Oskar-Beck-Kolumne: Fährt Sebastian Vettel die Formel 1 tot?
Stuttgart - Unserem großen Dichter und Denker Theodor Fontane verdanken wir die mahnenden Worte: „Sechzehn Wochen Einsamkeit und Schnitzel ist nicht auszuhalten.“
Neunzehn Rennen mit Sebastian Vettel aber auch nicht.
Immerhin siebzehn davon haben wir seit vergangenen Sonntag nun Gott sei Dank hinter uns, aber der Volksgesundheit tut dieser Saisonverlauf alles in allem nicht gut. Unter jämmerlichem Wehklagen und teilweise gellenden Schmerzensschreien haben sich nach Vettels neuerlichem Sieg in Abu Dhabi Scharen von Formel-1-Fans gestern in die Notaufnahmen geschleppt, mit schweren Zerrungen der Kaumuskulatur, verklemmten Kinnladen und ausgerenkten Kiefergelenken, alles verursacht durch ein ständiges Gähnen. Auf erschütternden Röntgenbildern sind sogar grässliche, von Blutergüssen flankierte Kiefergelenksprengungen zu erkennen.
So viel zu den Risiken und Nebenwirkungen dieses unschlagbaren Heppenheimers, der uns mit einer neuen, bisher unbekannten Variante der tödlichen Langeweile bekannt macht: Man stellt sich nicht mehr die Frage, ob einem vor dem Fernseher erst das linke oder das rechte Bein einschläft, sondern ob das Kiefergelenkköpfchen nur geschient oder eingegipst werden muss, das einem beim ständigen Gähnen aus der Pfanne hüpft.
Ein-Mann-Show Formel 1
Eine repräsentative Umfrage, die wir vor dem letzten Rennen im engsten Bekanntenkreis veranstaltet haben, spricht Bände. Die knifflige Frage hieß: „Wie verbringen wir diesen Sonntag?“ Legen wir uns a) faul aufs Sofa, stehlen wir b) dem Herrgott die Zeit oder schauen wir c) im Fernsehen dem alten, neuen und ständigen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel zu, wie er in Abu Dhabi seine ungefähr zweihundertdreiundachtzigste Siegerdusche mit Schampus einfährt? Das Rennen um die richtige Antwort ganz knapp gewonnen hat a) vor b), während die Formel 1 mit ihrem Vielsieger achtlose Ablehnung erntete. „Es ist spannender“, meckerte ein Befragter, „an einer Haltestelle auf den Bus zu warten.“
Auf jeden Fall ist die Ein-Mann-Show Formel 1 aber höchstens halb so packend wie ein Schwergewichtsboxkampf der Klitschko-Brüder. Immer mehr anspruchsvolle Zuschauer schalten spätestens nach dem ersten Boxenstopp auf einen Zeichentrickfilm oder das Testbild um. Offenbar geht es ihnen zusehends wie Lewis Hamilton, als der noch jung war und den Dauerweltmeister Michael Schumacher fahren sah – hören wir kurz rein in seine fürchterlichen Erinnerungen: „Kurz nach dem Start bin ich immer vor dem Fernseher eingeschlafen.“ So ist das jetzt auch mit Vettel. Wir friedfertigen Fans gähnen auf der Couch, und die feindseligen pfeifen ihn aus, in Silverstone, Spa und Singapur – oder vor allem in Monza die tiefergelegten Ferrari-Fans.
Wann verliert Lewis Hamilton vollends die Lust, wie lange erträgt Fernando Alonso noch diese der Perfektion nahe Pistensau? Vettel fährt mit ihnen Schlitten, überholt sie vermutlich demnächst erstmals auch rückwärts, jedenfalls gehen die Frustrierten so langsam Gassi mit ihren Gefühlen: der Verzweiflung, der Wut und dem Neid.
Zumindest für einen kleinen Totalschaden könnte es reichen, da ist einer einfach zu gut. Diese Unbesiegbaren haben wir im Sport immer wieder ertragen müssen, und damit sie zwischendurch auch einmal verloren, hat man beispielsweise den Ausnahmeboxer Muhammad Ali in einem künstlichen Computerkampf gegen die unbesiegt abgetretene Schwergewichtslegende Rocky Marciano antreten lassen, oder den Sprintkönig Jesse Owens in den 30er Jahren gegen ein Rennpferd. Ben Johnson hat später über 100 Meter gegen so ein Pferd schmählich verloren, aber er wurde immerhin noch Zweiter, vor einem Auto – was rückwirkend nur damit zu erklären ist, dass am Steuer noch nicht Sebastian Vettel saß.
Fast hätten wir Roger Federer vergessen. Wozu so eine Dominanz schlimmstenfalls führen kann, bekam der Schweizer in der Blüte seiner Karriere im eigenen Land zu spüren. Unvergesslich bleibt ein Vorfall anlässlich eines wichtigen Endspiels. Nach dem ersten Satz schaltete Dani L., ein Schweizer Kollege, plötzlich den Fernseher aus, und ich fragte ihn fassungslos: Warum? „Federer ist so überlegen“, erklärte mir Dani überzeugend, „dass man sich das Endergebnis auch noch im Videotext anschauen kann.“
Ungefähr an dem Punkt stehen jetzt auch wir Deutschen in puncto Vettel. Und dessen drückende Überlegenheit ist für uns Sportsfreunde riskanter, als wir ahnen, denn in einer Studie zum Thema „Die Langeweile als Risikofaktor“ wird dieselbe von Psychologen in eine direkte Verbindung mit diversen Suchtkrankheiten gebracht. Doch bevor wir jetzt die Gäule hier vollends scheu machen: die Gefahr, dass wir Fans unseren Frust über die fade Formel 1 auch noch mit dem Griff zur Flasche bekämpfen, wird durch unsere momentane Kiefer- und Kinnsperre vereitelt – vier Wochen liegt so ein gähngeschädigtes Gelenk in Gips. Danach ist die Saison vorbei.
Schlimm wird es erst nächstes Jahr.














