218 v. Chr.: Logistische Meisterleistung
: Wie brachte der karthagische Feldherr Hannibal Elefanten über die Alpen?

Der Zug über die Alpen mit Kriegselefanten hat den antiken karthagischen General Hannibal zur historischen Legende gemacht. Doch welchen Weg ging er über das Hochgebirge?
Von
Markus Brauer
Halle/Jena/Leipzig
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Der karthagische Heerführer Hannibal zog 218 v. Chr. mit einem Teil seines Heeres von der Iberischen Halbinsel nach Italien, um einem römischen Angriff auf Spanien und Nordafrika zuvorzukommen. Vermutlich zog der Punier über das Tal der Rhone und dann über das Tal der Isère in neun Tagen weiter in die Alpen.

Der karthagische Heerführer Hannibal zog 218 v. Chr. mit einem Teil seines Heeres von der Iberischen Halbinsel nach Italien, um einem römischen Angriff auf Spanien und Nordafrika zuvorzukommen. Vermutlich zog der Punier über das Tal der Rhone und dann über das Tal der Isère in neun Tagen weiter in die Alpen.

Imago/Zoonar
  • Neue Studie bewertet Hannibals Alpenroute mit bioenergetischen Modellen – Traversette am effizientesten.
  • Col de la Traversette: kürzeste und energieärmste Option, Gesamtaufwand 5,42 TJ.
  • Alternativen kosteten mehr Energie: Montgenèvre 6,02 TJ, Clapier 6,28 TJ, Mont Cenis 6,45 TJ.
  • Modelle zeigen hohe Belastung: Soldaten verloren etwa 19 % Fettreserven, Elefanten rund 4 %.
  • Forschende von iDiv, Jena und Oxford veröffentlichten Ergebnisse in „PNAS“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eine neue Studie liefert Hinweise auf die wahrscheinlichste Route der berühmten Alpenüberquerung des karthagischen Feldherrn Hannibal. Sie zeigt, dass der Col de la Traversette die energieeffizienteste Route gewesen wäre.

Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Oxford führten die Studie durch. Die Ergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)“ erschienen.

Einer der berühmtesten Feldzüge der Geschichte

Die Studie eröffnet einen neuen Blick auf einen der berühmtesten Feldzüge der Geschichte: Hannibals Alpenüberquerung im Jahr 218 v. Chr. mit einer Armee von rund 40.000 Soldaten, 7000 Pferden und 37 Kriegselefanten. Um die Wahrscheinlichkeit alternativer Routen zu bewerten, nutzte das Forscherteam einen bioenergetischen Ansatz. Im Fokus stand der Energiebedarf der Reise, insbesondere für die Kriegselefanten.

Der Energiebedarf der verschiedenen Routen, die Hannibals Elefanten gegangen sein könnten, unterscheidet sich deutlich. Das Foto zeigt einen Afrikanischen Elefanten am Mount Kenya.

Der Energiebedarf der verschiedenen Routen, die Hannibals Elefanten gegangen sein könnten, unterscheidet sich deutlich. Das Foto zeigt einen Afrikanischen Elefanten am Mount Kenya.

Robbie Labanowski/Save the Elephant

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Hannibal den Col de la Traversette überquerte und nicht den Col du Clapier, der bislang als wahrscheinlichste Route galt.

Hannibals nordafrikanische Elefanten quälten sich 218 v. Chr. über die Alpen.

Hannibals nordafrikanische Elefanten quälten sich 218 v. Chr. über die Alpen.

Imago/Zoonar

Mithilfe von Routenmodellen und Höhendaten berechneten die Wissenschaftler den Energieaufwand für jede der infrage kommenden Routen. Genutzt wurden bioenergetische Modelle, die mit Daten heutiger afrikanischer Elefanten den Energieverbrauch in Abhängigkeit von Körpermasse und Geländeneigung berechnen.

Welche Alpenroute die energieeffizienteste war

Col de la Traversette: Den Berechnungen zufolge wäre der Col de la Traversette die kürzeste und auch die energieeffizienteste Route gewesen. Der Energieaufwand für die gesamte Armee hätte bei 5,42 TJ (10^12 Joule) gelegen.

Der Col de la Traversette in den Cottischen Alpen: Hier ist Hannibals Heer um 218 v. Chr. möglicherweise durchgezogen.

Der Col de la Traversette in den Cottischen Alpen: Hier ist Hannibals Heer um 218 v. Chr. möglicherweise durchgezogen.

© Luca Bergamasco/CC-by-sa 3.0

Zur Info: Ein Terajoule (TJ) ist eine physikalische Maßeinheit für Energie und entspricht einer Billion Joule (J). In der Energiewirtschaft entspricht 1 TJ ungefähr 277.777 kWh (Kilowatt) Strom. Diese Einheit wird häufig für die Erfassung von industriellem Energieverbrauch oder nationalen Statistiken verwendet.

