Fußball-Bezirksliga: Vaihinger „Schatztruhe“, ein Teamoldie in Torlaune und zwei bittere Diagnosen

Mann des Tages beim SV Vaihingen: der Dreifachtorschütze Maximilian Eisentraut (vorne).
Archiv/Günter BergmannZwei Torjäger auf dem Operationstisch, ein Mannschaftsältester, der als Spieler des Spieltags dreifach trifft, und ein neuer Tabellenführer namens SV Vaihingen – das sind die Schlagworte vom Sonntag in der Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen. In jener spitzt sich knapp drei Monate vor Saisonende das Meisterschaftsrennen weiter zu. Von Rang eins bis sechs sind es gerade mal noch vier Punkte. Die somit immer spannendere Frage: Wer wird in einem Jahr ohne herausragende Favoriten am Ende die Gunst der Stunde nutzen?
SV Vaihingen – VfL Oberjettingen
Träumen kann jedenfalls fast die halbe Staffel, mittlerweile insbesondere jedoch alle im und um den SV Vaihingen. „Die Mannschaft tut es, und sie darf es“, sagt dessen Trainer Tim Schumann, auch wenn er selbst es lieber unverändert mit Demut und Gelassenheit hält. Sein Kommentar zur neuen Tabelle lautet: „Wir machen uns deswegen keinen Stress. Aber wenn es am Ende tatsächlich reichen sollte, nehmen wir das gerne mit.“ „Das“ gleich den Aufstieg in die Landesliga. Es wäre nach 2005 und 2011 der dritte in der Geschichte des Vereins.
In der laufenden Saison grüßen die Vaihinger zum zweiten Mal seit dem 14. Spieltag vom Platz an der Sonne. Während sie ihre eigene Pflicht mit einem souveränen 5:1-Heimsieg gegen das Schlusslicht VfL Oberjettingen erledigten, lieferte die Konkurrenz die Zugabe. So ging der bisherige Spitzenreiter Darmsheim wie schon in der Woche zuvor als Verlierer vom Rasen, diesmal mit einem 2:3 gegen die Spvgg Holzgerlingen. Die wahren Prüfungen auf Titeltauglichkeit werden nun allerdings erst folgen. Schon am nächsten Wochenende in Bonlanden dürften Schumann und die Seinen anders gefordert sein.
Einstweilen teilten sich zwei Generationen des Kaders den Torschützenjob. Maximilian Eisentraut, mit 36 Jahren der Teamoldie, netzte dreifach ein. „Er hat auf der Zielgeraden seiner Karriere noch ein bisschen Spaß. Er zieht die anderen klasse mit“, lobt Schumann. Den Rest, was den Coach fast noch mehr freut, steuerten seine beiden Jüngsten bei. Auch Toluwani Dreher-Adenuga (20) und Leandro-Noel Rolzhauser (19) trafen, Letztgenannter als eigentlicher Kapitän der A-Junioren bei seinem Erste-Mannschaft-Pflichtspieldebüt. Kurzum: zwei Kicker, die den beabsichtigten „Vaihinger Weg“ repräsentieren. Jung, hungrig, talentiert – und mit Perspektivpotenzial. Klar ist für Schumann und seine Mitstreiter schon jetzt: „Ändern würde sich daran auch bei einem Meisterschaftsgewinn nichts. Auch dann würde hier keine Schatztruhe aufgehen und der Kader plötzlich ein anderer sein.“
Einziger Wermutstropfen aktuell: Im Fall des vor Wochenfrist verletzt ausgeschiedenen David Hug haben sich die Befürchtungen bestätigt. Nach seinem Kreuzbandanriss des vergangenen Jahrs hat es den Angreifer diesmal am anderen Knie erwischt – diesmal ein glatter Riss. Er fällt damit erneut für mehrere Monate aus.
