Gasspeicher-Füllstand erst bei 50 %
: Reicht das für den Winter?

Die deutschen Gasspeicher sind derzeit nur etwa zur Hälfte gefüllt. Kommen wir damit gut durch den Winter?
Von
Lukas Böhl
Berlin
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Gasspeicher: ARCHIV - 08.03.2022, Sachsen-Anhalt, Bad Lauchstädt: Ein Manometer zeigt den Druck im Erdgasnetz auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers der VNG AG an. (zu dpa: «Niedrige Gasspeicher-Füllstände: Grüne fordern Reiche zum Handeln auf») Foto: Jan Woitas/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Hat Deutschland genug Gas für den Winter?

Jan Woitas/dpa

Nach Angaben des BDEW lag der Füllstand am 15. August 2026 bei 49,7 Prozent. Das entspricht rund 122 Milliarden Kilowattstunden gespeichertem Erdgas.

Wie niedrig sind 50 Prozent im Vergleich zu früheren Jahren?

Der Blick zurück zeigt, dass die Speicher 2026 ungewöhnlich schwach gefüllt sind.

Bereits zum 1. Juli 2026 lag der Füllstand nur bei rund 41 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es zu diesem Zeitpunkt etwa 51 Prozent. Und selbst 2025 galt bereits als Jahr mit ungewöhnlich niedrigen Speicherständen. Bis Ende August 2025 stieg der Füllstand immerhin auf rund 71 Prozent. Im August 2024 waren die Speicher dagegen bereits zu etwa 95 Prozent gefüllt.

Auch die längerfristige Darstellung des BDEW macht den Unterschied sichtbar: Der Verlauf 2026 liegt Mitte August deutlich unter den Speicherständen der Jahre 2022, 2023 und 2024 und auch unter dem ohnehin schwachen Jahr 2025. Am 15. August 2026 waren lediglich 49,7 Prozent erreicht.

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Der aktuelle Wert ist damit nicht einfach saisonal üblich. Deutschland startet von einem deutlich niedrigeren Niveau in die letzten Monate der Befüllungssaison.

Allerdings ist der Vergleich mit früheren Jahren nicht ganz eins zu eins möglich. Auch die gesetzlichen Vorgaben haben sich verändert. Für 2024 galt beispielsweise noch ein Ziel von 95 Prozent zum 1. November. Aktuell liegt die Vorgabe für die meisten Speicher bei 80 Prozent; für mehrere ausdrücklich genannte Anlagen gilt ein niedrigeres Ziel von 45 Prozent.

Die sehr hohen Füllstände früherer Jahre waren also teilweise auch Ausdruck anderer regulatorischer Rahmenbedingungen.

Warum sind die Speicher derzeit so leer?

Der wichtigste Grund liegt im vergangenen Winter.

Deutschland war bereits mit vergleichsweise schwach gefüllten Speichern in die Heizperiode 2025/26 gestartet. Im Januar 2026 wurde es dann deutlich kälter. Dadurch stieg der Gasverbrauch, und es musste erheblich mehr Gas aus den Speichern entnommen werden.

Nach Berechnungen der Initiative Energien Speichern (INES) stammten im Januar rund 38 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus den Speichern. Die täglichen Ausspeicherungen waren etwa doppelt so hoch wie im Dezember. Ende Februar waren die Speicher dadurch nur noch zu rund 20 Prozent gefüllt.

Die anschließende Wiederbefüllung begann also von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau. Zum 1. April lag der Füllstand erst bei rund 22 Prozent. Bis zum 1. Juli stieg er lediglich auf 41 Prozent.

Warum wird nicht einfach schneller eingespeichert?

Technisch könnte Deutschland mehr Gas einspeichern. Entscheidend sind jedoch auch die Preise.

Speicherkunden kaufen typischerweise Gas, lagern es über mehrere Monate ein und nutzen oder verkaufen es im Winter. Wirtschaftlich attraktiv ist das vor allem dann, wenn Gas für eine spätere Lieferung im Winter teurer ist als Gas im Sommer. Die Preisdifferenz kann dann die Kosten der Speicherung ausgleichen.

2026 war dieser Anreiz zeitweise kaum vorhanden. Nach Angaben von INES haben die stark gestiegenen Gaspreise infolge der Entwicklungen im Nahen Osten dazu geführt, dass sich der sogenannte Sommer-Winter-Spread zeitweise ins Negative gedreht hat. Gas für den kommenden Winter war damit günstiger als kurzfristig verfügbares Gas. Für Marktteilnehmer lohnt es sich unter solchen Bedingungen deutlich weniger, heute Gas zu kaufen und zusätzlich für mehrere Monate einzulagern.

Das zeigt sich auch an der tatsächlichen Befüllung: Zwischen dem 17. Juli und dem 15. August wurden im Durchschnitt lediglich 0,39 Terawattstunden pro Tag eingespeichert.

Der niedrige Speicherstand bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Deutschland derzeit grundsätzlich zu wenig Gas bekommt. Er hat auch mit der Wirtschaftlichkeit der Speicherung zu tun.

Deutschland bekommt weiterhin Gas

Die Speicher sind ein wichtiger Puffer, aber sie sind nicht die einzige Gasquelle Deutschlands.