Col de Montgenèvre: Die „zweitplatzierte“ Route führt über den Col de Montgenèvre in die Poebene bei Susa und hätte 6,02 TJ erfordert.

Col de Montgenèvre

Col de Montgenèvre

Francofranco56/Wikicommons/gemeinfrei

Col du Clapier: Die Route über den Col du Clapier belegte mit 6,28 TJ den dritten Platz.

Col de Clapier, mit Blick auf Turin.

Col de Clapier, mit Blick auf Turin.

Edward Boenig, Stanford University/Wikicommons/CC BY-SA 2.5

Col du Mont Cenis: Die Überquerung des Col du Mont Cenis hätte mit 6,45 TJ den höchsten Energieaufwand verursacht.

Col du Mont Cenis

Col du Mont Cenis

Geoz/Wikicommons/geminfrei/CC BY-SA 3.0

Im Vergleich zur Traversette-Route hätten die Routen über den Col de Montgenèvre, den Col du Clapier und den Col du Mont Cenis für die Armee jeweils 11 Prozent, 16 Prozent oder 19 Prozent mehr Energie erfordert.

Enorme körperliche Belastung für Menschen und Tiere

Die Ergebnisse verdeutlichen zudem die enorme körperliche Belastung, die der Marsch durch die Alpen für die karthagische Armee bedeutete. Den Modellrechnungen zufolge hätten die Soldaten auf der Traversette-Route rund 19 Prozent ihrer Körperfettreserven verloren, was die hohen Todeszahlen erklären könnte.

Für die Kriegselefanten ergaben die Berechnungen hingegen einen Verlust von lediglich etwa 4 Prozent ihrer Energiereserven. Dies könnte der Grund dafür sein, dass viele Elefanten die Alpenüberquerung überlebten.

Der Zug über die verschneiten Gebirgspässe forderte Tausende von Opfer.

Der Zug über die verschneiten Gebirgspässe forderte Tausende von Opfer.

Imago/UIG
Mit der für unmöglich gehaltenen Route über die Alpen wollte Hannibal die Römer überraschen und militärisch in die Knie zwingen.

Mit der für unmöglich gehaltenen Route über die Alpen wollte Hannibal die Römer überraschen und militärisch in die Knie zwingen.

Imago/Photo12
So stellte sich ein Historienmaler Hannibal bei der Alpenüberquerung vor.

So stellte sich ein Historienmaler Hannibal bei der Alpenüberquerung vor.

Imago/Dreamstime

Co-Autor Emilio Berti vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und der Friedrich-Schiller-Universität Jena erklärt: „Die Frage nach Hannibals genauer Route wird seit Generationen diskutiert. Die neue Analyse beseitigt zwar nicht alle Unklarheiten, liefert aber zusätzliche Argumente für die Traversette-Route. Sie zeigt, dass diese Route den Anforderungen eines Marsches einer großen Armee mit Elefanten durch anspruchsvolles Gelände am besten entsprochen hätte.“

Von Saguntum durch das Tal der Isére und Rhone nach Italien

Vermutlich zog Hannibal mit seiner Armee von der spanischen Küstenstadt Saguntum, die er kurz zuvor erobert hatte, über die Täler der Isére und Rhone weiter in die Alpen. Im Hochgebirge führten Kämpfe mit ansässigen keltischen Bergstämmen und das schlechte Wetter beim Aufstieg zu horrenden Verlusten. Auf dem Gebirgspass musste das Heer drei Tage lagern, bis Geröll und Gestein auf der Abstiegsseite beseitigt waren.

Den Berechnungen der Forscher zufolge wäre der Col de la Traversette die kürzeste und auch die energieeffizienteste Route gewesen.

Den Berechnungen der Forscher zufolge wäre der Col de la Traversette die kürzeste und auch die energieeffizienteste Route gewesen.

iDiv/PNAS

Den Abstieg beschreíbt der römische Historiker Livius als verschneit und rutschig. Alle 37 Elefanten überlebten die Überquerung der Alpen. In den kommenden Wintermonaten starben jedoch alle bis auf Hannibals Leittier.  Die Überquerung der Alpen dauerte insgesamt 16 Tage.

Hannibals Heer windet sich durch die schneebedeckten Alpenpässe.

Hannibals Heer windet sich durch die schneebedeckten Alpenpässe.

Imago/GRANGER Historical Picture Archive
So stellte sich ein Künstler des frühen Jahrhunderts die Alpenüberquerung der Karthager vor.

So stellte sich ein Künstler des frühen Jahrhunderts die Alpenüberquerung der Karthager vor.

Imago/KHARBINE-TAPABOR

Bis heute ist unklar, warum Hannibal während der Punischen Kriege überhaupt Elefanten einsetzte. Möglicherweise sollten sie in den ersten Schlachten gegen die Römer einen taktischen Überraschungseffekt erzielen. Ebenso denkbar ist, dass Hannibal hoffte, mit ihnen die keltischen Stämme Norditaliens zu beeindrucken und sie als Verbündete zu gewinnen.