Vor 30 Jahren hat Motorola das erste tragbare Telefon für den Markt präsentiert. Zum Jubiläum erinnern sich StZ-Redakteure an ihr erstes Handy. Nicht immer war es Liebe auf den ersten Blick, bei manchem aber der Anfang einer glücklichen Beziehung.
Drei Kilogramm Stolz: Es war im Jahr 1990, und es war das Siemens C3, ein Kunststoffkoffer mit einem Hörer dran. Breite 21 Zentimeter, Höhe 17 Zentimeter, Tiefe acht Zentimeter, Gewicht, 2,5 Kilogramm. Dazu der Hörer und das Spiralkabel mit 300 Gramm und der Akku mit 500 Gramm Gewicht. Preis: rund 8000 Mark. Mit einem Schultergurt konnte man sich das C 3 umhängen. So ein Ding hat mir mein damaliger Arbeitgeber Gruner & Jahr zur Verfügung gestellt, weil ich seinerzeit bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden gearbeitet habe, wo das Festnetz 1990 quasi nicht existent war. Ich fuhr damals einen acht Jahre alten Golf Diesel mit mehr als 200.000 Kilometern auf dem Buckel. Und ich empfand es als Gipfel der Lässigkeit, Auto zu fahren, den linken Arm im geöffneten Fenster, die rechte Hand am Siemens C3. Dummerweise lag der Zeitwert des Autos bei etwa einem Drittel des Wertes des Telefons. Aber dennoch war das verdammt cool. (Ralf Gunkel ist stellvertretender Leiter des StZ-Lokalressorts.)
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Unverwüstlich: Ich habe nie verstanden, warum man Satelliten ins All schießt, damit es auf der Königstraße Gespräche wie diese gibt: Er: „Ja wo bist Du denn?“ Sie: „Na hier, beim Wittwer.“ Er: „Ich sehe Dich nicht. Wo denn?“ Sie: „Na hier unten“. Er: „Ah, ich bin oben. Bis gleich!“ Unnütz, und daher war ich Handyverweigerer. Im Dezember 2003 hat sich das geändert. Um mich herum hat da schon jeder SMS getippt und unnütze Gespräche geführt. Es war blöde geworden, Verabredungen zu verpassen. Mein Siemens S55 war nicht der neueste Schrei, aber ich habe es noch heute. Als Auslandseinsatzersatzgerät. Es hat brasilianische und ukrainische Sim-Karten verdaut, japanische und indische. Die Tasten mit der „2“ und der „3“ sind ihm abhanden gekommen, aber es funktioniert fröhlich weiter. Der Akku hält noch immer mehrere Tage, was man von Smartphones nicht gerade behaupten kann. Unnötig zu sagen, dass ich nie verstanden habe, warum man seine E-Mails auch in der Kneipe lesen können muss. (Christian Gottschalk ist StZ-Redakteur für Außenpolitik.)
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Die Macht der Frau: Mit einem gesunden Misstrauen gegen Neuerungen aller Art ausgestattet, waren mir Handys gleich suspekt. Zu meinem als Junggeselle begangenen 30. Geburtstag schrieb mir ein Kollege: „Er hat keinen Trauschein, kein Kind und kein Handy. Naja – ohne das Erste darf er das Zweite nicht machen, und ohne das Dritte kriegt er das Erste nicht. Ein Teufelskreis – für Katholiken.“ Meine Schwester überließ mir daraufhin ihr abgelegtes Handy. Dessen Abmessungen waren dergestalt, dass es auf keinen Fall in der Hosentasche mitgeführt werden konnte, ohne obszön zu wirken. Auch funktionierte es bald nur noch, wenn es mit einer Steckdose verbunden war. Ich kehrte zu meiner mobilfunktechnischen Einsiedelei zurück und lernte trotzdem kurz darauf meine spätere Frau kennen. Die hatte überraschend wenig an mir auszusetzen, wenn man von meiner Handylosigkeit absah. Sie legte mir unter den ersten gemeinsamen Weihnachtsbaum ein Handy, schenkte mir bald ein Smartphone und nahm den Heiratsantrag an. Heute aber wünscht sie sich Zeiten, in denen ich nicht aufs Handy schaue. (Christian Milankovic ist stellvertretender Chef des StZ-Lokalressorts.)
