untersuchungen mit insgesamt mehr als 1200 Teilnehmern untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen als belastend empfundenen Lebenserfahrungen und Verschwörungsdenken gibt.

Demnach ist es keineswegs generell so, das Menschen mit vielen erlebten Widrigkeiten eher Verschwörungstheorien glauben. „Viele Menschen erleben während ihres Lebens erhebliche Widrigkeiten, aber die meisten werden nicht zu Verschwörungsgläubigen“, konstatiert.

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Die Ergebnisse wiesen vielmehr darauf hin, dass es darauf ankommt, wie gemachte Erfahrungen bei einem Menschen die Art und Weise prägen, wie er die Welt wahrnimmt. Die Welt auf Basis der eigenen Erlebnisse als ungerecht zu empfinden, könne mit stärkerem Verschwörungsdenken einhergehen, berichten die Forscher.

Die Wissenschaftler geben dabei zu bedenken, dass ihre Analysen keinen ursächlichen Zusammenhang zeigen. Es könne auch sein, dass Menschen, die ohnehin zu Verschwörungsdenken neigen, ihre Erlebnisse eher als Beleg dafür sehen, dass die Welt unfair ist.

Wenn die Welt ungerecht erscheint

„Die Bewertung von Erfahrungen spielt eine große Rolle für die psychologische Bewältigung“, erläutert die Psychologin Pia Lamberty, die selbst nicht an der Studie beteiligt war. Menschen seien bei Katastrophen stärker belastet, wenn diese von anderen Menschen verursacht wurden. Entstehe zusätzlich das Gefühl, dass einem Unrecht widerfahren sei, könne die Belastung weiter steigen. „In solchen Momenten ist der Verschwörungsglaube dann auch eine Strategie, die Welt zu ordnen und für sich Bedeutung zu erschaffen.“

Lamberty verweist zudem auf das Empfinden von Kontrollverlust. Situationen, in denen Menschen das Gefühl haben, ihr Leben nicht mehr richtig in der Hand zu haben, könnten Verschwörungsdenken befeuern. „In solchen Momenten sind wir oft vulnerabler für falsche Heilsversprechen.“

Frühere Analysen zeigten, dass gesellschaftliche Krisen dabei eine größere Rolle spielten als rein persönliche Probleme: Eine Trennung führt demnach weniger dazu, überall geheime Machenschaften zu vermuten, als etwa ein Arbeitsplatzverlust in Zeiten hoher Inflation.

Auch das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören oder mit der eigenen Stimme nichts zu bewirken, könne eine Rolle spielen. Verschwörungsglaube könne dann eine vermeintliche Möglichkeit der Selbstaufwertung bieten, betont Lamberty. „Die Verantwortung wird auf einzelne vermeintliche Verschwörer projiziert und gleichzeitig besteht die Option, sich besonders zu fühlen.“

Ungerechtigkeit im Experiment

Wie viel die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit ausmachen kann, testeten die Forscher um Jolley in einem Experiment: Einige der Teilnehmer lasen, die britische Gesellschaft werde zunehmend ungerechter, die andere Gruppe bekam das Gegenteil als Botschaft. Danach sollten sie sich vorstellen, wie fair sie bei einer Bewerbung behandelt werden würden.

Die Botschaft veränderte nicht grundsätzlich, wie gerecht oder ungerecht die Teilnehmenden die Welt einschätzten. In der vorgestellten Bewerbungssituation erwarteten diejenigen aus der Ungerechtigkeitsgruppe aber eher eine unfaire Behandlung. Zudem stimmten sie politischen wie auch allgemeinen Verschwörungsvorstellungen etwas stärker zu.

Auch hier zeigte sich: Menschen, die in ihrem Leben besonders viele als belastend empfundene Ereignisse erlebt hatten, reagierten auf die Ungerechtigkeitsbotschaft im Mittel nicht stärker als andere. Sie waren also nicht generell empfänglicher für die Vorstellung, unfair behandelt zu werden.

So funktionieren Verschwörungstheorien

Populismus und der Glaube an Verschwörung sind auch laut einer Stuttgarter Studie in Deutschland weit verbreitet. Jeder Vierte ist demnach überzeugt, die Politik werde von „geheimen Mächten“ gesteuert. Ein Fünftel der Deutschen glaube zudem, Massenmedien würden die Bevölkerung „systematisch belügen“ heißt es in einer Studie der Universität Hohenheim.

„Insgesamt gut ein Drittel der Bundesbürger haben ein im erweiterten Sinn rechtspopulistisches Weltbild“, fasst der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider die Ergebnisse zusammen. Etwa jeder Sechste (16 Prozent) stimme auch der Aussage zu, das Land gleiche inzwischen „mehr einer Diktatur als einer Demokratie“». Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hatte im Auftrag der Universität Hohenheim im Juli 2023 insgesamt 4024 Menschen mit einem deutschen Pass befragt.

