Archäologie
: Wie das antike Nomadenvolk der Skythen seine Eliten bestattete

Eine neue Studie zu alter DNA liefert Hinweise darauf, dass politische Macht unter skythischen Eliten möglicherweise über Familienlinien vererbt wurde, die sich über mehrere Begräbnisstätten erstreckten.
Von
Markus Brauer
Leipzig/Almaty
Jetzt in der App anhören
Der Grabhügel „Kurgan Shilikty 16“ in Kasachstan vor den Ausgrabungsarbeiten.

Der Grabhügel „Kurgan Shilikty 16“ in Kasachstan vor den Ausgrabungsarbeiten.

© Rinat Zhumatayev/Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
  • Studie: Alte DNA zeigt, dass skythische Eliten ihren Status in Familienlinien vererbten.
  • Analysiert wurden 85 Individuen aus Zentral-Eurasien – 38 Elite und 47 Nicht-Elite.
  • Enge Verwandtschaft zwischen Eliten über mehr als 100 Kilometer entfernte Gräberfelder.
  • Fast die Hälfte der Elitepersonen war weiblich, klare Patrilokalität oder Matrilokalität fehlt.
  • „Goldener Mann“ von Issyk genetisch verortet und höchstwahrscheinlich männlich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eine neue Studie zu alter DNA liefert Hinweise darauf, dass politische Macht unter skythischen Eliten möglicherweise über Familienlinien vererbt wurde, die sich über mehrere Begräbnisstätten erstreckten.

Seit Jahrhunderten gelten die Skythen als ein Volk nomadischer Reiter, das in der Eisenzeit die weiten Steppen Eurasiens durchzog. Dieses Bild ist bis heute wirkmächtig.

Hochmobile, berittene Nomaden der Eisenzeit

Die Kultur der skythisch-sibirische Reiternomaden entstand im ersten Jahrtausend v. Chr. und erstreckte sich vom Altai-Gebirge bis zum Schwarzen Meer. Die Skythen waren hochmobile, berittene Nomaden, die in der Eisenzeit die weiten Räume der eurasischen Steppe durchquerten.

In dieser Zeit entstanden in der gesamten eurasischen Steppe große Grabhügel für Personen mit einem hohen gesellschaftlichen Status. In diesen aufwendig angelegten, monumentalen Gräbern wurden häufig reich geschmückte Frauen und Männer mit Goldornamenten, Waffen und geopferten Tieren bestattet.

Andere Personen wurden hingegen in deutlich kleineren und schlichteren Hügelgräbern mit nur wenigen oder gar keinen Grabbeigaben beigesetzt. Solche markanten Unterschiede werden seit Langem als Hinweis auf eine zunehmende soziale Ungleichheit und das Entstehen mächtiger Eliten innerhalb der eisenzeitlichen Bevölkerung gedeutet.

Kleidermode der Skythen, frühe griechische Kultur, 8. und 7. Jahrhundert v. Chr.: von links, Bogenschütze im Lederrock, Krieger mit kegelförmiger Mütze, Bogenschütze mit sackartigen, großen Köchern und Krieger in ähnlicher Tracht.

Kleidermode der Skythen, frühe griechische Kultur, 8. und 7. Jahrhundert v. Chr.: von links, Bogenschütze im Lederrock, Krieger mit kegelförmiger Mütze, Bogenschütze mit sackartigen, großen Köchern und Krieger in ähnlicher Tracht.

Imago/H. Tschanz-Hofmann

46 neu sequenzierte Genome

Eine zentrale Frage blieb jedoch bislang unbeantwortet: Wie wurde Elitenstatus erhalten und weitergegeben? Wurden Machtpositionen durch individuelle Leistung erworben oder vererbt?

In der Studie des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und am Institut für Genetik und Physiologie in Almaty wurde die genomweite DNA von 85 Individuen aus der Eisenzeit analysiert, darunter 38 Angehörige der Elite und 47 Nicht-Elitepersonen aus dem Raum Zentral-Eurasien.

