EM 2024
: Wie ein Blindenreporter die Fußball-EM erlebt

Florian von Stackelberg arbeitet hauptberuflich als Sportkommentator. Bei der Fußball-EM war der Ludwigsburger als Blindenreporter im Stadion – und begleitete das Spiel so von einer ganz anderen Seite.
Von
Maximilian Kroh
Stuttgart
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Als Blindenreporter im Stuttgarter Stadion: Florian von Stackelberg.

privat

Um ein Haar wäre alles an seinem zweiten Vornamen gescheitert. Schon vier Stunden vor Anpfiff der Partie der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Ungarn war Florian von Stackelberg an der Stuttgarter MHP Arena. Er sollte dort das zweite deutsche Gruppenspiel bei der Europameisterschaft als Blindenreporter begleiten. Doch dann kamen die strengen Sicherheitsbestimmungen der UEFA beinahe dazwischen. Weil auf dem Anmeldeformular des Ludwigsburger Sportkommentators der Zweitname fehlte.

„Mein voller Name ist Florian Walter Baron von Stackelberg“, erklärt er. „Den Baron lasse ich normalerweise immer weg, weil der Name sowieso schon lang ist. Diesmal habe ich ihn auf dem Formular dazugeschrieben. Nur den Walter eben nicht.“ Beim zweiten Sicherheitscheck im Stadion fiel das einem UEFA-Mitarbeiter auf, der sofort abwinkte – das mit dem Einlass würde heute nichts mehr.

„Ich saß zweieinhalb Stunden im Wartebereich rum, habe mich gedanklich schon in der S-Bahn nach Hause gesehen.“ Eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff erhielt er dann doch noch Zugang zum Stadion – wieso, das wisse er auch nicht genau. „Mir ging es da gar nicht so sehr um mich selbst, sondern um die blinden Menschen im Stadion, die das Spiel nicht angemessen erlebt hätten.“

Ein Bild im Kopf soll entstehen

Üblicherweise kommentiert von Stackelberg im Fernsehen Fußballspiele für RTL oder Spiele der Basketball-Bundesliga (BBL). Doch er war auch am Pilotprojekt der MHP Riesen Ludwigsburg für Blindenreportagen in der Basketball-Arena beteiligt. So kam er mit „T-Ohr“ in Kontakt, dem Unternehmen, das die deutschen Reportagen während der EM koordiniert.

Trotz jahrelanger Erfahrung, das EM-Spiel zu kommentieren sei eine besondere Herausforderung gewesen, sagt der 35-Jährige. Denn von der Herangehensweise sei eine Blindenreportage relativ weit vom TV-Kommentar weg. „Es geht darum, bei den Zuhörern ein Bild im Kopf zu schaffen und so detailgetreu wie möglich zu erklären, was gerade auf dem Platz passiert.“ Insofern ähnelt die Arbeit am ehesten dem Kommentieren fürs Radio, auch wenn sie in Details trotzdem abweicht.

So sitzen die meisten Zuhörer nicht zuhause oder im Auto, sondern hören das Spiel im Stadion über die UEFA-App. Deshalb sei wichtig, vor Anpfiff zu sagen, wo sich das Kommentatorenpult befindet. „Dann können die Leute verorten, was ich mit rechts und links meine.“ Außerdem helfe es blinden Menschen, Größen oder Entfernungen nicht in Metern anzugeben. „Ich sage also nicht: Der Ball geht einen Meter übers Tor, sondern: Der Ball geht haushoch übers Tor“, so von Stackelberg.

Chaotische Zustände neben dem Platz

Das Spiel gegen Ungarn gewann die deutsche Mannschaft bekanntlich mit 2:0, es sei ein einigermaßen dankbares Spiel gewesen, so der erfahrene Kommentator – Chancen, Tore, trotzdem wenig Chaos auf dem Feld. Wesentlich chaotischer sei es dagegen neben dem Platz zugegangen.

Üblicherweise geht es von der Pressetribüne über einen separaten Eingang zum Pressebereich in den Katakomben. Bei der EM müssen alle Pressevertreter die selben Treppen nehmen wie die Zuschauer. Das verlängert nicht nur die Laufwege, sondern kostete obendrein auch ordentlich Zeit. „Ich bin mit Wolff Fuß von RTL nach unten gelaufen, der musste alle drei Meter anhalten und ein Foto mit Fans machen“, erzählt er.

„Drei Stufen über dem, was ich normalerweise mache“

Trotz des ganzen Chaos im organisatorischen Bereich, den Job würde Florian von Stackelberg jeder Zeit wieder machen. „Die Blindenreportage gibt blinden Menschen die Chance, fast die selben Stadionerlebnisse zu haben wie sehende Menschen“, sagt er. „Das steht für mich drei Stufen über dem, was ich normalerweise beruflich mache.“

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