Alles wird immer teurer
: Ist ein normales Gehalt heute weniger wert?

Was die Statistiken darüber verraten, ob Beschäftigte heute tatsächlich weniger Kaufkraft haben als früher.
Von
Lukas Böhl
Berlin
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Schulden der hessischen Kommunen: SYMBOLBILD: Geldscheine mit dem Wert von 100 und 50 Euro liegen auf einem Tisch. (zu dpa: «Millionenfund auf der Autobahn – Fahrer schweigt vor Gericht»)

Bekommt man heute weniger für sein Geld?

Monika Skolimowska/dpa

Lebensmittel, Tanken, Dienstleistungen: Vieles kostet heute deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig sind auch die Löhne kräftig gestiegen. Reicht ein normales Gehalt deshalb heute weiter – oder bleibt vom Lohnplus nach der Inflation kaum etwas übrig? Ein Blick auf zehn Jahre zeigt: Ganz so schlecht wie das Gefühl ist die Entwicklung nicht. Besonders groß ist der Fortschritt allerdings auch nicht.

Die Zahl klingt zunächst beachtlich: Zwischen 2015 und 2025 sind die Löhne in Deutschland im Durchschnitt um gut 35 Prozent gestiegen. Wer nur auf die Entwicklung der Gehälter schaut, könnte also annehmen, dass Arbeitnehmer heute deutlich besser dastehen als vor zehn Jahren.

Doch gleichzeitig ist das Leben erheblich teurer geworden. Das allgemeine Preisniveau stieg im selben Zeitraum um rund 29 Prozent.

Damit bleibt von dem kräftigen Lohnanstieg nach Abzug der Inflation deutlich weniger übrig. Die reale Kaufkraft der Löhne erhöhte sich zwischen 2015 und 2025 lediglich um knapp fünf Prozent.

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Die kurze Antwort auf die Frage, ob ein normales Gehalt heute weniger wert ist als vor zehn Jahren, lautet deshalb: Im Durchschnitt nein. Aber es ist auch längst nicht so viel mehr wert, wie der Anstieg der Gehälter vermuten lässt.

Auf dem Gehaltszettel stehen theoretisch gut 35 Prozent mehr. Die zusätzliche Kaufkraft beträgt dagegen nur etwa fünf Prozent.

Die Inflation hat einen Großteil der Erhöhung aufgezehrt

Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viel Geld Arbeitnehmer verdienen, sondern was sie dafür kaufen können.

2015 lag der Nominallohnindex in Deutschland bei 73,9 Punkten. Bis 2025 stieg er auf 100. Der Reallohnindex, bei dem die Preisentwicklung bereits berücksichtigt ist, erhöhte sich im gleichen Zeitraum lediglich von 95,3 auf 100 Punkte.

Das bedeutet: Der überwiegende Teil der Gehaltssteigerungen der vergangenen zehn Jahre war nötig, um höhere Preise auszugleichen.

Besonders deutlich wird das, wenn man nicht bis 2015 zurückgeht, sondern auf die Zeit unmittelbar vor der Corona-Pandemie schaut.

2019 lag der Reallohnindex bei 100,5 Punkten. 2025 waren es 100 Punkte. Die durchschnittliche Kaufkraft der Löhne hatte sechs Jahre später also noch nicht ganz wieder das Niveau erreicht, auf dem sie schon vor der Pandemie gelegen hatte.

Dazwischen liegt der große Inflationsschock.

2020 gingen die Reallöhne zurück. 2021 stagnierten sie. 2022 folgte der stärkste Einbruch: Die Verbraucherpreise stiegen in diesem Jahr um 6,9 Prozent, die Nominallöhne dagegen nur um 2,5 Prozent. Unter dem Strich verloren Arbeitnehmer innerhalb eines Jahres 4,1 Prozent reale Kaufkraft.

Auch 2023 war kaum Erholung zu sehen. Erst 2024 und 2025 stiegen die Löhne wieder deutlich schneller als die Preise.

Die kräftigen Gehaltserhöhungen der vergangenen Jahre waren deshalb zu einem erheblichen Teil Aufholarbeit.

Warum sich das Leben trotzdem viel teurer anfühlt

Dass die Reallöhne über zehn Jahre immerhin leicht gestiegen sind, passt auf den ersten Blick schlecht zu dem verbreiteten Eindruck, dass das Geld heute deutlich schneller ausgegeben ist.

Ein Grund dafür ist das Preisniveau.

Sinkt die Inflationsrate von sechs auf zwei Prozent, bedeutet das nicht, dass Waren wieder billiger werden. Die Preise steigen lediglich langsamer weiter.

Das zeigt sich besonders deutlich bei Lebensmitteln. Im Jahr 2025 lagen die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im Durchschnitt gut 36 Prozent über dem Niveau von 2020.

Im August 2026 lag der entsprechende Preisindex sogar rund 37 Prozent über 2020.

Wer im Supermarkt einkauft, vergleicht den Preis eines Produkts dabei kaum mit der Inflationsrate. Entscheidend ist, dass ein Einkauf, der vor einigen Jahren beispielsweise 70 Euro gekostet hat, heute spürbar mehr kosten kann. Selbst wenn sich dieser Preis aktuell kaum noch erhöht, bleibt der vorherige Anstieg bestehen.

Das Gleiche gilt für viele Dienstleistungen. Einmal erreichte höhere Preise verschwinden in der Regel nicht wieder, nur weil die Inflation zurückgeht.

So kann die Statistik gleichzeitig zwei Dinge zeigen: Die Kaufkraft der Löhne steigt wieder – und das Leben bleibt trotzdem deutlich teurer als vor einigen Jahren.