Sie umfasst 46 neu sequenzierte Genome sowie erstmals genomweite Daten des berühmten skythisch-sakischen „Goldenen Mannes“ von der archäologischen Fundstätte Issyk in Kasachstan, die zu den herausragendsten archäologischen Entdeckungen der zentraleurasischen Steppe zählt.

Dieses goldene Schmuckteil stellt zwei mit Pfeil und Bogen bewaffnete Skythenkrieger dar.

Dieses goldene Schmuckteil stellt zwei mit Pfeil und Bogen bewaffnete Skythenkrieger dar.

Imago/AGB Photo

Der goldene Mann der Skythen

Zu den bedeutendsten Funden aus der zentraleurasischen Steppe zählen die Kurgane von Issyk in Kasachstan, die sich etwa 50 Kilometer östlich von Almaty befinden. Bei den Ausgrabungen dieses mit der eisenzeitlichen Saka-Kultur verbundenen königlichen Gräberkomplexes wurde die auf 400–300 v. Chr. datierte Begräbnisstätte des „Goldenen Mannes“ entdeckt.

Die Person wurde in einer Holzkammer beigesetzt, in der sich mehr als 4000 Goldornamente, Waffen, eine mit Gold verzierte Kopfbedeckung, zoomorphe Artefakte sowie eine Silberschale mit unbekannter Schrift befanden.

Rekonstruktion des ikonischen „Goldenen Mannes“.

Rekonstruktion des ikonischen „Goldenen Mannes“.

© Gulmira Mukhtarova//Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

In der aktuellen Studie, die im Fachjournal „Science Advances“ erschienen ist,  ermöglichen die genomweiten Daten des „Goldenen Mannes“ erstmals genetische Einblicke in das Leben dieser ikonischen Person. Die Ergebnisse verorten ihn innerhalb der genetischen Variation eisenzeitlicher Saka-Individuen und tragen zugleich zur Klärung einer lange diskutierten Frage bei. Die Person war höchstwahrscheinlich männlich.

Familiäre Verbindungen zwischen Elitebestattungen

Durch die Analyse alter Genome von Personen aus skythischen Elitegräbern und den Vergleich mit Nicht-Elitebestattungen haben die Forscher Hinweise auf enge familiäre Beziehungen zwischen Eliteangehörigen über mehrere, mehr als 100 Kilometer voneinander entfernte Gräberfelder hinweg identifiziert.

Zudem fanden sich Anzeichen für Paarbeziehungen zwischen Verwandten. Die Ergebnisse deuten demnach darauf hin, dass der Elitenstatus innerhalb miteinander verflochtener Familienlinien erhalten wurde, die die politische Autorität und soziale Organisation in der zentraleurasischen Steppe prägten.

Skythischer Reiter

Skythischer Reiter

Imago/AGB Photo

Komplexe soziale Organisation der skythischen Eliten

„Wir hatten nicht erwartet, dass sozialer Status von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Es zeigte sich jedoch eindeutig, dass Personen mit hohem Status enger miteinander verwandt waren – selbst wenn sie an unterschiedlichen archäologischen Stätten bestattet worden waren – als mit Personen niedrigen Status, die an denselben Orten wie die Eliten begraben lagen“, sagt Ainash Childebayeva vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und dem Institut für Genetik und Physiologie in Almaty.

Die Forscher fanden keine eindeutigen Hinweise darauf, dass der Elitenstatus mit patrilokalen oder matrilokalen Lebensweisen verbunden war. Dies legt eine komplexere soziale Organisation der skythischen Eliten nahe, die nicht allein auf Geschlechterdifferenzierung beruhte.

Weibliche Elitepersonen in der skythischen Gesellschaft

Die Studie wirft auch ein neues Licht auf die Rolle von weiblichen Elitepersonen in der skythischen Gesellschaft. „Eine wichtige Beobachtung war die auffällige Präsenz von Frauen innerhalb der Elite“, erklärt Ayshin Ghalichi. „Fast die Hälfte der Elitepersonen in unserem Datensatz war weiblich. Das zeigt, dass Frauen in der skythischen Gesellschaft der Eisenzeit einen hohen sozialen Status innehaben konnten.“

Die Präsenz von Elitefrauen in reich ausgestatteten Gräbern, verbunden mit genomischen Hinweisen auf Verwandtschaftsbeziehungen zwischen hochrangigen Personen über verschiedene Begräbnisstätten hinweg, deutet auf eine Gesellschaft hin, in der Status, Autorität und Verwandtschaft eng miteinander verknüpft waren.