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Erhaben wie J.R.: Dienstagabend in den 80er Jahren, „Dallas“ unterhält mit Intrigen aus der Welt reicher Öl-Barone. Auf der Familienranch schwimmt J.R. Ewing im Pool, als eine Angestellte ihm das Telefon reicht. Eins ohne Kabel! Es ist ein mobiler Riesenknochen, und es muss zunächst eine Antenne ausgezogen werden wie beim Transistorradio. Egal, diese hochmoderne Technik ist beeindruckend – und so unerreichbar weit weg wie der Ort, wo die Serie spielt. Es sollte bis Anfang der 90er Jahre dauern, bis ich selbst ein Mobiltelefon nutzen durfte – als Redakteur eines lokalen Radiosenders. Es gab ein Autotelefon, das für Reportagen ausgebaut und mitgenommen werden konnte. Der Hörer groß, die zugehörige Technik nebst schwerem Akku steckte in einem tragbaren Gehäuse. Man brauchte also beide Hände. Aber es gab eine Freisprecheinrichtung, so dass Live-Reportagen professionell aussahen. Geklungen haben sie im Radio natürlich wie normales Telefon, vorausgesetzt, die Verbindung über das C-Netz war stabil. Und doch fühlte ich mich erhaben wie J.R. (Roland Böckeler ist Redakteur in der StZ-Kreisredaktion Ludwigsburg.)
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Wiesenspektakel: Es war im November 1991. Die StZ-Lokalredaktion war kommunikativ bestens ausgestattet: Die Fotografen hatten einen Betriebsfunk, für die Schreiber stand an jeder Ecke der Stadt eine Telefonzelle. Also musste man, zumal als Polizeireporter, stets einen Sack Zehnerle und mindestens zwei Telefonkarten dabei haben. Im November 1991 stieg jedoch ein Mitarbeiter der Deutschen Telekom als Praktikant ein. Der erzählte von neuen Apparaten und brachte schließlich einen zum Test mit. Und wer „durfte“ ihn ausprobieren? Klar: die Polizeireporter. Ein spektakulärer Unfall oder Brand, die sofortigen Kontakt zur Redaktion erforderten, ereignete sich in diesen Tagen nicht. Dafür wurde der Schreiber dieser Zeilen zur Sensation auf einer Obstwiese in Kaltental. Dort war ich bei einem Schnittkurs für Hobbygärtner als Reporter. Ich holte das kiloschwere Teil aus der Tasche, zog die Antenne heraus, rief die Redaktion an und berichtete von den Zweigen, die zwanzig Leute gerade von den Kirschen- und Zwetschgenbäumen entfernten. (Klaus Wagner ist StZ-Redakteur in der Kreisredaktion Ludwigsburg.)
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Alte Liebe: Von allen technischen Errungenschaften habe ich höchstens noch meine Märklin-Eisenbahn so geliebt wie das Satellitentelefon, das die StZ anschaffte, als ich in Afrika Korrespondent war. Die Dinger waren auf die Größe eines Laptops geschrumpft, und je genauer die Antenne auf einen Satelliten ausgerichtet war, desto schneller piepste es. Die Verbindung stand, und schwupp! war mein Text in Stuttgart. Ganz ohne aufgeschraubte Telefondosen, ohne zusammengezwirbelte Drähte, ohne entnervende Wieder- und Wiederwählerei. 1999 kam ich zurück. Mittlerweile hatte in Deutschland Kreti und Plethi ein Handy, ich bekam eines aus den Beständen. Es war ziemlich groß und hatte eine Stummelantenne, was ich damals ganz normal fand. Bis ein Kollege einen Blick darauf warf und höhnisch sagte: „Mit so einer Gurke hättest du bei meiner Tochter keine Chance!“ Eigentlich ein trauriger Moment im Leben eines Produkts: wenn es jeder hat, wenn es nichts Besonderes mehr ist, hat sich der Zauber der technischen Innovation verzehrt. (Wolfgang Kunath arbeitet heute als StZ-Korrespondent in Rio de Janeiro.)
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Design-Diva: Hollywood hatte es vor mir entdeckt. In Blockbustern wie „Drei Engel für Charlie“ glänzte das Nokia 8210 trotz matter Oberschale in seiner Rolle. Bei mir war es im Jahr 2000 Liebe auf den ersten Blick: Dieses kleine Ding, das bevorzugt Damen in ihren Handtaschen versenkten, eroberte mein Herz. Männer wie ich tippten damals ihre SMS auf einem Siemens-Handy. Mist, dachte ich und schielte immer auf das Telefon meiner Kollegin. Der Neidfaktor war hoch. Sehr hoch. Da der Handyvertrag noch ewig lief, ging ich ein unmoralisches Angebot ein: das Nokia 8210 im Tausch gegen eine neue Handynummer und viele DM-Scheine. Endlich lag der Winzling in meiner Hand. Kleine Tasten sind beim Tippen unpraktisch? Egal. Es gibt hohe Strahlungswerte wegen der integrierten Antenne? Egal. Die drei Engel Cameron Diaz, Drew Barrymore and Lucy Liu haben es auch überlebt. Und überhaupt, Eleganz hat ihren Preis. Toll war auch, dass man bei diesem Modell die Oberschalen wechseln konnte. Für die Design-Diva gab es ein Kleid in der Farbe Perlmutt. (Sascha Sauer berichtet für die StZ aus Fellbach.)
