Wünsche für 2025: Gästebuch für Gott

Was wünschen sich die Menschen für das neue Jahr? Was bewegt sie? Siri Warrlich hat in einem besonderen Buch gelesen.
imago/Bernhard HerrmannIm Stuttgarter Osten steht eine „offene Kirche“. Zu bestimmten Zeiten kann jeder hineingehen. Zur Ruhe kommen, dösen, beten. Gegenüber der Kirche gibt es einen Bäcker. Dort sitze ich und trinke Kaffee. Alle paar Sekunden schaue ich rüber.
Ich warte nicht aufs Christkind. Ich warte darauf, dass die Kirche öffnet. In dieser Kirche liegt ein Gästebuch. Darin möchte ich nachlesen, was den Leuten auf der Seele brennt. Was ihnen Mut macht, wovon sie träumen. Sieben Minuten später als im Internet angekündigt ist es so weit. Auf einmal hängt ein grünes Schild mit der Aufschrift „offene Kirche“ an der schweren Holztüre. Nun kann ich reingehen und durch das Gästebuch blättern. Nach wenigen Seiten schon bleibt mein Blick hängen.
War auf der Suche meines Bruders. Vielleicht liegt er hier begraben. Bin von außerhalb und habe ihn nicht gefunden. Hier gedenke ich seiner, falls er hier in die Kirche ging.
Das Buch liegt seit Sommer 2022 aus. Der Mahlstrom der Zeit findet hier seinen Niederschlag. Juni 2024:
Ein Licht für alle, die vom Hochwasser betroffen sind und nicht nur Angst um ihr Hab und Gut haben, sondern um das nackte Leben, die pure Existenz.
Auch in Stuttgart hat jemand kein Dach mehr über dem Kopf, ganz ohne Hochwasser.
Hilf mir zurück in die Gesellschaft, aus dem Wohnsitzlosenheim heraus – ein Zimmer zum Leben zu finden.
Ob dieser Wunsch erfüllt werden konnte? Ein anderer, niedergeschrieben im Oktober 2023, wenige Tage nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, bleibt unerfüllt.
Dieser Krieg muss enden, noch bevor er sich unaufhaltsam ausbreitet und alles zerstört. Lass die Menschen in Frieden leben, wenn schon ein Zusammenfinden nicht möglich ist.
Bruchstücke aus dem Leben. Demut, Freude und die Frage, wie Gott wohl am liebsten angesprochen werden möchte. „Herr“ und „Vater“ sind hier häufig zu lesen. Aber es geht auch anders.
Es tut mir Leid, wenn ich etwas nicht weiß. Verzeih mir.
Danke für den Sommer. Danke für die Schönheit. Danke für das Leben.
Hallo Du! Hab doch bitte mal ein Auge auf Sylvia.
Müde bin ich, geh zur Ruh. Manchmal bin ich auch tagsüber müde. Zu viele Aufgaben, zu viele Gedanken. Aber hier finde ich Kraft und Ruhe. Alles ist möglich, alles hier ist zu schaffen.
Die Welt ist kaputt . . .
Herr, ich bitte für all die Menschen im Iran – die jetzt, so jung und voller Hoffnung, ihr Leben geben, sich der Gefahr aussetzen, um frei zu sein.
. . . aber ab und zu ist alles Böse für kurze Zeit vergessen.
Manchmal
wenn für einen Moment alles gut ist
spüre ich mein Herz in der Brust
vor Glück hüpfen
In der Kirche sitzt nun ein Mann an der Orgel und spielt. Er trägt einen hellbraunen Kapuzenpullover. Immer und immer wieder spielt er dieselbe Stelle. Ein kostenlose Konzert am Morgen ist viel mehr, als ich mir von diesem Kirchgang erhofft hatte.
Frohe Weihnachten!