Das Land erhält laufend Erdgas über Pipelines, insbesondere aus Norwegen sowie über die Verbindungen zu den Niederlanden und Belgien. Zusätzlich kann LNG über deutsche und europäische Terminals importiert werden.

Die Bundesnetzagentur weist darauf hin, dass sich die Versorgungsstruktur seit Beginn der Energiekrise deutlich verändert hat. Deutschland verfüge inzwischen über verschiedene Importmöglichkeiten und sei eng in das europäische Gasnetz eingebunden. Nach der aktuellen Einschätzung der Behörde ist auf dem Weltmarkt ausreichend Gas verfügbar und es bestehen genügend Importmöglichkeiten.

Auch die Zahlen des BDEW zeigen, dass Deutschland 2026 bislang nicht grundsätzlich unter fehlenden Importen leidet. Die Nettoimporte lagen in den ersten sieben Monaten des Jahres mit rund 417 Milliarden Kilowattstunden etwa 10,8 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Der Speicherfüllstand allein sagt deshalb nicht, wie lange Deutschland noch mit Gas versorgt werden könnte. Auch während des Winters fließt ständig neues Gas ins Netz.

Wie voll müssen die Speicher bis November sein?

Nach der geltenden Gasspeicherfüllstandsverordnung müssen die meisten deutschen Speicher zum 1. November zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein. Für die Speicheranlagen in Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen gilt eine niedrigere Vorgabe von 45 Prozent.

Weil für verschiedene Speicher unterschiedliche Vorgaben gelten, liegt das Ziel für Deutschland insgesamt rechnerisch unter 80 Prozent. Der BDEW gibt einen Mischwert von ungefähr 70 Prozent für Anfang November an.

Von aktuell rund 50 Prozent aus ist dafür in den kommenden zweieinhalb Monaten noch eine deutliche Steigerung erforderlich.

Technisch ist das nach Berechnungen von INES möglich. Die Initiative kommt in ihren Szenarien zu dem Ergebnis, dass die Speicher bis zum 1. November auf rund 76 Prozent gefüllt werden könnten. Ob die entsprechenden Kapazitäten tatsächlich genutzt werden, hängt allerdings stark von den Gaspreisen und den Entscheidungen der Speicherkunden ab.

Reichen 70 oder 76 Prozent für den Winter?

Darauf gibt es keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort. Besonders wichtig ist die Temperatur.

Für einen Winter mit durchschnittlichen Temperaturen kommt INES in seinen Modellrechnungen zu dem Ergebnis, dass ein Speicherfüllstand von 76 Prozent zum 1. November ausreichen würde, um die Versorgung über den Winter sicherzustellen. In diesem Szenario wären die Speicher zum 1. April 2027 noch zu rund 31 Prozent gefüllt.

Bei einem außergewöhnlich kalten Winter sieht es anders aus. INES hat auch ein Szenario mit den sehr niedrigen Temperaturen des Wetterjahres 2010 berechnet. Darin wären 76 Prozent zu Beginn des Winters nicht ausreichend. Im Februar und März 2027 könnten zeitweise Versorgungslücken entstehen. Bei normalen oder warmen Temperaturverläufen reicht der angenommene Füllstand dagegen aus.
Dabei handelt es sich ausdrücklich um Szenarien und nicht um Vorhersagen. Wie sich die Versorgung tatsächlich entwickelt, hängt neben dem Wetter unter anderem von den Importen, der LNG-Verfügbarkeit, dem Verbrauch und den Marktpreisen ab.

Wie bewertet die Bundesnetzagentur die Lage?

Trotz des ungewöhnlich niedrigen Speicherstands sieht die Bundesnetzagentur derzeit keine akute Versorgungskrise. Nach ihrer aktuellen Lagebewertung ist die Gasversorgung in Deutschland stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet. Die Gefahr einer angespannten Versorgung stuft die Behörde aktuell als gering ein.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Speicherstände bedeutungslos wären. Speicher dienen gerade an sehr kalten Tagen als wichtiger Puffer, wenn der Verbrauch stark steigt und die laufenden Importe allein nicht ausreichen.

Je voller die Speicher zu Beginn des Winters sind, desto größer ist deshalb die Reserve für längere Kälteperioden oder mögliche Lieferausfälle.

50 Prozent sind niedrig – aber noch kein Grund für Alarm

Der Vergleich mit den vergangenen Jahren zeigt deutlich: Rund 50 Prozent Mitte August sind ein ungewöhnlich niedriger Speicherfüllstand. 2026 liegt Deutschland nicht nur weit unter den hohen Füllständen der Jahre 2023 und 2024, sondern auch unter dem bereits schwachen Vorjahr.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine Gasmangellage im Winter. Deutschland verfügt heute über mehr Importwege als noch zu Beginn der Energiekrise, und auch während der Heizperiode strömt laufend neues Gas ins Land. Die Bundesnetzagentur bewertet die aktuelle Versorgung deshalb weiterhin als stabil.

Entscheidend werden nun die kommenden Wochen. Steigt die Einspeicherung deutlich, kann Deutschland nach den vorliegenden Modellrechnungen mit einem ausreichenden Puffer in einen durchschnittlichen Winter gehen. Bleibt die Befüllung dagegen schwach und trifft gleichzeitig ein außergewöhnlich kalter Winter auf hohe Verbräuche oder eingeschränkte Importe, würde das Risiko steigen.