Ana Ivanović
: „Dann konnte ich einfach nicht mehr“

Ana Ivanović spricht erstmals offen über die Panikattacken, die sie während ihrer erfolgreichen Tenniskarriere immer wieder auf dem Platz überwältigten.
Von
Katrin Jokic
Berlin
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Ana Ivanovic, ehemalige Tennisspielerin, 2022 bei einem Unternehmensgründer- und Investorentreffen .

Ana Ivanovic, ehemalige Tennisspielerin, 2022 bei einem Unternehmensgründer- und Investorentreffen .

picture alliance/dpa

Sie gewann die French Open, war die Nummer eins der Tenniswelt und gehörte über Jahre zu den bekanntesten Sportlerinnen Europas. Nun hat Ana Ivanović erstmals ausführlich darüber gesprochen, wie sehr sie während ihrer Karriere unter Panikattacken und der Angst vor öffentlichen Auftritten litt.

Ana Ivanović hat einen bislang kaum bekannten Einblick in die psychisch schwersten Phasen ihrer Tenniskarriere gegeben. In der kroatischen Sport-Talkshow „Neuspjeh prvaka“ von Slaven Bilić sprach die frühere Weltranglistenerste darüber, dass sie insbesondere in den späteren Jahren ihrer Laufbahn unter heftigen Panikattacken gelitten habe.

„Darüber habe ich noch nie gesprochen, aber ich hatte sehr starke Panikattacken, wenn ich auf den Platz ging“, sagte Ivanović in dem Gespräch. Für Zuschauer und Beobachter sei damals häufig nicht erkennbar gewesen, was in ihr vorging.

„Dann sagen die Leute: ‚Was ist denn plötzlich los? Warum bricht sie mitten im Match ein?‘ In Wirklichkeit wurde bei mir diese Panik ausgelöst, und dann konnte ich einfach nicht mehr“, erklärte die Serbin.

Dabei habe sich ihre Angst nicht nur auf das laufende Match bezogen. Auch die Vorstellung, am folgenden Tag erneut vor Tausenden Menschen antreten zu müssen, habe sie stark belastet. „Mich überkam die Angst: Morgen muss ich wieder rausgehen und vor all den Leuten spielen. Unglaublich, wirklich.“

Bilić reagierte mit den Worten: „Dann hast du wirklich sehr viel ertragen.“ Ivanović deutete zugleich an, dass diese Erfahrungen beeinflussten, wie sie nach dem Ende ihrer Karriere auf das Leben als Profisportlerin zurückblickte: „Deshalb habe ich es nicht so sehr vermisst.“

Vom leeren Schwimmbecken an die Spitze der Tenniswelt

Ivanović wurde am 6. November 1987 in Belgrad geboren. Bereits als kleines Kind begeisterte sie sich für Tennis, nachdem sie Monica Seles im Fernsehen gesehen hatte. Weil in ihrer Heimat geeignete Trainingsmöglichkeiten fehlten, spielte sie zeitweise auf einem provisorischen Platz in einem nicht genutzten Schwimmbecken.

Schon in jungen Jahren verfolgte Ivanović ihre sportliche Entwicklung mit großer Entschlossenheit. In der Sendung erinnerte sie sich an ein Gespräch mit ihrer Mutter, in dem sie Einzeltraining forderte. „Wenn ich weiter in der Gruppe trainiere, bezahlt ihr weiterhin, aber ich mache keine Fortschritte. Das hat überhaupt keinen Sinn und keinen Zweck“, habe sie ihrer Mutter damals erklärt. Hätte sich ihre Familie die Einzelstunden nicht leisten können, hätte sie lieber ganz aufgehört mit dem Tennis.

Im Juni 2026 war Ana Ivanovic (l) zu Gast beim Abschiedsspiel von Angelique Kerber (M).

Im Juni 2026 war Ana Ivanovic (l) zu Gast beim Abschiedsspiel von Angelique Kerber (M).

picture alliance/dpa

Triumph in Paris und Sprung auf Platz eins

Im August 2003 wurde Ivanović Profi. Zwei Jahre später gewann sie in Canberra ihren ersten Titel auf der WTA-Tour und schaffte den Sprung unter die besten 20 Spielerinnen der Welt.

Den größten Erfolg ihrer Karriere feierte Ivanović im Juni 2008 bei den French Open. Im Finale von Paris besiegte sie Dinara Safina und gewann ihren einzigen Grand-Slam-Titel. Durch den Triumph stieg sie am 9. Juni 2008 erstmals an die Spitze der Weltrangliste.

Ivanović berichtete in der Talkshow auch, wie konzentriert sie in das Finale gegen Safina gegangen sei. Sie habe gewusst, dass ihre Gegnerin nach einem ebenfalls schwierigen Weg durch das Turnier müde gewesen sei. Gleichzeitig habe sie aus ihrer eigenen Finalerfahrung gelernt und diese für sich genutzt.

