Altersgrenze für Schiedsrichter: Der letzte Pfiff kann warten

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Stuttgarter ZeitungStuttgart - Die kroatische Zeitung „Jutarnji List“ schrieb von einem „schweren Raub in São Paulo“, und „Novi List“ aus Rijeka hatte in dem Schiedsrichter Yuschi Nischimura gar einen „japanischen Killer“ ausgemacht. Tatsächlich war der Referee in der 70. Minute des WM-Eröffnungsspiels vom 12. Juni 2014 auf eine Schwalbe des brasilianischen Stürmers Fred hereingefallen, der im Strafraum der Gäste im Zweikampf mit Kroatiens Dejan Lovren beim Stand von 1:1 einen Schwächeanfall erlitten hatte. Neymar traf vom Elfmeterpunkt – Brasilien siegte mit 3:1.
Weil auch im weiteren Verlauf des Turniers die Serie an krassen Fehlentscheidungen nicht abriss – bereits im zweiten WM-Spiel zwischen Mexiko und Kamerun (1:0) gab der Schiedsrichter Wilmar Roldan aus Kolumbien zwei reguläre Tore des Mexikaners Giovani dos Santos wegen angeblichem Abseits nicht –, hat es bei der Fifa ein Umdenken gegeben. Der Weltfußballverband hat erkannt, dass er bei den internationalen Topschiedsrichtern einerseits ein Qualitäts- und zudem noch ein Nachwuchsproblem hat.
Ein Plädoyer für Leistung und Fitness
Um die erfahrenen Spitzenkräfte (vor allem aus Europa) daher länger an der Pfeife zu halten, soll die Altersgrenze für Schiedsrichter auf der Fifa-Sitzung am 23./24. September in Zürich weltweit fallen. „Ich bin kein Freund von Altersgrenzen. Es soll nach Leistung und Fitness gehen – und nicht nach dem Geburtsdatum“, sagt etwa der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, der noch immer einen Sitz in der Fifa-Exekutive hat. Bislang müssen Unparteiische auf internationaler Ebene mit 45 Jahren und in der Bundesliga mit 47 ihre Laufbahn beenden.
So musste einst etwa der sechsmalige Weltschiedsrichter des Jahres, Pierluigi Collina, altersbedingt seine internationale Karriere aufgeben, obwohl er noch immer auf Topniveau pfiff. Der Leiter des WM-Finales von 2002 zwischen Deutschland und Brasilien (0:2) ist heute der Chef der europäischen Schiedsrichter-Kommission. „Eine Altersgrenze für Unparteiische ist eine schwierige Sache, denn viele sind heutzutage fit wie nie zuvor“, sagt der Italiener, für den einst mit Blick auf die WM 2006 in Deutschland extra eine Ausnahmeregelung, die „Lex Collina“, erdacht werden sollte.
Nun soll sich Grundsätzliches ändern: Denn Spitzenkräfte wie der deutsche Fifa-Schiedsrichter Wolfgang Stark, für den nach bisherigem Reglement nach Ende der laufenden Saison international Schluss wäre, sowie die Referees Peter Gagelmann und Thorsten Kinhöfer, die im nächsten Sommer komplett Schluss machen müssten, sollen länger gehalten werden. Dies ist auch der Wille des Fifa-Patrons Sepp Blatter, der in der aktuellen Regelung einen „starken Widerspruch zum Wettbewerbsprinzip“ sieht. „Die Abschaffung der Altersgrenze würde den Horizont hin zur Professionalität erweitern.“
„Für viele ging es in Brasilien zu schnell“
1992 ist man bei der Fifa allerdings noch den umgekehrten Weg gegangen: Damals wurde die Altersgrenze von einst 50 Jahren auf 45 gesenkt. Das Argument damals: die älteren Schiedsrichter seien dem rasanteren Spieltempo nicht mehr gewachsen. Aktuell wird eher altersunabhängig diskutiert. „Durch die starken Profiligen sowie die Champions League sind die Schiedsrichter in Europa daran gewohnt, das ganze Jahr über auf hohem Niveau zu pfeifen“, sagt etwa der Schweizer Ex-Referee Urs Meier: „Für viele andere ging es dagegen bei der WM in Brasilien viel zu schnell.“
Wie die Referees aus Afrika, Asien oder dem amerikanischen Concacaf-Verband steht aber auch der Nachwuchs in der Kritik. Gerade die jüngeren Schiedsrichter, so heißt es, hätten bei internationalen Turnieren zuletzt kein gutes Bild abgegeben. Erfahrung ist deshalb wieder Trumpf. Auch in der ersten und zweiten Bundesliga, wo die 42 Besten der deutschlandweit 72 000 Schiedsrichter längst unter Profibedingungen pfeifen: Bundesliga-Referees erhalten bis zu 40 000 Euro pro Jahr an Grundabsicherung sowie 3800 Euro pro Erstligaeinsatz (2000 Euro für ein Zweitligaspiel). Fällt die Altersgrenze, könnten Schiedsrichter, die sich alljährlich dem Fifa-Fitnesstest unterziehen müssen, theoretisch bis ins Rentenalter pfeifen.