Gewinner der Energiekrise
: Wie die USA Europas Energiekrise ausnutzt

Während Europa unter der Energiekrise leidet, profitieren die USA von einem lukrativen Geschäft mit Flüssiggas. Doch der eigentliche Gewinn für Amerika könnte weit über den Energiemarkt hinausgehen - mit gravierenden Folgen für Europas Wirtschaft.
Von
Matthias Kemter
Stuttgart
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ARCHIV - 18.04.2024, Mecklenburg-Vorpommern, Sassnitz-Mukran: Von Schleppern begleitet transportiert der LNG Tanker "Arctic Lady" eine Ladung LNG zum Energie-Terminal ·Deutsche Ostsee·. Auf der Insel Rügen kann Flüssigerdgas über die ·Energos Power· angelandet und nach der Umwandlung in Gas über eine Erdgas-Anbindungsleitung vom Energie-Terminal ·Deutsche Ostsee· nach Lubmin in das deutsche Verteilnetz eingespeist werden. Nach Angaben der Firma ·Deutsche ReGas· sei das Energie-Terminal ·Deutsche Ostsee· für die Energieversorgung Ost- und Süddeutschlands sowie der Nachbarstaaten von großer Bedeutung. Spätestens am 15. Mai soll der Regelbetrieb beginnen und bis zum Sommer die volle Leistungsfähigkeit erreichen. (zu dpa: «Bundesgericht entscheidet über Anbindung für Rügener LNG-Terminal») Foto: Stefan Sauer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die USA profitieren von Europas Energiekrise: Hohe LNG-Exporte, günstige Gaspreise und wachsende Abhängigkeiten setzen Europas Industrie unter Druck.

dpa

Die Unterschiede auf dem internationalen Gasmarkt sind gewaltig. Während Erdgas in den USA Anfang November für rund drei US-Dollar je Million British Thermal Units (MMBtu) gehandelt wurde, mussten europäische Abnehmer zeitweise mehr als 30 US-Dollar bezahlen. Der Iran-Krieg und die damit verbundenen Störungen der Energieversorgung haben die Preise zusätzlich in die Höhe getrieben.

Für amerikanische Unternehmen eröffnet dieses Preisgefälle erhebliche Geschäftsmöglichkeiten. Einerseits profitieren sie von vergleichsweise niedrigen Energiekosten im eigenen Land, andererseits verkaufen US-Energiekonzerne Flüssigerdgas (LNG) zu deutlich höheren internationalen Marktpreisen.

US-Konzerne profitieren vom LNG-Boom

Wie stark Europas Energiebedarf den amerikanischen Exporteuren zugutekommt, zeigen aktuelle Zahlen. Laut Reuters erreichten die US-LNG-Exporte im Oktober den zweithöchsten Monatswert seit Beginn der Aufzeichnungen. Allein nach Europa wurden 6,89 Millionen Tonnen Flüssiggas geliefert, fast eine Million Tonnen mehr als im September.

Unternehmen wie Cheniere Energy und Venture Global können von der starken Nachfrage profitieren. Europa benötigt zusätzliche Gaslieferungen, während geopolitische Spannungen im Nahen Osten das weltweite Angebot belasten.

Dabei wächst auch Europas Abhängigkeit von amerikanischer Energie. Nach Angaben der europäischen Energieregulierungsagentur ACER stammten 2025 bereits 58 Prozent der LNG-Importe der EU aus den Vereinigten Staaten. Damit haben sich die USA zu einem zentralen Energiepartner Europas entwickelt.

Europas Energiekrise stärkt Amerikas Industrie

Doch die wirtschaftlichen Folgen könnten weit über das Gasgeschäft hinausreichen. Während amerikanische Unternehmen von günstiger heimischer Energie profitieren, geraten europäische Industriebetriebe zunehmend unter Kostendruck.

Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Düngemittelproduktion sind betroffen. Müssen europäische Hersteller dauerhaft deutlich mehr für Erdgas bezahlen als ihre amerikanischen Konkurrenten, verschlechtert das ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Damit wächst auch der Anreiz, neue Produktionsstätten in den USA statt in Europa zu errichten. Aus einer vorübergehenden Energiekrise könnte so ein langfristiger Standortnachteil für die europäische Industrie entstehen.

Deutschlands Gasreserven erhöhen den Druck

Zusätzlich verschärft wird die Lage durch die niedrigen deutschen Gasspeicherstände. Anfang November waren die Speicher lediglich zu rund 61 Prozent gefüllt. Damit wurde die gesetzliche Füllstandsvorgabe von durchschnittlich 70 Prozent zum 1. November deutlich verfehlt.

Die Bundesnetzagentur sieht derzeit zwar keine akute Gefährdung der Versorgung, dennoch verringern die niedrigen Speicherstände Deutschlands Puffer für einen besonders kalten Winter oder mögliche Lieferausfälle.

Für amerikanische LNG-Anbieter bedeutet Europas hoher Energiebedarf zusätzliche Absatzmöglichkeiten. Je länger die angespannten Marktbedingungen bestehen bleiben, desto größer könnte der wirtschaftliche Vorteil der USA ausfallen.

Europa zahlt – Amerika profitiert

Die Energiekrise macht deutlich, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen auf beiden Seiten des Atlantiks sind. Europa muss hohe Kosten für Energieimporte schultern, während die USA ihre umfangreichen Gasvorkommen sowohl zur Versorgung der eigenen Wirtschaft als auch für lukrative Exporte nutzen.

Das bedeutet nicht, dass Washington die Krise gezielt herbeigeführt hat. Amerikanische Unternehmen nutzen jedoch die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich aus Europas angespannter Energieversorgung ergeben.

Für Europa liegt darin eine langfristige Gefahr: Bleiben die Energiepreise dauerhaft hoch, könnten nicht nur Milliarden für Gasimporte in die USA fließen, sondern auch industrielle Investitionen und Arbeitsplätze zunehmend auf die andere Seite des Atlantiks abwandern.