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Daneben gelegen: Mitte der 90er Jahre war ich Jungredakteur bei einer Zeitung in Hamburg und litt unter einem Vorgesetzten. Mann, war das ein Sprücheklopper! Tat immer wahnsinnig wichtig, machte aber jeden Tag früh Feierabend. Blödi. Und immer ausgestattet mit dem neuesten technischen Schnickschnack. Natürlich besaß er längst auch so ein affiges Mobiltelefon, mit dem man jetzt immer mehr Hamburger wichtig-wichtig dauerquasselnd durch die Stadt laufen sah. Also begann ich aus Rache in unserer Zeitung Handy-Glossen zu schreiben. Was für ein überflüssiger Kram das alles sei! Unpraktisch. Potthässlich. Präpotent. Ich schrieb: „Was dem Balletttänzer in der Strumpfhose die Hasenpfote, ist dem Manager der Telefonknochen. Penisverlängerung.“ Wirklich! Dieses Wort schrieb ich! „Penisverlängerung.“ Daraufhin wollte ein Leser wissen, wie viel das kostet. Gelesen hat mein Vorgesetzter all meine spitzfedrige Gesellschaftskritik wohl nie. Er las nie das eigene Blatt, sondern nur „Manager Magazin“. Kurz darauf begann ich eine Fernbeziehung. Und kaufte mir schnell ein Handy. (Tim Schleider leitet das StZ-Kulturressort.)
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Stuttgart - Mit dem genauen Datum ist es bei Jubiläen manchmal so eine Sache. Geburtstage, Weltrekorde und Katastrophen lassen sich in der Regel exakt einem Datum zuordnen. Bei den tragbaren Telefonen ist das aber nicht so einfach. Zählt der Tag der Präsentation vor Journalisten, der Tag der Zulassung bei der Bundesbehörde für Kommunikation oder der erste Tag, an dem man es kaufen konnte? Gilt ein Satellitentelefon auch? Zählt das C-Netz oder erst das D-Netz? Könnte man nicht auch den Prototypen des ersten Handys dazurechnen? Denn immerhin dauerte die Entwicklung des allgemein als erstes Handy gehandelten Motorola Dynatac zehn Jahre.
Bereits am 3. April 1973 telefonierte Martin Cooper, der Leiter des Mobiltelefonprojekts bei dem US-amerikanischen Elektronikhersteller Motorola, zum ersten Mal mit einem Prototypen des Dynatac. Doch erst am 13. Juni 1983, heute vor 30 Jahren, wurde das erste Mobiltelefon der Öffentlichkeit vorgestellt. Es wird nicht die letzte Gelegenheit sein, den Geburtstag zu feiern, denn am 21. September 1983 kam es schließlich auf den Markt.
Dieser Knochen von Motorola ist der Urvater aller Handys. Man sollte meinen, dass das Gerät mit seinen rund 800 Gramm Gewicht und dem stolzen Preis von knapp 4000 US-Dollar nicht unbedingt für den Massenmarkt geeignet war. Trotzdem hatten schon ein Jahr später etwa 300 000 Menschen dieses Telefon gekauft. Eine Stunde lang konnte man damit im C-Netz telefonieren. Dieses analoge Funknetz wurde 1984 in Deutschland eingeführt und im Jahr 2000 eingestellt.
Im Jahr 1992 brachte dann ebenfalls die Firma Motorola das erste GSM-Handy „International 3200“ auf den deutschen Markt. Im gleichen Jahr ging am 30. Juni D2 Mannesmann (heute Vodafone) und einen Tag später das D1-Netz von der Telekom in Betrieb. Bis heute sind diese beiden Netze sowie seit 1994 auch das E-Netz Standard. Die breite Masse erreichte man um das Jahr 2000. Seinerzeit bekam man Vertragshandys für eine D-Mark. Im Jahr 2006 gab es in Deutschland bereits mehr Handys als Einwohner.