Die Skythen bewohnten ab dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. die eurasischen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres im heutigen Südrussland und der Ukraine von der unteren Wolga und dem Kuban bis zum Dnister. Sie wurden im 4./3. Jahrhundert v. Chr. von den kulturell nahestehenden Sarmaten, die sich als Stammesverband zuvor zwischen der unteren Wolga und der Südspitze des Urals gebildet hatten, unterworfen und assimiliert.

Die Skythen bewohnten ab dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. die eurasischen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres im heutigen Südrussland und der Ukraine von der unteren Wolga und dem Kuban bis zum Dnister. Sie wurden im 4./3. Jahrhundert v. Chr. von den kulturell nahestehenden Sarmaten, die sich als Stammesverband zuvor zwischen der unteren Wolga und der Südspitze des Urals gebildet hatten, unterworfen und assimiliert.

Imago/Kena Images

Autorität der Familiennetzwerke von Eliten

Die Ergebnisse legen nahe, dass politische Autorität unter eisenzeitlichen skythischen Gruppen eher über erweiterte Familiennetzwerke der Elite organisiert war als über einfache Residenzmuster entlang männlicher oder weiblicher Linien.

Leyla Djansugurova vom Institut für Genetik und Physiologie in Almaty (Kasachstan) erläutert die breitere kulturelle Bedeutung der Studie: Skythen und Saken seien Sammelbezeichnungen für nomadische Stämme der frühen Eisenzeit. Sie bewohnten den zentraleurasischen Raum von der Donau bis zum Altai.

Was die skythischen Stämme verband

Die antiken hätten sie Skythen genannt. Der griechische Historiker Herodot prägte diesen Begriff, während persische und indische Quellen sie als Saken bezeichneten. Historisch bezieht sich der Begriff Skythen häufiger auf die westlichen Stämme im Schwarzmeerraum, der Begriff Saken dagegen auf die östlichen Gruppen in Zentralasien und im Altai.

„All diese Stämme verband der skythisch-sakische Tierstil in der Kunst sowie eine ausgeprägte militärische Fertigkeit und nomadische Viehwirtschaft“, erläutert Leyla Djansugurova. Sie verfügten über keine eigene Schriftsprache, hinterließen jedoch große Grabhügel, deren Erforschung das weltweite Verständnis der Kultur nomadischer Völker Eurasiens in dieser Epoche maßgeblich geprägt hat.

Grabhügel von Issyk

Das eindrucksvollste Beispiel skythisch-sakischer Kultur ist der „Goldene Mann“ aus dem Grabhügel von Issyk, der zum nationalen Symbol Kasachstans geworden ist. Darüber hinaus sind zahlreiche weitere Funde von „Goldenen Männern“ und „Goldenen Frauen“ durch kasachische Archäologen bekannt.

Der besondere Wert dieser genetischen Studie liegt darin, dass erstmals verlässliche DNA-Daten zu zahlreichen Objekten der sakischen Elite, darunter der „Goldene Mann“ aus dem Grabhügel von Issyk, die „Prinzessin von Urzhar“ und der „Goldene Mann von Shilikty“, gewonnen wurden.

Von besonderer Bedeutung ist auch, dass skythisch-sakische Elitepersonen im Vergleich zu Nicht-Elitepersonen untersucht wurden, die an denselben Fundorten entdeckt worden waren. Dies ermöglicht es, Besonderheiten des Heiratsverhaltens der Eliten zu bestimmen und miteinander verbundene Totenstädte - Nekropolen - zu identifizieren. So bereichert diese genetische Studie das Wissen über die skythisch-sakische Kultur erheblich.