TSV Jahn Büsnau – TSV Dagersheim
Ebenso unters Messer geht es für den stürmenden Kollegen Sebastian Lenhardt vom Orts- und Tabellennachbarn TSV Jahn Büsnau. Auch für ihn haben die Röntgenbilder ein bitteres Ergebnis gebracht: Im lädierten Ellenbogen sind Bänder und Sehne ab. OP-Termin ist an diesem Mittwoch. Immerhin: Lenhardt rechnet für sich nach Arztprognose „nur“ mit sechs bis acht Wochen Pause. Bei ihm könnte es also, anders als bei Hug, etwas werden mit einem Comeback noch in dieser Saison.
Beruhigen darf beim Aufsteiger bis dahin fürs Erste, dass es im Kader offensichtlich taugliche Alternativen gibt. Am Sonntag fehlte nicht nur Lenhardt, sondern im Keeper Simon Hochschein (Skiurlaub), den Abwehrrecken Marc Bauer (Schienbeinprellung) und Fermin Wences (Schulterprellung) sowie dem Topscorer Marc Hetzel (grippaler Infekt) noch vier weitere Stützen. Was aber passiert? Die Büsnauer gewannen das Klassenneulingsduell gegen den TSV Dagersheim dennoch mit 3:2 und festigten damit ihren dritten Tabellenplatz. Als Allzweckwaffe gefiel Cedric Hornung. Der in der Winterpause aus Böblingen zurückgekehrte Torjäger half fachfremd in der Innenverteidigung aus. Die letztlich entscheidende Knipserrolle übernahm stattdessen Johannes Specht. Er ließ einen Gegner aussteigen und jagte die Kugel aus 16 Metern flach ins Ziel – das Tor zum Sieg.
ASV Botnang – SV Bonlanden
Mit im Büsnauer Schlepptau befindet sich der zweite auf Überraschungskurs steuernde Stuttgarter Aufsteiger des vorigen Sommers. Jener, der ASV Botnang, zwang mit einem 3:1 gegen den SV Bonlanden den nächsten Favoriten in die Knie und liegt seinerseits nur noch drei Zähler hinter Platz eins. Ja, Irrtum nicht möglich. Die Tabelle belegt es schwarz auf weiß, auch wenn an der Furtwängler Straße dabei manch einem in der Magengegend flau werden mag. Oder vor den Augen schwummrig. „Ich sehe das so gut wie nicht“, behauptet der Trainer Alexander Schweizer jedenfalls. Seine Empfehlung an die eigenen Reihen ist: „Wir tun gut daran, jetzt nicht abzuheben. Es gilt, dass wir bei unseren Werten bleiben.“
Heißt: Botnanger Fußball spielen. Oder besser gesagt: mit Botnanger Tugenden den Gegnern Feuer unterm Hintern machen. Kämpfend, kratzend, beißend. Nachzufragen beim aktuellen Gegner-Coach. „In dieser Hinsicht war das das mit Beste, was ich in dieser Saison gesehen habe. Die waren auf den Sieg geiler als wir“, konstatiert der Schweizer-Gegenüber Carmine Napolitano. „Würden wir mit Hacke, Spitze anfangen, könnte das auch schnell nach hinten losgehen“, weiß Schweizer selbst. So aber schlugen sein Bruder Daniel sowie Marouan Abarriche als jeweilige Startelfrückkehrer vorentscheidend zu, der eine nach einem Konter, der andere per Kopf. Letzterer war nach einer Sprunggelenkblessur erstmals seit Oktober wieder von Anfang an dabei. Und in der Schlussphase kam dann auch noch das Glück des Tüchtigen dazu. Botnanger Aufatmen, als der Gästekicker Arbnor Krasniqi die zu diesem Zeitpunkt Riesenausgleichschance vergab. Er zielte knapp daneben.
„Millimeter“, stöhnt Napolitano. Eine Haaresbreite, die nun auf der einen Seite die Botnanger womöglich gar auf Bestmarkenkurs steuern lässt – bisher sind für die West-Stuttgarter in der Bezirksliga vier Vizemeisterschaften als Topwerte notiert (1992, 2002, 2003, 2005). Und auf der anderen? „Wir sind einfach selber schuld“, klagt Napolitano. „jedes Mal, wenn wir einen Schritt ins obere Drittel machen könnten, machen wir stattdessen zwei zurück.“ Nur eine Woche nach dem 4:2-Ausrufezeichen gegen den TV Darmsheim sind er und sein Team wieder von der ernüchternden Realität eingeholt.