Nicht jede Preissteigerung trifft gleich stark

Hinzu kommt, dass der Verbraucherpreisindex einen durchschnittlichen Warenkorb abbildet. Einen solchen Durchschnittshaushalt gibt es im wirklichen Leben nicht.

Für jemanden, der viel Auto fährt, haben Kraftstoffpreise eine größere Bedeutung. Ein Haushalt mit Kindern gibt möglicherweise einen größeren Anteil seines Einkommens für Lebensmittel aus. Mieter in einem alten Vertrag können eine völlig andere Kostenentwicklung erleben als Menschen, die gerade eine neue Wohnung suchen.

Auch die Höhe des Einkommens spielt eine Rolle. Wer einen großen Teil seines monatlichen Budgets bereits für Miete, Lebensmittel, Energie und Mobilität benötigt, kann steigende Preise schlechter ausgleichen als ein Haushalt, dem nach den notwendigen Ausgaben ein größerer Betrag übrig bleibt.

Genau deshalb kann sich die persönliche Kaufkraft schlechter entwickeln als der statistische Durchschnitt.

Und auch der Begriff „normales Gehalt“ hat Grenzen. Der Nominallohnindex misst die Entwicklung der Bruttomonatsverdienste aller Arbeitnehmer einschließlich Sonderzahlungen. Er ist kein Median-Nettoeinkommen und sagt nicht, wie viel einem konkreten Haushalt nach Steuern, Sozialabgaben und festen Ausgaben bleibt.

Für die grundsätzliche Entwicklung ist der Vergleich dennoch aussagekräftig: Die Löhne haben die Inflation über zehn Jahre geschlagen – allerdings nur knapp.

2026 stiegen die Reallöhne zunächst weiter

Zuletzt sah es so aus, als würde sich die Situation für Arbeitnehmer weiter verbessern.

Im zweiten Quartal 2026 lagen die Nominallöhne 4,1 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die Verbraucherpreise stiegen im gleichen Zeitraum um 2,5 Prozent. Daraus ergab sich ein reales Lohnplus von 1,5 Prozent.

Damit setzte sich die Erholung der Kaufkraft fort.

Gerade bei Beschäftigten mit niedrigen Einkommen waren die Lohnsteigerungen zuletzt sogar besonders hoch. Beim Fünftel der Vollzeitbeschäftigten mit den niedrigsten Verdiensten stiegen die Nominallöhne im zweiten Quartal um 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Doch seit dem Sommer hat sich das Bild bei den Preisen wieder eingetrübt.

Der neue Energieschock kommt zur Unzeit

Im August 2026 lag die Inflationsrate in Deutschland wieder bei 2,9 Prozent. Im Juni waren es noch 2,3 Prozent.

Verantwortlich dafür waren vor allem steigende Energiepreise. Energie kostete im August 10,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Kraftstoffe verteuerten sich sogar um 27,7 Prozent.

Das Statistische Bundesamt führt die starke Entwicklung bei Ölprodukten vor allem auf die Folgen des Iran-Kriegs für den Rohölmarkt zurück.

Für Autofahrer ist dieser Preisschock unmittelbar spürbar. Gleiches gilt für Haushalte mit Ölheizung: Leichtes Heizöl verteuerte sich zuletzt besonders stark.

Allerdings ist auch hier das Bild nicht einheitlich. Strom und Erdgas waren im August günstiger als ein Jahr zuvor. Von einem allgemeinen Anstieg sämtlicher Energiekosten kann deshalb keine Rede sein.

Für die Entwicklung der Kaufkraft ist der neue Preisschub trotzdem relevant. Die bislang jüngsten Zahlen zu den Reallöhnen beziehen sich auf das zweite Quartal. Die kräftigeren Preissteigerungen bei Energie folgten vor allem danach.

Ob die Löhne auch im dritten Quartal schneller gestiegen sind als die Lebenshaltungskosten, ist deshalb noch offen.

Ist ein normales Gehalt heute also weniger wert?

Über einen Zeitraum von zehn Jahren lautet die Antwort: Nein – zumindest im Durchschnitt nicht.

Die reale Kaufkraft der Löhne lag 2025 rund fünf Prozent höher als 2015.

Das ist jedoch ein vergleichsweise kleiner Fortschritt angesichts eines nominalen Lohnanstiegs von mehr als 35 Prozent. Und wer statt 2015 das Jahr 2019 als Vergleich nimmt, sieht bis 2025 praktisch keinen realen Fortschritt.

Genau darin liegt der Kern des Problems.

Arbeitnehmer sehen auf ihren Gehaltsabrechnungen deutlich höhere Beträge als vor einigen Jahren. Gleichzeitig sind Lebensmittel, Dienstleistungen und andere alltägliche Ausgaben ebenfalls erheblich teurer geworden. Ein großer Teil der Lohnerhöhungen wird deshalb allein dafür benötigt, das höhere Preisniveau auszugleichen.

Das erklärt, warum sich ein Gehalt heute kleiner anfühlen kann, obwohl es auf dem Papier deutlich größer geworden ist.

Die Statistik zeigt also nicht, dass ein durchschnittlicher Arbeitnehmer heute weniger Kaufkraft besitzt als vor zehn Jahren. Sie zeigt vielmehr, wie wenig zusätzlicher Wohlstand von einem beträchtlichen Lohnplus übrigbleiben kann, wenn gleichzeitig fast alles teurer wird.

Und der jüngste Anstieg der Energiepreise zeigt, wie schnell dieser kleine Vorsprung wieder unter Druck geraten kann.