Zerwürfnis bei Autozulieferer: Betriebsversammlung wird nach anhaltenden Pfiffen abgebrochen – Streit bei ZF eskaliert

Mitarbeiter von ZF Friedrichshafen laufen in einem Demonstrationszug zum Forum des Automobilzulieferer-Konzerns. (Archivbild)
dpa- ZF streicht übertarifliche Zulagen in Friedrichshafen, Belegschaft und Vorstand im Streit.
- Betriebsversammlung auf dem Messegelände brach vorzeitig ab – Pfiffe gegen die Personalchefin.
- Zulagen brachten am Bodensee im Schnitt etwa zehn Prozent mehr Gehalt, Kündigung zum 1. Juli 2027.
- Vorstand will Zulagen „zeitgemäß“ als erfolgsabhängige Komponente, Konzern verbuchte 2025 Verlust.
- Betriebsrat blockt Mehrarbeit, Lieferungen teils aus China – Stimmung in der Belegschaft „angespannt“.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Beim Autozulieferer ZF ist ein Streit zwischen dem Betriebsrat und dem Vorstand um übertarifliche Zulagen am Standort Friedrichshafen ausgebrochen. Eine Betriebsversammlung am Dienstag auf dem städtischen Messegelände machte ein schon länger schwelendes, tiefes Zerwürfnis sichtbar. Aus den Reihen von rund 5000 anwesenden Beschäftigten wurde die Personalvorständin Lea Corzilius anhaltend ausgepfiffen, sie verließ am Ende mit zwei anderen Managern vorzeitig die Messehalle 2. Wenig später endete die gesamte Veranstaltung, eine Fortsetzung ist laut dem Betriebsratsvorsitzenden Achim Dietrich für die Zeit nach der Sommerpause geplant. Wie, ist unklar. „Wir wollen den Vorstand überraschen“, so Dietrich.
Zerwürfnis zwischen Belegschaft und Vorstand
Unter den weltweiten ZF-Standorten ist der Stammsitz am Bodensee seit jeher bevorzugt – die aktuell 9600 Mitarbeiter aus der Getriebefertigung sowie den Abteilungen Forschung, Entwicklung und Verwaltung erhalten übertarifliche Zulagen, genannt Zeppelin-Zulage, Drehkreuz-Prämie oder auch Werkszulage. Im Ergebnis erhalten Beschäftigte am Bodensee zwischen 7 und 13 Prozent Gehalt über dem individuell geltenden Tarif, im Gesamtdurchschnitt sind das laut Betriebsrat etwa zehn Prozent.
Dieses Geld will der Vorstand künftig sparen, eine zuletzt 2007 verlängerte Vereinbarung wurde fristgemäß zum 1. Juli 2027 gekündigt. Die Kündigung geht noch auf die Ära des Vorstandsvorsitzenden Holger Klein zurück. Er wurde im Oktober vergangenen Jahres abgesetzt, auf seinen Posten folgte Mathias Miedreich. Mit ihm, so hofften die Belegschaftsvertreter, kehre ein neuer Stil und eine bessere Form der Kommunikation ein.
Gesprächsrunden brachten keine Bewegung in den Konflikt
Diese Hoffnung wird nun erschüttert. Mehrere Gesprächsrunden, zuletzt am Montag, hätten keine Bewegung gebracht, sagte Dietrich am Dienstag im Anschluss an die Betriebsversammlung. Ein Konzernsprecher kommentierte: „Die übertarifliche Zulage ist komplett aus der Zeit gefallen.“ Man wolle sie „zeitgemäß gestalten und zu einer erfolgsabhängigen Entgeltkomponente weiterentwickeln“. Das Geschäftsjahr 2025 schloss der Konzern mit einem Verlust von 2,1 Milliarden Euro ab, die Schulden betrugen 10,2 Milliarden Euro. Das laufende Jahr dürfte freundlicher ausfallen. Die Halbjahresbilanz wird Ende Juli vorgestellt, die Verluste haben sich dem Vernehmen nach nicht ausgeweitet. Auch soll im Herbst Geld durch den so gut wie abgeschlossenen Verkauf der ZF-Sparte für Fahrerassistenzsysteme an die Samsung-Tochter Harmann in die Kasse kommen.
Auf welchen Betrag der Konzern durch die Streichung der Gehaltszulagen in Friedrichshafen spekuliert, wird offiziell nicht gesagt, inoffiziell ist die Rede von rund 60 Millionen Euro jährlich. Das erbost Achim Dietrich, denn das Werk Friedrichshafen mache, im Gegensatz zu anderen Standorten, bedeutende Gewinne. Zahlen kursieren auch hier nur inoffiziell, von einem Plus von 220 Millionen Euro im vergangenen Jahr ist die Rede.
In Mitarbeiterschaft wächst die Wut
Und es könnten noch mehr sein, wie am Dienstag bekannt wurde. Denn der Betriebsrat verweigert seit dem Frühjahr seine Zustimmung zu freiwilliger Mehrarbeit in der Fertigung für Bus- und Lkw-Getriebe. Die Produkte werden international stark nachgefragt, Wochenendschichten wären nötig, um liefern zu können. Als Reaktion darauf, so heißt es, liefere ZF auf Geheiß des Managements derzeit auch von einem Werk in China aus, in dem die Getriebe baugleich hergestellt werden – um den Preis hoher zusätzlicher Flugfrachten. Dietrich dazu lediglich: „Ich habe das auch gehört.“ Und: „Das ist ein Unding.“
Die Mitarbeiterschaft habe den Betriebsrat am Dienstag mit großer Mehrheit beauftragt, für den Erhalt der übertariflichen Zulagen zu kämpfen, so der Betriebsratschef. Die Wut, die teilweise herrsche, habe auch damit zu tun, dass die Belegschaft 2025 bereits einer Verschiebung der Tariferhöhung um ein halbes Jahr sowie, was den Bereich von Forschung und Verwaltung angehe, einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 31,5 Stunden zugestimmt habe. Für die Betroffenen habe das bereits weitere rund zehn Prozent Gehaltseinbußen zur Folge gehabt. Er kenne Beschäftigte, so Dietrich, die hätten am Hochpreisstandort Bodensee inzwischen Mühe, ihren Wohnraum zu bezahlen. Die ganze Stimmung sei „wahnsinnig angespannt“. Das bestätigten nach Ende der Versammlung am Dienstagvormittag auch mehrere Beschäftigte. „Die Stimmung war miserabel“, sagte ein 51-Jähriger aus der Getriebefertigung. Ein 35-jähriger Ingenieur sagte: „Wir haben eine Superfirma, haben Superprodukte. Aber von der Arbeitgeberseite kam nichts.“