Angststörungen, Depression & Co
: 1,2 Milliarden Menschen sind psychisch krank

1,2 Milliarden Menschen sind psychisch krank Die Zahl psychisch kranker Menschen hat sich laut einer Studie in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt.
Von
Markus Brauer
Brisbane/Seattle
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Der Bericht in "The Lancet" beschreibt psychische Störungen als weit verbreitete Krankheiten, die großes menschliches Leid und langfristige Gesundheitseinbußen verursachen.

Der Bericht in "The Lancet" beschreibt psychische Störungen als weit verbreitete Krankheiten, die großes menschliches Leid und langfristige Gesundheitseinbußen verursachen.

Imago/Zoonar
  • Psychische Erkrankungen betreffen rund 1,2 Milliarden Menschen – fast doppelt so viele wie 1990.
  • Treiber sind stark mehr Angststörungen und Depressionen; beide sind inzwischen am häufigsten.
  • Größte Belastung liegt bei 15- bis 19-Jährigen, was Bedarf an früher Prävention unterstreicht.
  • Frauen sind häufiger betroffen, vor allem durch Depressionen und Angststörungen.
  • Versorgung wächst nicht mit: Bericht warnt vor steigender Last und unzureichenden Angeboten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Zahl der Menschen, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, hat sich in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt. Hauptgrund sind die Zahl stark angestiegener Fälle von Angststörungen und Depressionen weltweit, wie eine neue Studie im Fachjournal „The Lancet“ zeigt.

Die Analyse, die als Teil der „Global-Burden-of-Disease-Studie 2023“ erschienen ist, schätzt, dass im Jahr 2023 rund 1,2 Milliarden Menschen mit einer psychischen Erkrankung lebten. Das entspricht einem Anstieg um 95 Prozent seit 1990.

Wissenschaftler des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Seattle (US-Bundesstaat Washington) und der Universität Queensland im australischen Brisbane haben für die Studie untersucht, wie oft psychische Krankheiten vorkommen und wie stark die dadurch ausgelöste Belastung ist. Die Daten haben sie nach Geschlechtern, in 25 Altersgruppen, 21 Regionen und 204 Ländern und Gebieten im Zeitraum von 1990 bis 2023 ausgewertet – die bislang umfangreichste Auswertung ihrer Art, schreiben die Forscher.

Für schwere depressive Störungen und Angststörungen fällt der Zuwachs noch deutlicher aus: ein Plus von 131 beziehungsweise 158 Prozent. Beide Diagnosen sind inzwischen die weltweit zwei häufigsten psychischen Erkrankungen.

„Auf die psychischen Bedürfnisse der Weltbevölkerung einzugehen, besonders der verletzlichsten Menschen, ist eine Verpflichtung – keine Option“, schreiben die Autoren.

Der Bericht beschreibt psychische Störungen als weit verbreitete Krankheiten, die großes menschliches Leid und langfristige Gesundheitseinbußen verursachen. Neben dem persönlichen Preis belasten sie Familien, Arbeitsplätze sowie Staaten, weil Produktivität sinkt, weniger Menschen am Arbeitsmarkt teilnehmen und der Druck auf Sozial- und Gesundheitssysteme wächst.

Die Autoren gehen von rund 620 Millionen Fälle psychischer Störungen bei Frauen und 552 Millionen bei Männern aus. „Im Vergleich zu Männern haben Frauen häufiger ein geringeres Selbstwertgefühl, stärker körperbezogene Scham und höhere Raten häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe“, heißt es in dem Bericht.

Weitere mögliche Erklärungen sind biologische Veränderungen – insbesondere rund um Schwangerschaft und Geburt –, wachsende berufliche Verantwortung sowie strukturelle Ungleichheiten wie geschlechtsspezifische Diskriminierung.

Bei Frauen treten vor allem Depressionen und Angststörungen auf. Anhaltende depressive Störungen, bipolare Störungen, Anorexia nervosa und Bulimia nervosa sind bei ihnen ebenfalls häufiger als bei Männern.

Bei Männern sind dagegen neuroentwicklungsbedingte und Verhaltensstörungen – darunter ADHS, Verhaltensstörungen und Autismus – weiter verbreitet.

Die weltweit höchste psychische Belastung findet die Studie bei Jugendlichen im Alter von 15 bis 19 Jahren. Das unterstreicht den Bedarf an früher Prävention und gezielter Unterstützung für Heranwachsende.

Der Bericht nennt mehrere zentrale Risikofaktoren für psychische Erkrankungen: Dazu gehören sexuelle Gewalt in der Kindheit, Gewalt in Partnerschaften und Mobbing. Sie stehen im Zusammenhang mit Störungen wie Schizophrenie, Depressionen, bipolaren Störungen, Angststörungen, Verhaltensstörungen und Bulimia nervosa.

Diese Faktoren allein erklären den starken Anstieg jedoch nicht ausreichend. Ihre Häufigkeit blieb über die Zeit relativ stabil und machte im Jahr 2023 nur 18 Prozent der durch psychische Störungen verlorenen behinderungsbereinigten Lebensjahre (DALYs) aus – einem Maß für gesunde Lebensjahre, die Krankheit oder Behinderung kosten.

Zur Info: DALYs (Disability-Adjusted Life Years) sind ein Bewertungsmaß aus der Gesundheitsökonomie. Sie beziffern die gesamte Krankheitslast einer Bevölkerung, indem sie die Anzahl der Jahre in Gesundheit zusammenrechnen, die durch vorzeitigen Tod oder krankheitsbedingte Einschränkungen verloren gegangen sind. Ein DALY steht für ein verlorenes Jahr an voller Gesundheit. Die Gesamtzahl setzt sich aus zwei Faktoren zusammen:

(YLL - Years of Life Lost: durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre.

(YLD - Years Lived with Disability: mit Krankheit, Verletzung oder Behinderung gelebte Jahre

Die Autoren gehen davon aus, dass das psychische Wohlbefinden von einem deutlich komplexeren Geflecht beeinflusst wird – wie Genetik, Biologie, Armut, zunehmender Ungleichheit und großen globalen Krisen wie Kriegen, Pandemien, Naturkatastrophen und der Klimakrise.

Obwohl psychische Störungen seit Langem zu den führenden Ursachen für Behinderung weltweit zählen, warnt der Bericht, dass die globale Belastung weiter zunimmt. Zugleich hält der Ausbau der psychischen Versorgung mit der wachsenden Nachfrage nicht Schritt. „Besorgniserregend ist, dass dieser Anstieg der Belastung nicht mit einem entsprechenden Ausbau psychiatrischer und psychotherapeutischer Angebote auf globaler Ebene einhergeht“, schreiben die Autoren.