Spvgg Cannstatt – TV Echterdingen II
In puncto „ärgerliche Niederlagen“ sind sie indes gerade nicht die Einzigen. Nicht besser ergeht es der Spvgg Cannstatt, die im Verfolgerduell mit dem TV Echterdingen II einen 1:2-Dämpfer hinnehmen musste, dies gleichfalls mit einem enttäuschten Fazit: „Wir waren einfach nicht gut“, sagt der Trainer Damian Nagler. Seine Erkenntnis lautet: „Die Leichtigkeit der Hinrunde fehlt. Irgendwie ist momentan der Wurm drin.“
Liegen könnte es freilich auch an der Personalsituation. Der Ausfall von Leistungsträgern wie Aimar Lizoain Garayoa (Sehnenentzündung), Alessio Manta (Innenbandriss im Knie) oder Fabian Ipowitz (sechs Wochen Elternzeiturlaub in Thailand) schmerzt. Obendrein hat sich der Winterzugang Zama Tibu Fru Gustave (vom TSV Schmiden) einen Knöchelbruch zugezogen und sitzen in Talha Kavak und Carsten Bauer zwei weitere Urlauber bereits auf gepackten Koffern. „Für nächsten Sonntag werden wir Stand jetzt nur noch 13 Spieler haben“, stellt Nagler ohnmächtig fest.
Demgegenüber wartete beim Gegner vor allem einer mit Spielfreude auf. Stichwort Hinrundenform. Wesley Acholonu hat sie nach wie vor. In einer torchancenarmen Partie auf holprigem Naturrasen machte der Youngster den Unterschied. Zwei perfekte Ballannahmen, zwei stramme Flachschüsse – einmal schlug es links, einmal rechts unten ein. „In beiden Fällen technisch gut gemacht“, sagt Acholonus Coach Sascha Blessing. Auch die Echterdinger verweilen damit unter den erwähnten Top sechs mit Aussicht auf Höhenluft.
Croatia Stuttgart – SV Deckenpfronn
Was Stuttgart/Filder-Niederlagenschmerz anbelangt, derweil noch ein dritter Teil. Nicht nur Bonlanden und Cannstatt, auch Croatia Stuttgart. Den Tabellendreizehnten traf es bei seinem 1:2 gegen den SV Deckenpfronn am härtesten, ereilte ihn der K. o. doch, als zumindest ein Teilerfolg bereits eingetütet schien. Dann kam die Nachspielzeit und mit ihr der schwarze Moment des Nachmittags: Nach einem schlampigen Zuspiel des anfänglichen Führungstorschützen Nenad Stevanovic geriet Zvonko Ilisevic in Not. Sein Gegenspieler Niklas Wunsch nahm ihm die Kugel ab und landete den späten Lucky Punch. Nicht nur das: auch das für ihn perfekte eigene Geschenk. Last-Minute-Matchwinner an seinem 28. Geburtstag – fast zu kitschig, um wahr zu sein.
„Für uns sehr bitter. Die Strafe dafür, dass wir zuvor unzählige Chancen ausgelassen haben“, sagt der Croatia-Trainer Niki Oroz. Die beste hatte Lovro Kobasic vergeben, dessen Schuss die gegnerische Abwehr für ihren bereits geschlagenen Keeper noch von der Linie kratzte. Die Folge: Im Abstiegskampf wird die Luft sogleich wieder dünner. Zum nach jetzigem Stand rettenden zwölften Tabellenplatz hat sich für Croatia eine Sechs-Punkte-Kluft aufgetan. Doch Vorsicht: Steigt am Ende aus der Landesliga mehr als eine Mannschaft des Bezirksgebiets Stuttgart/Böblingen direkt ab, erhöht sich die Zahl der Absteiger in der Bezirksliga auf vier oder schlechtestenfalls gar fünf. Und aktuell sind „oben“ außer dem Vorletzten MTV Stuttgart auch noch der TSV Plattenhardt, der TV Echterdingen, die SV Böblingen und der GSV Maichingen in Gefahr.