Nach mehreren von Verletzungen und Formproblemen geprägten Jahren gelang ihr 2014 noch einmal eine starke Saison. Mit 58 Siegen gewann sie mehr Matches als jede andere Spielerin auf der Tour und beendete das Jahr auf Rang fünf der Weltrangliste.

Leistungsabfälle hatten einen verborgenen Hintergrund

Dass hinter manchen sportlichen Einbrüchen offenbar starke Angstzustände standen, war während ihrer aktiven Zeit nicht öffentlich bekannt. Von außen wurden schwächere Phasen vor allem mit Verletzungen, mangelnder Konstanz oder dem Erwartungsdruck nach ihrem Aufstieg zur Nummer eins erklärt.

Ivanovićs neue Aussagen zeigen nun, dass sie in einigen Matches nicht nur mit ihrer Gegnerin und ihrer eigenen Leistung kämpfte. Die Panik konnte während einer Partie einsetzen und ihr das Gefühl geben, nicht mehr weiterspielen zu können.

Ihre Schilderungen liefern damit einen persönlichen Hintergrund für Phasen ihrer Karriere, die von außen nur anhand von Ergebnissen und Weltranglistenpositionen beurteilt wurden. Ivanović selbst hatte diese Erfahrungen zuvor nicht öffentlich gemacht.

Rücktritt mit 29 Jahren

Im Dezember 2016 erklärte Ivanović im Alter von 29 Jahren ihren Rücktritt. Damals sagte sie, sie könne nicht mehr dauerhaft auf dem von ihr selbst erwarteten höchsten Niveau spielen. Verletzungen hatten ihr in den Jahren zuvor immer wieder Probleme bereitet. Ihre jetzigen Aussagen machen deutlich, dass neben den körperlichen Beschwerden auch eine erhebliche emotionale Belastung bestand.

Ana Ivanovic schlägt einen Return gegen die Spanierin Carla Suárez Navarro während ihres Einzelspiels der Frauen im Rahmen der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro.

Ana Ivanovic schlägt einen Return gegen die Spanierin Carla Suárez Navarro während ihres Einzelspiels der Frauen im Rahmen der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro.

picture alliance / dpa/ EPA/MICHAEL REYNOLDS

Trotzdem betonte Ivanović in der Sendung, dass sie ihre Entscheidung zum Rücktritt nicht bereue. Die Atmosphäre auf großen Plätzen und das Gefühl, bedeutende Endspiele zu bestreiten, seien zwar unvergleichlich gewesen. Sie sei mit ihrem heutigen Leben jedoch zufrieden.

Ein Turnier vor den eigenen Fans fehlte ihr

Einen Punkt bedauert Ivanović rückblickend: Während ihrer Karriere habe sie nie ein großes Heimturnier vor serbischem Publikum spielen können.

„Ich glaube, für jeden Sportler ist das ein ganz besonderes Gefühl“, sagte sie. Zwar habe sie immer gewusst, dass sie in Serbien große Unterstützung genoss. Die unmittelbare Verbindung und Interaktion mit den eigenen Fans habe jedoch gefehlt.

„Diese Verbindung wäre anders gewesen. Ich wusste, dass ich große Unterstützung hatte, aber diese direkte Interaktion gab es nicht. Und ich hätte mir gewünscht, dass es sie gegeben hätte.“

Für Serbien trat Ivanović unter anderem im heutigen Billie Jean King Cup an. 2012 half sie der Nationalmannschaft, erstmals das Finale des Wettbewerbs zu erreichen.

Familie und soziales Engagement nach der Karriere

Nach ihrem Rücktritt verlagerte Ivanović ihren Lebensmittelpunkt zunehmend auf ihre Familie und ihre Arbeit außerhalb des Profisports. Sie ist Mutter von drei Söhnen.

Daneben engagiert sie sich seit 2007 als nationale Botschafterin für UNICEF in Serbien. Dabei unterstützte sie unter anderem Projekte zum Schutz von Kindern vor Gewalt, zur inklusiven Bildung, zur frühkindlichen Entwicklung und zur Unterstützung von Familien mit entwicklungsgefährdeten Kindern. Auch das Thema psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gehört zu den Bereichen, für die sie sich einsetzt.

Ivanovićs offenes Gespräch über ihre eigenen Panikattacken verleiht diesem Engagement eine zusätzliche persönliche Dimension. Ihre Karriere wird vor allem mit dem French-Open-Pokal, Platz eins der Weltrangliste und ihrer kraftvollen Vorhand verbunden. Die neuen Aussagen zeigen jedoch, welche Belastungen sich hinter den Erfolgen und dem öffentlichen Bild der stets kontrolliert wirkenden Spitzensportlerin verbargen.