Warum brauchen Menschen andere als Sündenböcke für Miseren?

Für eine Verschwörungstheorie braucht man immer ein passendes Opfer, das als Sündenbock herhalten muss. „Wenn sich dieser Frust, diese Unzufriedenheit verfestigen, dann werden Schuldige gesucht und man bastelt sich seine Welt und seine Wahrheiten zusammen“, erklärt Frank Brettschneider den Trend zu Verschwörungstheorien. „Und dieses Basteln war noch nie so einfach wie heute.“

Gerade Rechtspopulisten verwendeten immer wieder die gleichen Erzähl-Elemente. Es gebe bei ihnen einen einheitlichen „Volkswillen“, der von inneren und äußeren Mächten unterdrückt werde, betont der Kommunikationsexperte. Zu den inneren Mächten zähle diese Gruppe die politischen Eliten und die Massenmedien, zu den äußeren Mächten die Europäische Union, die Globalisierung und den Islam. „Oft werden auch Verschwörungserzählungen eingebaut.“

Warum tritt Verschwörungsdenken in Krisenzeit gehäuft auf?

Gerade in Krisenzeiten wuchern Gerüchte, Vorurteile und Verschwörungsdenken wie ein Krebsgeschwür. „Verschwörungstheorien gedeihen immer dann besonders gut, wenn es Krisen, Konflikte und undurchschaubare Entwicklungen gibt“, erklärt der Politologe und Publizist Tobias Jaecker. Hinter den diversen Krisen würden Konspirationsanhänger das geheime Wirken von Personen oder Institutionen vermuten, die ihre eigenen egoistischen Ziele auf Kosten der Allgemeinheit verfolgen.

Dass es Verschwörungen in der Menschheitsgeschichte immer schon gegeben hat, ist unbestritten. Doch die Anhänger von Verschwörungstheorien wittern hinter jedem komplizierten und für sie unerklärlichen Phänomen und Ereignis finstere Mächte, die im Geheimen die Fäden ziehen. „Grundlage einer Verschwörungstheorie ist ein Verdacht gegen eine als fremd und böse empfundene Gruppe“, erläutert der Wissenschaftsautor Thomas Grüter dieses Phänomen.

Wieso verfangen einfache Erklärungen für komplexe Probleme?

Ein weiteres kommt hinzu: Verschwörungstheorien haben den Vorteil, dass sie Dinge auf einfache und polarisierende Weise deuten. Erklärungen über komplexe Sachverhalte wie das globale Finanzwesen werden drastisch reduziert, so dass am Ende nur zwei Gruppen übrig bleiben: die eigene gute Fraktion und der böse, mächtige Gegner, auf den man sich fokussiert.

Nach Ansicht des Berliner Historikers Wolfgang Wippermann (1945-2021) würden Verschwörungstheorien im Netz aufblühen, „weil man alles behaupten kann, ohne es zu beweisen“. Das Internet sei, so Wippermann weiter, „das ideale Medium zur Verbreitung von Absurditäten, da man sich dort mit ungesicherten Daten und abstrusen Behauptungen in unbegrenzter Zahl versorgen kann.“. Die Gemeinde derer, die für Verschwörungsdenken empfänglich seien, sei schon immer groß gewesen, und sie werde immer größer. „Grund ist die Suche nach einfachen Erklärungen in einer komplizierten Krise.“

Wem nützen Verschwörungstheorien?

Hinter jeder Verschwörungstheorie steckt ein schlichtes Weltbild. Wobei die Anhänger keineswegs intellektuell unterbelichtet sein müssen, wie Jaecker betont. „Die Menschen, die so etwas glauben, sind in allen Bevölkerungsschichten zu finden.“

Laut Wippermann sei die Empfänglichkeit, eine immer komplizierter werdende Welt in Gut und Böse, Opfer und Täter einzuteilen, eine „anthropologische Konstante“. Verschwörungstheorien gehörten zur Natur des Menschen. „Wenn Gutmenschen Böses geschieht, muss eine Verschwörung dahinterstecken. Das ist die Logik.“

Welche Rolle spielen Frust und fehlende politische Kontrolle?

Für den Soziologen Hans Jürgen Krysmanski (1935-2016) steht fest: „Verschwörungstheorien sind im Grunde ein Ausdruck der Frustration über mangelnden Zugang in der Politik.“ Sie würden immer dann entstehen, wenn die Demokratie versagt. „Und leider Gottes versagt die Demokratie ja ständig oder immer öfter.“ Mehr denn je haben viele Menschen das Gefühl, dass die Politik über ihre Köpfe hinweg Entscheidungen trifft, die ihr Leben negativ beeinflussen.

Vom diffusen Unbehagen bis zur Verschwörungstheorie ist es dabei oft nur ein kleiner Schritt. Für Thomas Grüter steht fest: „Aufklärung und ständiger Dialog sind das Beste, was man gegen Verschwörungsdenken tun kann.“ (mit dpa-Agenturmaterial)