TSV Musberg – SV Nufringen
Das sind die Aspekte, die denn auch der TSV Musberg bei seinen Rechnungen im Blick behält. Gleichwohl die Tendenz am Turnerweg gerade in eine ganz andere Richtung geht. Verlustpunktfrei ist in der Rückrunde nur noch eine Mannschaft: eben die Musberger. Das 3:0 vom Sonntag gegen den SV Nufringen war seit der Winterpause der dritte Sieg im dritten Spiel. Und einen Einwurf etwaiger Kritiker weist der Trainer Christopher Eisenhardt dabei gleich zurück. Eher leichtes Auftaktprogramm? „Dem würde ich deutlich widersprechen“, sagt der Coach. Auch der aktuelle Gegner habe gezeigt, „dass er ums Überleben in der Liga kämpft“.
Zweimal leistete der Aufsteiger allerdings freundliche Hilfe – und zweimal nahm sie derselbe Kicker dankend an. Jacob Schele schnappte sich nach Gäste-Fehlpässen jeweils den Ball und versenkte ihn im Tor. Zwei Argumente auch in eigener Sache. „Für den Jungen freut es mich enorm. Er hat in der Wintervorbereitung Gas gegeben und sich damit seine Einsatzzeiten verdient“, sagt Eisenhardt. So hat es Schele vom Hinrunden-Bankdrücker zur aktuellen Stammkraft auf dem linken Flügel geschafft.
Mehr soll in den nächsten Wochen folgen, auch in einer anderen Angelegenheit. Ob Eisenhardt für eine weitere Saison bleibt? Das Angebot von Vereinsseite steht. Der Coach selbst hat sich bis Anfang April Bedenkzeit erbeten. „Ich brauche noch ein bisschen, um mein Bauchgefühl vollends abzurunden“, sagt er. Auch in diesem Fall ist die Tendenz klar: nämlich hin zur Vertragsverlängerung.
Die Statistik zum 18. Spieltag
TV Darmsheim – Spvgg Holzgerlingen 2:3. Tore: 1:0 Schneider (19.), 1:1 Ribbe (37.), 2:1 Siegle (53.), 2:2 Horn (85.), 2:3 Horn (90.+2). Besonderes: –
ASV Botnang – SV Bonlanden 3:1. Tore: 1:0 Abarriche (49.), 2:0 Daniel Schweizer (59.), 2:1 Tschentscher (85.), 3:1 Steinbach (90.+5). Besonderes: –
TSV Jahn Büsnau – TSV Dagersheim 3:2. Tore: 0:1 Rudolph (20.), 1:1 Anaba (27.), 2:1 Bischoff (57.), 2:2 Messer (70.), 3:2 Specht (75.). Besonderes: –
Spvgg Cannstatt – TV Echterdingen II 1:2. Tore: 0:1 Acholonu (45.+3), 1:1 Caruso (69.), 1:2 Acholonu (79.). Besonderes: –
TSV Musberg – SV Nufringen 3:0. Tore: 1:0 Schele (8.), 2:0 Wiederoder (27.), 3:0 Schele (46.). Besonderes: –
SV Vaihingen – VfL Oberjettingen 5:1. Tore: 1:0 Eisentraut (11.), 2:0 Eisentraut (42.), 3:0 Dreher-Adenuga (62.), 3:1 Yannick Ruß (70., Foulelfmeter), 4:1 Eisentraut (79., Foulelf-meter), 5:1 Rolzhauser (89.). Besonderes: –
Croatia Stuttgart – SV Deckenpfronn 1:2. Tore: 1:0 Steva-novic (15.), 1:1 Mergel (66.), 1:2 Wunsch (90.+3). Besonderes: –
VfL Herrenberg – SV Rohrau 3:3. Tore: 0:1 Krägeloh (41.), 0:2 Krägeloh (43.), 0:3 Hellmann (46.), 1:3 Abalioglu (56.), 2:3 Abalioglu (77.), 3:3 Egeler (87.). Besonderes: –